Ehrgeizige Zuwanderer-Eltern Mein Kind soll's machen

Schlechte Chancen, große Hoffnungen - türkischstämmige Eltern sehen ihre Kinder in der Schule benachteiligt. Doch eine neue Studie zeigt: Sie geben sich auch viel mehr Mühe als Deutschstämmige, ihre Kleinen zu unterstützen. Bei aller Unzufriedenheit glauben sie fest daran, dass aus ihren Kindern etwas wird.

Von Heike Sonnberger und

Ehrgeizige Ziele für den Nachwuchs: Türkischstämmige Eltern legen sich besonders ins Zeug
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Ehrgeizige Ziele für den Nachwuchs: Türkischstämmige Eltern legen sich besonders ins Zeug


Sie machen seltener Abitur, brechen öfter die Schule ab, haben größere Probleme bei der Jobsuche: Studien zeigen immer wieder, dass Kinder aus Zuwandererfamilien im deutschen Bildungssystem benachteiligt sind. Doch woran liegt das?

Eine neue und repräsentative Studie zeigt jetzt, wie Eltern sich die Ungerechtigkeiten erklären und wie unzufrieden sie mit der Leistung der Lehrer sind. Sie beleuchtet zudem, wie sich die Sichtweise unterscheidet: zwischen türkischstämmigen Müttern und Vätern und den Eltern in Deutschland insgesamt, zwischen Ost und West und zwischen verschiedenen sozialen Schichten.

So sehen Eltern mit türkischen Wurzeln die Schuld für die Benachteiligung eher bei den Lehrern und seltener bei sich selbst, als dies bei den Eltern insgesamt der Fall ist. Zugleich versuchen türkische Eltern deutlich häufiger, ihre Kinder zu unterstützen - fühlen sich damit aber öfter überfordert.

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Zorn der Eltern: So groß ist der Schulfrust bei Müttern und Vätern
Das ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung, die an diesem Dienstag vorgestellt wird. Das Institut hat 1256 Eltern zu ihren Bildungs- und Erziehungszielen befragt, darunter 214 türkischstämmige Mütter und Väter.

Was türkischstämmige Eltern den Lehrern vorwerfen

Nur 28 Prozent der türkischstämmigen Eltern glauben, dass ihre Kinder die gleichen Chancen haben wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Unter allen befragten Eltern sind 43 Prozent dieser Meinung.

Dafür nannten sie unterschiedliche Gründe: Türkischstämmige Eltern glauben deutlich öfter,...

  • ...dass viele Lehrer Vorurteile gegenüber Schülern aus Zuwandererfamilien haben (63 Prozent).
  • ...dass die Lehrer Zuwandererkinder zu wenig fördern (54 Prozent).
  • ...dass Lehrer mit ihnen überfordert sind (51 Prozent).
  • ...dass ihr Nachwuchs bei gleicher Leistung schlechter beurteilt wird als deutsche Kinder (51 Prozent).

Alle befragten Eltern zusammengenommen nannten diese Gründe deutlich seltener. Fast 90 Prozent glauben, dass Schüler von Einwanderern schlechtere Chancen haben, weil sie nicht gut genug Deutsch sprechen und zu Hause nicht ausreichend unterstützt werden können. Trotzdem sind alle Eltern weitestgehend einig, dass Zuwandererkinder gut bis sehr gut integriert sind.

Die Umfrage ergab auch, dass türkischstämmige Mütter und Väter besonders ehrgeizig sind, was ihre Sprösslinge betrifft - und dass bei ihnen auch die Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg besonders ausgeprägt ist: Fast drei Viertel wollen, dass es ihren Kindern später einmal besser geht als ihnen selbst. Und mehr als die Hälfte glaubt, dass das auch eintreffen wird.

Bildung - was ist das eigentlich?

Dafür strengen sie sich besonders an: Fast zwei Drittel der türkischstämmigen Mütter und Väter helfen oft oder gelegentlich bei den Hausaufgaben, während das nur gut die Hälfte aller Eltern tut. Für türkische Eltern ist diese Hilfe allerdings oft mühsam: 48 Prozent gaben an, dass ihnen die Hausaufgabenhilfe schwer oder sehr schwer fällt - verglichen mit 35 Prozent aller Eltern. Mehr als die Hälfte wünscht sich, dass der Staat sie bei der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder mehr unterstützt.

Dass Bildung wichtig ist, darin war sich die Mehrheit der Befragten einig - über alle sozialen Schichten hinweg. Aber was gehört unbedingt zu guter Bildung? Rund drei Viertel der Befragten nannten ein breites Wissen und "dass man sich sprachlich gut ausdrücken kann".

Nur die Hälfte findet auch Fremdsprachen, gute Manieren, Computerkenntnisse und Wissen über das aktuelle Geschehen unverzichtbar. Und obwohl komplexe Wirtschaftsthemen wie die europäische Schuldenkrise derzeit täglich die Medien beschäftigen, hält nicht einmal jeder dritte Elternteil ein Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge für unbedingt nötig.

Fast die Hälfte der Befragten findet, dass Interesse an der Philosophie nicht zu einer guten Bildung gehört. Beinahe genauso vielen ist unwichtig, dass ihre Kinder ein Musikinstrument spielen oder viel von der Welt gesehen haben.

Es zeigt sich allerdings auch, dass die Vorstellung von Bildung stark von der sozialen Schicht abhängt: So empfinden es bessergestellte Mütter und Väter als deutlich wichtiger, dass ihre Kinder Fremdsprachen beherrschen, das aktuelle Geschehen verfolgen, mit Zeitungen, Fernsehen und Radio "sinnvoll umgehen" und viel lesen. Sozial benachteiligte Eltern wiederum schätzen die Bedeutung von Computerkenntnissen und handwerklichem Geschick deutlich höher ein.

Bei der Frage, was Erziehung leisten soll, klaffen die Vorstellungen zwischen Ost- und Westdeutschland auseinander: Im Westen setzen Eltern demnach stärker auf Verantwortungsbewusstsein und Toleranz. Im Osten hingegen stehen Disziplin, Leistungsbereitschaft und Wissensdurst im Vordergrund.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
herecomesthebut 11.10.2011
1. Die Zahl die mir als erstes aufgefallen ist
Ist, dass die höchste Prozentzahl der Leute, die denken, dass Naturwissenschaftliche Kenntnisse zu einer guten Bildung gehören 39% ist, bei den Bildungsnahen.
franzdenker 11.10.2011
2. Lehrer - überfordert, belächelt, unzufrieden
Zitat von sysopSchlechte Chancen, große Hoffnungen - türkischstämmige Eltern sehen ihre Kinder in der Schule benachteiligt. Doch eine neue Studie zeigt: Sie*geben sich auch viel mehr Mühe,*ihre Kleinen*zu unterstützen. Denn bei aller Unzufriedenheit glauben sie fest daran, dass aus ihren Kindern etwas wird. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,791036,00.html
Das viele Lehrer große Vorurteile haben sehe ich auch so. Von einigen Bekannten weiß ich, dass schon Lehramtsstudenten ein sehr negatives Bild von Migranten haben und dass, obwohl sie noch kein Schulpraktikum absolviert haben. Woran liegt das? Der Studiengang Lehramt ist ein "Rest"studiengang. Wer schlechte Noten hat und nicht weiß was er machen soll wird Lehrer. Die Abläufe in der Schule sind bekannt und auch die Arbeitszeiten und Einkommen gelten als human. Das trifft sicher nicht auf alle zukünftigen Lehrer zu, aber ganz sicher etwa auf 60 %.
petrapanther 11.10.2011
3. Erschreckend...
...dass offenbar nur 27% der Eltern der Meinung sind, Kenntnisse in Naturwissenschaften gehoeren unbedingt zu einer guten Bildung dazu!
OHCRIKEY 11.10.2011
4. ...
Zitat von sysopSchlechte Chancen, große Hoffnungen - türkischstämmige Eltern sehen ihre Kinder in der Schule benachteiligt. Doch eine neue Studie zeigt: Sie*geben sich auch viel mehr Mühe,*ihre Kleinen*zu unterstützen. Denn bei aller Unzufriedenheit glauben sie fest daran, dass aus ihren Kindern etwas wird. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,791036,00.html
Angesichts des guten Abschneidens vietnamesischer bzw asiatischer Zuwanderer im deutschen Schulsystem ist es gelinde gesagt seltsam, dass es bei den Zuwanderern aus der Türkei mal wieder das System sein soll. Ich kenne mehrere Zuwandererkinder mit Abitur, auch aus meinem eigenen Jahrgang, von denen sich niemand benachteiligt fühlte. Dass die Eltern türkischer Migranten sich im statistischen Durchschnitt mehr Mühe geben ist dann wohl auch eher als Satire zu verstehen, nehme ich an. Ich habe jedenfalls noch keinen Vietnamesen oder Russlanddeutschen der dritten Generation getroffen, der kein anständiges Deutsch konnte.
Urquhart, 11.10.2011
5. Realität
Zitat von OHCRIKEYAngesichts des guten Abschneidens vietnamesischer bzw asiatischer Zuwanderer im deutschen Schulsystem ist es gelinde gesagt seltsam, dass es bei den Zuwanderern aus der Türkei mal wieder das System sein soll. Ich kenne mehrere Zuwandererkinder mit Abitur, auch aus meinem eigenen Jahrgang, von denen sich niemand benachteiligt fühlte. Dass die Eltern türkischer Migranten sich im statistischen Durchschnitt mehr Mühe geben ist dann wohl auch eher als Satire zu verstehen, nehme ich an. Ich habe jedenfalls noch keinen Vietnamesen oder Russlanddeutschen der dritten Generation getroffen, der kein anständiges Deutsch konnte.
Würde es eine Studie geben, die die Realität widerspiegeln würde, würde sie wohl kaum in SPON breitgetreten. Ich glaube jedenfalls von dem Geschreibsel kein Wort.
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