Erstklässler Bildungsforscher fordert flexible Einschulung - unabhängig vom Alter

Einschulung mit fünf? Viele Eltern sind skeptisch und warten immer länger, bis sie ihr Kind in die Schule schicken. Ein Bildungsforscher empfiehlt nun, die bisherigen Stichtage komplett abzuschaffen.

Erstklässler an der der Werner-Lindemann-Grundschule in Rostock
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Erstklässler an der der Werner-Lindemann-Grundschule in Rostock


Länger im Kindergarten bleiben oder doch lieber so früh wie möglich in die Schule? In dieser Frage deutet sich eine Trendwende an: In mehreren Bundesländern nimmt die Zahl der Schüler ab, die sehr jung in die erste Klasse kommen. Das zeigt eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur:

  • In Nordrhein-Westfalen wurden im vergangenen Schuljahr 3896 Kinder mit fünf Jahren eingeschult, von insgesamt 159.805 Eingeschulten. 2016 waren noch rund 750 Kinder mehr mit fünf Jahren in die Schule gekommen - bei einer fast identischen Zahl an Gesamtanmeldungen.

  • In Sachsen-Anhalt starteten im August vergangenen Jahres 190 Jungen und Mädchen mit fünf Jahren ihre Schullaufbahnen. Zum Schuljahr 2005/2006 waren es noch fast 600 Kinder und damit knapp dreimal so viele.

  • In Baden-Württemberg wurden 2004/05 fast zwölf Prozent der Erstklässler vorzeitig eingeschult, nun werden es nur noch rund zwei Prozent sein.

"Es hat ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden", sagt Anne Deimel vom NRW-Landesverband Bildung und Erziehung (VBE). "Man sollte Kindern und Jugendlichen die nötige Zeit geben." Früher sei es in der Bildung mehr um Schnelligkeit gegangen.

Der Bundeselternrat verweist auf die Qualität der Kitas, die heute viel besser sei als noch vor zehn Jahren. "Ich kann nachvollziehen, wenn Eltern ihren Kindern länger Zeit im Kindergarten geben wollen", sagt Elternratschef Stephan Wassmuth.

Auch Schulforscher Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung sagt: "Eltern erleben Kitas zunehmend nicht nur als Betreuungs-, sondern auch als Bildungseinrichtungen." Gute Kitas förderten Kinder in der Sprachentwicklung und führten sie an die Welt der Zahlen heran. "Damit sinkt auch der Druck für Eltern, Kinder möglichst früh einschulen zu müssen."

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Als einen möglichen Grund für die zurückgehende Zahl eingeschulter Fünfjähriger nennt Zorn, dass der Elternwille bei Politikern angekommen sei - wie zum Beispiel in Berlin. Der Stichtag für die Einschulung in der Hauptstadt wurde zum Schuljahr 2017/18 um drei Monate verschoben: Schulpflichtig sind seither alle Kinder, die bis zum 30. September des Einschulungsjahres sechs werden. Vorher wurden Kinder zum Teil schon mit fünfeinhalb Jahren eingeschult. Die neue Regelung scheint bei den Eltern gut anzukommen, die Zahl der sogenannten Zurückstellungen um ein Jahr ging prompt deutlich zurück.

Eine uralte Diskussion

"Angesichts der steigenden Vielfalt im Klassenzimmer heißt das Gebot der Stunde personalisiertes, individualisiertes Lernen", sagt Dirk Zorn und plädiert für ein radikales Umdenken: Die Politik sollte aus seiner Sicht über flexible "Schuleingangsphasen" nachdenken. Im Extremfall könne das heißen, dass die Schüler gar nicht mehr zu einem jährlichen Stichtag eingeschult würden. "Ein Kind könnte dann flexibel unterjährig von der Kita in die Schule wechseln, wenn es reif dafür ist." Das könne "im April sein oder auch im November, je nachdem. Eine Debatte darüber wäre wünschenswert".

Der Vorschlag klingt radikal, knüpft bei den Kultusministern aber an uralte Diskussionen an. Schon 1997 hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) in einem Beschluss festgestellt, dass ein Altersstichtag für den Schulanfang nicht unbedingt zweckmäßig ist.

Wenn man nur auf das Alter des Kindes schaue, sei das keine gute Grundlage für eine Entscheidung zur Einschulung. Deshalb, so heißt es in dem 21 Jahre alten KMK-Beschluss weiter, könnten die Länder "zusätzlich Einschulungsmöglichkeiten während eines Schuljahres vorsehen".

Christine Cornelius/dpa/him



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aggro_aggro 30.08.2018
1. Überprüfen
In NRW wird jedes Kind, dass im September geboren ist mit 5 Jahren eingeschult. Das sollte 1/12 der Schüler sein, also mehr als 13.000 Schüler schon ganz regulär.
franz-burbach 30.08.2018
2. Die Idee mit der früheren Einschulung
Selbst wurde ich auch mit 5 Jahren eingeschult, mit der Begründung,: Das ist gut, dann hat der Junge ein ganzes Jahr im Beruf verdient. Stimmt zwar, ich war mit 16 schon ein geprüfter Geselle. Aber heute im Alter weiß ich das war absolut Idiotisch. Man hat mir nur ein Jahr von einer wunderbaren Kindheit geklaut. Und nichts hat man damit verdient.
jj2005 30.08.2018
3. "Fliessende" Einschulung ist problematisch
Gerade in der ersten Klasse werden Grundlagen in Lesen, Schreiben, Rechnen gelegt. Wenn ein Kind erst im Februar dazustösst, darf die Lehrkraft dem Kind dann höchstpersönlich den Stoff der ersten sechs Monate individuell vermitteln? Zu Lasten der anderen Kinder? Dagegen wäre eine individuelle "Reifeprüfung" schon denkbar. Manche Kinder sind schon mit 4 Jahren bereit für die erste Klasse, andere erst mit 7. Aber nicht übertreiben - wenn intelligente 10-jährige mit reifen 13-jährigen die Klasse teilen, kommt es zu Problemen ganz anderer Art.
Filsbachlerche 30.08.2018
4. Es ist schon fast fünf Jahrzehnte her
Eine meiner Töchter stand zur Einschulung an. Ich fand sie dafür noch zu kindlich und verspielt. Daher führte ich bei ihr einen Schulreifetest durch (für Fachleute: nach Lauster). Sie bestand diesen sehr knapp. Ich suchte den Rektor der Grundschule auf und wies ihn auf diese Testergebnisse hin. Dieser Rektor bestand auf der Einschulung aufgrund des gesetzlichen Eintrittsalters. Das gesetzlich festgelegte Schuleintrittsalter entbehrt jeglicher pädagogischen und entwicklungspsychologischen Grundlage. Meine Tochter mußte verfrüht zur Schule, ohne wirklich voll schulreif gewesen zu sein! Ich bin noch heute der Überzeugung, sie hätte auch ein Gymnasium besuchen und ein ordentliches Abitur ablegen können, wenn sie ein Jahr Aufschub gehabt hätte. So mußte sie einen anderen Weg gehen. Sie ist auch so glücklich geworden. Aber sie hätte eine bessere Einstiegsmöglichkeit verdient gehabt. Aber: Gesetz ist Gesetz - und wenn es noch so unsinnig ist!
struppimz 30.08.2018
5. Fehlende Ganztagsbetreuung ...
... an Schulen kann auch dazu führen, dass Eltern - notgedrungen - ihr Kind lieber 1 Jahr länger im Kindergarten lassen. Dieser Aspekt fehlt leider völlig in der Betrachtung!
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