Einschulung Frühjahrs-Kinder im Nachteil

Ein paar Wochen oder sogar Tage können viel ausmachen. Eine Studie zeigt, dass Kinder in der Schule schlechter abschneiden, wenn sie kurz vor dem Stichtag für die Einschulung geboren wurden: Sie erhalten deutlich seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium.


Die Bildungschancen im deutschen Schulsystem hängen in erheblichem Maße vom Geburtsmonat eines Kindes ab. Zu diesem Ergebnis kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Kinder, die kurz nach dem für die Einschulung relevanten Stichtag geboren sind, bekommen nach der Grundschule mit einer um acht Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit eine Gymnasialempfehlung als Kinder mit Geburtstag kurz vor dem Stichtag.

Viertklässlerin mit Lesebuch: Pech der frühen Geburt?
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Viertklässlerin mit Lesebuch: Pech der frühen Geburt?

Bei der Einschulung gilt in Deutschland die Stichtags-Regelung: Alle Kinder, die bis zum 30. Juni eines Jahres ihren sechsten Geburtstag gefeiert haben, können schon ihren Schulranzen packen. Dagegen werden Kinder, die zwischen dem 1. Juli und dem 1. August sechs Jahre alt werden, zurückgestellt und in der Regel erst im darauf folgenden Jahr eingeschult.

In Westdeutschland erhalten knapp 37 Prozent der im Juni geborenen Kinder eine Empfehlung für das Gymnasium - fast acht Prozent weniger als bei Kindern, die im Juli geboren wurden und entsprechend elf Monate älter sind. Diese Gruppe zeigt eine Empfehlungsquote von knapp 45 Prozent.

Die gleiche Tendenz gibt es auch in Ostdeutschland: 37 Prozent der jüngeren "Maikinder" bekommen eine Gymnasialempfehlung, während gut 43 Prozent der älteren, im Juni geborenen Kinder aufs Gymnasium geschickt werden. Die Unterscheidung von Ost- und Westdeutschland ist wegen der unterschiedlichen Stichtage zur Einschulung notwendig. Denn in der früheren DDR wurden die Kinder schulpflichtig, die bis zum 31. Mai das sechste Lebensjahr vollendet hatten.

Kriterien der Empfehlungen sind unklar

Ganz vermeiden ließen sich Ungerechtigkeiten durch die Stichtagsregelung nicht, schreiben die Forscher und sehen dennoch Verbesserungsmöglichkeiten bei den Empfehlungen der Grundschule für die weiterführende Schule. Auf welche Erfahrungswerte sich die Lehrer bei ihren Prognosen stützten, sei völlig unklar, weil es keine Erfolgskontrollen gebe.

Dabei werden die Weichen für den künftigen Bildungs- und Berufsweg meist schon nach der vierten Klasse gestellt. Nach wie vor werden häufig mäßige Schüler für das Gymnasium empfohlen, während gute Schüler an Hauptschulen landen. Manche Bildungsforscher sprechen von einer regelrechten Lotterie - und von einem deutlichen Einfluss der sozialen Schicht der Eltern: "Managersohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter zur Hauptschule", beschreibt zum Beispiel Wilfried Bos, Leiter der internationalen Grundschulstudie Iglu, die ungerechte Notenvergabe in den Grundschulen.

Dem Kind einfach noch ein Jahr Aufschub zu gönnen, bringt indes einer Essener Untersuchung zufolge nichts für den Bildungserfolg: Spät eingeschulte Kinder werden keine besseren Schüler, haben die Forscher herausgefunden.

Die DIW-Forscher sehen das Mitspracherecht der Eltern, das Nordrhein-Westfalen gerade aushebelt, als "notwendiges Korrektiv". Außerdem schlagen sie zentrale Einstufungstests vor, die das Leistungsvermögen unabhängig von Alter und sozialer Herkunft prognostizieren, um kurzfristig die Chancengleichheit zu verbessern. Langfristig sei auch "die von vielen Bildungsforschern geforderte zeitliche Verschiebung der Zuordnung der Schüler zu den verschiedenen Schultypen in Betracht zu ziehen", formulieren sie etwas gewunden.

Gemeint ist damit eine spätere Schulempfehlung: Die Grundschüler aller Leistungsstufen sollen mehr Jahre gemeinsam verbringen. Denn dann spielt das Einschulungsdatum eine geringere Rolle für die schulische Leistung und soziale Reife. Politisch aussichtsreich ist diese Forderung derzeit nicht gerade: Die konservativ regierten Bundesländer wenden sich vehement gegen eine längere Grundschulzeit und an alles, was sie an die Gesamtschule erinnert. Niedersachsen zum Beispiel hat die Orientierungsstufe in der fünften und sechsten Klasse gerade abgeschafft.

cpa/jol

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