Ganz harte Schule Mein Nebenjob als "Schulkindmutti"

Ihr Kind wird eingeschult? Herzlichen Glückwunsch, dann bekommen Sie einen abwechslungsreichen Nebenjob - ohne Bewerbung, ohne Lohn.

Mutter mit Schulkindern
Getty Images

Mutter mit Schulkindern

Eine Kolumne von


Als mein erstes Kind eingeschult wurde, ahnte ich nicht, was auf mich zukommt: ein Nebenjob als "Schulkindmutti". Es ist eine Tätigkeit, die nicht an allen, aber vielen Schulen automatisch vergeben wird und die in der Regel größte zeitliche Flexibilität sowie besondere Kompetenzen in Hauswirtschaft erfordert. Frauen werden nicht nur bei gleicher Eignung bevorzugt. Die Arbeit ist formal freiwillig, grundsätzlich unbezahlt - und vielfältig.

Mit der Einschulung meines Sohnes vor rund 15 Jahren durfte ich mich sofort in verschiedene "Dienstpläne" eintragen: montags in der "aktiven Pause" Spielgeräte ausgeben, freitags in der "gesunden Pause" Obst schnippeln. Als "Lesemutter" sollte ich mit Erstklässlern lesen üben, als "Milchmutter" in der Pause Kakao verkaufen und beim Lotsendienst aufpassen, dass kein Kind unter die Räder gerät. Zusätzlich war Hilfe bei größeren Back- und Bastelprojekten sowie Klassenausflügen gefragt.

Mit 24 Kindern ins Schwimmbad

Später kam die Schwimmbegleitung dazu. Dienstzeit: circa 9:30 bis 11:45 Uhr. Die Aufgabe: 24 Kinder in der Schule abholen, mit ihnen in den Bus steigen und ins Hallenbad fahren. Dort 24 Kinder beim Umziehen beaufsichtigen (was sich die Jungs ab Klasse 3 zurecht verbitten) und antreiben, damit sie pünktlich beim Schwimmlehrer sind. Zugucken, warten.

Nach dem Schwimmunterricht wieder 24 Kinder antreiben, damit sie inklusive aller Haargummis, Socken, Badehosen etc. wieder pünktlich in den Bus steigen und zum Deutschunterricht in der Schule abgeliefert werden. Besondere Herausforderung: Auf dem Weg von der Umkleide zum Bus sollen die Schüler bitte nichts am Süßigkeiten-Automaten kaufen. Ansage von der Schule.

Spaßfaktor: hoch

Der Job kann viel Spaß machen, und zwar wegen der Kinder. Man darf ausführlich erzählten Witzen und lustig umgedichteten Weihnachtsliedern zuhören. Man kann sich nochmal abgucken, wie souverän Kinder mit blöden Sprüchen umgehen: Pfff sagen, umdrehen, weggehen - nicht mehr dran denken.

Man bekommt Gummibärchen geschenkt oder darf - als Zeichen echter Zuneigung - mal von der Milchschnitte abbeißen. (Na gut, beim Süßigkeiten-Automaten war ich vielleicht nicht ganz professionell.) Jedenfalls ist es mit den Kindern wirklich nett.

Außerdem ist ja immer schön, wenn man einen Sinn in seiner Arbeit sieht. In der Schule fehlen ständig helfende Hände. Viele Angebote lassen sich nur mit Hilfe von Eltern umsetzen. Deshalb finde ich auch selbstverständlich, öfter mal mitzuhelfen. Nur: Die Sache hat auch einige Haken.

Wer will Staubwischen?

Der Aufgabenbereich von Schulkindmuttis ist keineswegs klar umrissen. Das führt bei manchen dazu, dass sie sich gelegentlich aufdrängen und meinen, häufiges Backen und Basteln berechtige sie, auch bei der Gestaltung des Unterrichts mitzureden. Eine klare Kompetenzüberschreitung.

Gleichzeitig spannen Lehrer Schulkindmuttis sehr unterschiedlich ein. Manche verzichten fast ganz auf ihren Einsatz, andere dagegen haben zweifelhafte Erwartungen. Eine Freundin aus Berlin bekam diese E-Mail von der Lehrerin ihres Sohnes, 2. Klasse:

"Liebe Eltern, ich würde mich freuen, wenn ich auf Ihre Hilfe bei einigen Aufgaben zählen könnte. Sagen Sie mir Bescheid, wie Sie uns unterstützen könnten, damit wir einen Arbeitsplan machen: Saubermachen, Staubwischen etc. (alle zwei Wochen), Korrektur im Sprach- und Sachkundeunterricht (zwei Mal in der Woche) oder nachmittags naturwissenschaftliche Experimente mit kleinen Kindergruppen machen."

Gehören solche Aufgaben noch zu normalem Eltern-Engagement? Müssten Helfer im Sprach- und Sachunterricht nicht wenigstens ein bisschen qualifiziert dafür sein? Sollen gratis einsetzbare Schulkindmuttis einfach Lücken füllen, weil die Politik zu wenig Geld in Personal an Schulen investiert?

Ein Vater!

Je nach Art und Umfang ist das zweifelhaft und vor allem schwierig mit einem Hauptjob zu vereinbaren: Berufstätige Mütter können nicht gleichzeitig am Arbeitsplatz und in der Schule sein - ebenso wenig natürlich wie Väter. Immer mehr Männer engagieren sich in Schulen, auch wenn das von ihnen viel weniger erwartet wird als von Frauen.

Die Schulen bitten in der Regel "die Eltern" um Mithilfe. In Wahrheit sind aber meist die Mütter gemeint. Als mein Mann sich zum Milchverkauf meldete, wurde er von Lehrerinnen und Lehrern auf dem Pausenhof wie ein Held gefeiert: "Ein Vater! Super!"

Sollten Papas der neuen Erstklässler also noch einen abwechslungsreichen Nebenjob suchen, der ihnen jede Menge Anerkennung beschert - herzlich willkommen, Kollegen!

Zur Person
  • Silke Fokken, Jahrgang 1972, ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Mit ihren drei Kindern (9, 16 und 20 Jahre) sammelte sie einschlägige Erfahrungen an diversen Schulen: von der Einschulung bis zur Abifeier. Ihr Lebensmotto: Zuhören und Verständnis haben - aber nicht vor dem ersten Kaffee.
insgesamt 120 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Krokodilstreichler 29.08.2017
1.
Meine Mutter hat solche Dinge in der Schule nie gemacht, warum auch? Wozu verdienen denn die Lehrer ihr Geld, wie etwa in Berlin mittlerweile seit August 2017 über 60.000 Euro brutto pro Jahr als Einstiegsgehalt?
cedebe 29.08.2017
2. einfach mal ne eigene Rundmail machen
es fehle noch eine helfende Lehrkraft bei der Erstellung der Monatsbilanz und die Kaffeemaschine im Büro bräuchte auch mal eine Grundreinigung. manchen Schulen scheint nicht klar zu sein, dass auch andere Jonglieren müssen.
howard_phillips 29.08.2017
3. Ich verstehe das Problem nicht!
"ich würde mich freuen, wenn ich auf Ihre Hilfe bei einigen Aufgaben zählen könnte. Sagen Sie mir Bescheid, wie Sie uns unterstützen könnten," was würde denn ach so schreckliches passieren wenn man einfach sagt: Geht nicht keine Zeit, ich muss arbeiten!" und Ende!
andreasclevert 29.08.2017
4. Wie wahr!
Die Sommerferien sind zu Ende. Ich habe es daran gemerkt, dass die Anzahl der angefragten Kuchenspenden, die nach Schulfest, Ausklang Kindergartenjahr, etc. zu Beginn der Sommerferien nachgelassen hatte, nun mit dem Neustart rapide wieder zunimmt. Uns hilft da ungemein der promovierte Kuchenbäcker, wenn hier Schleichwerbung gemacht werden darf :-). Und speziell zum Vater, wie ich es einer bin und mich auch mit Augenmaß melde. Wir werden mit der gleichen Genderbrille angeschaut wie die Muttis. Wenn die Muttis alles backen können, trösten (etc.) sind wir Papas per se die besseren Hausmeister und können alles reparieren. Aber hey, ich bin nicht als Automechaniker auf die Welt gekommen und werde es auch qualitativ nie sein. Das darf ich aber in meiner Schule auch nicht sagen.
fatherted98 29.08.2017
5. Schon blöd...
...wenn man Kinder hat und sich auch noch um dieselben kümmern muss....eine schwere Bürde....gibt es da keine Entlastung durch den Staat?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.