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Tipps für Eltern

Wann soll das Kind in die Schule?

Viele Eltern zerbrechen sich nach dem Start des neuen Kita-Jahres den Kopf: Soll ihr Kind im kommenden Sommer eingeschult werden oder lieber noch nicht? Wann ist der beste Zeitpunkt? Ein Psychologe gibt Rat.

Von

DPA

Einschulungsfeier in Frankfurt (Oder) (Symbobild)

Mittwoch, 12.09.2018   14:59 Uhr

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Wenn die Milchzähne ausfallen, ist es so weit. Ein Mund mit Zahnlücken zeigt an, dass ein Kind "reif" für die Schule ist. Diese Volksweisheit hält sich hartnäckig, wissenschaftlich belegt ist sie nicht - und so einfach wollen es sich viele Eltern, Lehrer, Politiker und Wissenschaftler bei der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für die Einschulung nicht machen.

Über das perfekte Alter für den Schulbeginn wird seit Jahren gestritten. Ein Extremvorschlag kam gerade von der Bertelsmann Stiftung, die ein vollständig flexibles Einschulungsalter fordert.

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Formal entscheidet in Deutschland das Geburtsdatum darüber, wann ein Kind schulpflichtig wird, sowie das Ergebnis einer Schuleingangsuntersuchung. Aber die Regeln unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland und ändern sich immer mal wieder - das gilt auch für den Entscheidungsspielraum von Eltern. Und die tun sich damit oft schwer.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, was erleben Sie mit Eltern bei der Einschulungsfrage?

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Schneider: Eltern kommen leider immer früher in unsere Beratungsstelle, teilweise mit Viereinhalbjährigen, und sagen: "Wir glauben, dass unser Kind bereit für die Schule ist, weil es schon lesen und rechnen kann." Da muss man auf die Bremse treten. Diese Kinder sollten lieber in der Kita oder zu Hause besonders gefördert, aber noch nicht in die Schule geschickt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen?

Schneider: Gerade bei Jungen, die körperlich noch klein oder schwächlich sind, habe ich Bedenken. Sind das zum Beispiel kleine Nerds, die zwar intellektuell sehr weit sind, aber sozial und emotional normal entwickelt oder sogar weniger weit als andere, kommt es immer wieder vor, dass diese Kinder von Mitschülern gemobbt werden. So etwas müssen Eltern bedenken.

SPIEGEL ONLINE: In einigen Bundesländern gibt es unter Eltern eher den Trend, ihr Kind im Zweifel lieber länger in der Kita zu lassen und erst mit sieben Jahren einzuschulen. Sie wollen ihm nicht "ein Jahr seiner Kindheit klauen". Ist das besser?

ZUR PERSON
  • Uni Würzburg
    Wolfgang Schneider ist Direktor der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der Universität Würzburg. Bis 2016 war er Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie.

Schneider: Die Forschungslage ist uneindeutig. Einige Studien zeigen, dass Kinder sich geistig-intellektuell weniger gut entwickeln, wenn sie länger im Kindergarten bleiben und dort weniger Anregung bekommen als Gleichaltrige in der Schule. Andere Studien belegen, dass vorzeitig eingeschulte Kinder anfangs in der Leistung oft hinter Mitschülern zurückbleiben, im Laufe der Schulzeit nivellieren sich diese Unterschiede allerdings. Statistiken helfen Eltern in der Frage also nur bedingt weiter.

SPIEGEL ONLINE: Eltern halten ihre Kinder oft einfach für zu zappelig für die Schule. Tatsächlich hat eine Studie hat gezeigt, dass bei vorzeitig eingeschulten Kinder häufiger ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) vermutet wird.

Schneider: Kinder sind bewegungslustig. Da ist es immer schwer zu sagen, dieses Kind ist hyperaktiv und dieses nicht. Ich bin da sehr zurückhaltend. Wir wissen, dass Kinder zwischen fünf und sieben Jahren den größten Bewegungsdrang haben.

SPIEGEL ONLINE: Dann müsste die Einschulung in diesem Alter doch der denkbar schlechteste Zeitpunkt sein, weil Kinder in der Klasse lange still sitzen sollen.

Schneider: Seit über hundert Jahren erfolgt die Einschulung bei uns rund um den sechsten Geburtstag, und das hat sich bewährt, zumal sich Kindergärten deutlich geändert haben und Kinder gut auf die Schule vorbereiten. Aus meiner Sicht gibt es deshalb wenig Gründe, Kinder vorzeitig einzuschulen oder ein Jahr länger im Kindergarten zu lassen. Die meisten Kinder, die kurz vor oder nach Schulbeginn sechs Jahre alt werden, sind "schulfähig".

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Stichtagsregeln sind einige Kinder bei der Einschulung aber regulär noch fünf Jahre alt. Woran erkennen Eltern, ob die schon "schulfähig" sind?

Schneider: Es gibt viele Kriterien für die Frage nach der Schulfähigkeit. Das eine sind kognitive Kompetenzen, also ob sich ein Kind konzentrieren und komplexe Zusammenhänge verstehen kann, um lesen und Mathematik zu lernen. Daneben kommt es aber auch auf motorische, soziale und emotionale Fähigkeiten an.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Schneider: Früher ging es bei den Tests zur Schulreife viel um Motorik. Das hat sich zu Recht etwas geändert. Ob ein Kind auf einem Bein hüpfen kann, halte ich auch für nicht so entscheidend. Aber es muss gewisse motorische Fähigkeiten besitzen, schon allein um einen Stift halten und Schreiben zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen sich emotionale und soziale Fähigkeiten fest?

Schneider: Ein Kind sollte mit neuen Situationen umgehen können und nicht ängstlich in die Schule gehen. Erstklässler müssen außerdem Enttäuschung oder Ablehnung verkraften, etwa wenn andere sie mal nicht mitspielen lassen. Sind Kinder emotional noch nicht so stabil, reagieren sie zutiefst betroffen und entwickeln in einigen Fällen echte Schulverdrossenheit. Von Erstklässlern wird außerdem erwartet, dass sie selbstständig sind, sich in einer Gruppe zurechtfinden und Regeln einhalten können.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt im Internet Checklisten, mit denen Eltern die Schulfähigkeit ihres Kindes überprüfen können. Sind die hilfreich?

Schneider: Eher nicht. Es geht darum einzuschätzen, wie ein Kind insgesamt entwickelt ist. Ich empfehle dazu einen engen Austausch mit den Erziehern im Kindergarten. Die erleben tagtäglich, wie sich ein Kind in der Gruppe verhält und können auch beurteilen, wie weit es im Vergleich zu Gleichaltrigen entwickelt ist. Da fällt auch auf, ob ein Kind etwa besondere Defizite in der Sprachentwicklung hat oder Verhaltensauffälligkeiten aufweist. Zusätzlich können Eltern Schulpsychologen zurate ziehen und dann innerhalb der politischen Vorgaben entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Von der Bertelsmann Stiftung kam jetzt der Vorschlag, Vorgaben beim Einschulungsalter ganz abzuschaffen.

Schneider: Bitte nicht. Das würde im Chaos enden. Irgendeine Regulation muss schon da sein. Wenn man den Eltern das Recht zugesteht, frei zu entscheiden, wann ihre Kinder eingeschult werden, befürchte ich, dass es zu noch schlimmeren Zuständen kommt als jetzt, wo sich Mütter und Väter schon sehr viele Gedanken darüber machen.

SPIEGEL ONLINE: Kinder sind aber unterschiedlich weit entwickelt, und einige Eltern hadern mit den Stichtagsregeln, weil manche Erstklässler dadurch erst knapp sechs Jahre und andere schon fast sieben Jahre alt sind.

Schneider: Ob ein Kind bei der Einschulung einige Monate jünger oder älter ist, halte ich für trivial. Eltern müssen nicht den perfekten Monat suchen, sondern sollten auch bedenken: Bis aus einem Kindergartenkind ein Schulkind geworden ist, bis es mit den neuen Anforderungen zurechtkommt, können einige Wochen oder sogar Monate vergehen.

SPIEGEL ONLINE: Müsste sich nicht die Schule vielmehr an die Bedürfnisse der Kinder und ihre Alterspanne anpassen?

Schneider: Natürlich, es gibt dazu auch sehr gute Ansätze etwa mit einer flexiblen Eingangsphase in Grundschulen, in der beispielsweise Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse gemeinsam lernen. Wie gut das klappt, hängt stark von der Klasse und der Lehrkraft ab. Es wird dann schwierig, wenn zum Beispiel der Leistungsdruck von Anfang an sehr groß ist, etwa weil es dauernd darum geht, ob Kinder den Übergang aufs Gymnasium schaffen. Schule muss kindgerecht gestaltet sein. Das ist viel wichtiger als Stichtagsregeln.

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