Tipps für Eltern Wann soll das Kind in die Schule?

Viele Eltern zerbrechen sich nach dem Start des neuen Kita-Jahres den Kopf: Soll ihr Kind im kommenden Sommer eingeschult werden oder lieber noch nicht? Wann ist der beste Zeitpunkt? Ein Psychologe gibt Rat.

Einschulungsfeier in Frankfurt (Oder) (Symbobild)
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Einschulungsfeier in Frankfurt (Oder) (Symbobild)

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Wenn die Milchzähne ausfallen, ist es so weit. Ein Mund mit Zahnlücken zeigt an, dass ein Kind "reif" für die Schule ist. Diese Volksweisheit hält sich hartnäckig, wissenschaftlich belegt ist sie nicht - und so einfach wollen es sich viele Eltern, Lehrer, Politiker und Wissenschaftler bei der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für die Einschulung nicht machen.

Über das perfekte Alter für den Schulbeginn wird seit Jahren gestritten. Ein Extremvorschlag kam gerade von der Bertelsmann Stiftung, die ein vollständig flexibles Einschulungsalter fordert.

Formal entscheidet in Deutschland das Geburtsdatum darüber, wann ein Kind schulpflichtig wird, sowie das Ergebnis einer Schuleingangsuntersuchung. Aber die Regeln unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland und ändern sich immer mal wieder - das gilt auch für den Entscheidungsspielraum von Eltern. Und die tun sich damit oft schwer.

Früher oder später
Einschulungsregeln in den Bundesländern
In Sachsen gilt zum Beispiel: Kinder, die bis zum 30. Juni ihren sechsten Geburtstag feiern, werden in dem betreffenden Jahr schulpflichtig. In Hamburg ist der Stichtag der 1. Juli, in Thüringen der 1. August, in Rheinland-Pfalz der 31. August, in Bayern, Baden-Württemberg und Berlin ist es der 30. September. Diese Regeln sind in der Praxis aber dehnbar. Eltern können oft per Antrag und nach Vorlage von Gutachten erreichen, dass ihr Kind ein Jahr früher oder später als geplant eingeschult wird, und zwar "unter Berücksichtigung des geistigen, seelischen, körperlichen und sprachlichen Entwicklungsstandes des Kindes", wie es beispielsweise von der Hamburger Bildungsbehörde heißt. In Nordrhein-Westfalen ist der Spielraum noch größer: "Eine Aufnahme ist immer dann möglich, wenn erwartet werden kann, dass das Kind erfolgreich in der Schule mitarbeiten wird. Eine Altersbegrenzung nach unten besteht nicht." Niedersachsen hat im Februar 2018 ein neues Schulgesetz beschlossen, das auch eine Flexibilisierung der Einschulungsphase enthält. Eltern, deren Kinder das sechste Lebensjahr zwischen dem 1. Juli und dem 30. September vollenden, haben demnach die Möglichkeit, den Einschulungstermin um ein Jahr zu verschieben. Auch Bremen will den Eltern mehr Mitsprache einräumen: Stichtag ist hier der 30. Juni, aber: "Für Kinder, die vom 1. Juli bis zum 31. Dezember sechs Jahre alt werden, entscheiden die Eltern, ob sie im aktuellen Jahr in die Schule kommen", teilt die Behörde mit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, was erleben Sie mit Eltern bei der Einschulungsfrage?

Schneider: Eltern kommen leider immer früher in unsere Beratungsstelle, teilweise mit Viereinhalbjährigen, und sagen: "Wir glauben, dass unser Kind bereit für die Schule ist, weil es schon lesen und rechnen kann." Da muss man auf die Bremse treten. Diese Kinder sollten lieber in der Kita oder zu Hause besonders gefördert, aber noch nicht in die Schule geschickt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen?

Schneider: Gerade bei Jungen, die körperlich noch klein oder schwächlich sind, habe ich Bedenken. Sind das zum Beispiel kleine Nerds, die zwar intellektuell sehr weit sind, aber sozial und emotional normal entwickelt oder sogar weniger weit als andere, kommt es immer wieder vor, dass diese Kinder von Mitschülern gemobbt werden. So etwas müssen Eltern bedenken.

SPIEGEL ONLINE: In einigen Bundesländern gibt es unter Eltern eher den Trend, ihr Kind im Zweifel lieber länger in der Kita zu lassen und erst mit sieben Jahren einzuschulen. Sie wollen ihm nicht "ein Jahr seiner Kindheit klauen". Ist das besser?

ZUR PERSON
  • Uni Würzburg
    Wolfgang Schneider ist Direktor der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der Universität Würzburg. Bis 2016 war er Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie.

Schneider: Die Forschungslage ist uneindeutig. Einige Studien zeigen, dass Kinder sich geistig-intellektuell weniger gut entwickeln, wenn sie länger im Kindergarten bleiben und dort weniger Anregung bekommen als Gleichaltrige in der Schule. Andere Studien belegen, dass vorzeitig eingeschulte Kinder anfangs in der Leistung oft hinter Mitschülern zurückbleiben, im Laufe der Schulzeit nivellieren sich diese Unterschiede allerdings. Statistiken helfen Eltern in der Frage also nur bedingt weiter.

SPIEGEL ONLINE: Eltern halten ihre Kinder oft einfach für zu zappelig für die Schule. Tatsächlich hat eine Studie hat gezeigt, dass bei vorzeitig eingeschulten Kinder häufiger ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) vermutet wird.

Schneider: Kinder sind bewegungslustig. Da ist es immer schwer zu sagen, dieses Kind ist hyperaktiv und dieses nicht. Ich bin da sehr zurückhaltend. Wir wissen, dass Kinder zwischen fünf und sieben Jahren den größten Bewegungsdrang haben.

SPIEGEL ONLINE: Dann müsste die Einschulung in diesem Alter doch der denkbar schlechteste Zeitpunkt sein, weil Kinder in der Klasse lange still sitzen sollen.

Schneider: Seit über hundert Jahren erfolgt die Einschulung bei uns rund um den sechsten Geburtstag, und das hat sich bewährt, zumal sich Kindergärten deutlich geändert haben und Kinder gut auf die Schule vorbereiten. Aus meiner Sicht gibt es deshalb wenig Gründe, Kinder vorzeitig einzuschulen oder ein Jahr länger im Kindergarten zu lassen. Die meisten Kinder, die kurz vor oder nach Schulbeginn sechs Jahre alt werden, sind "schulfähig".

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Stichtagsregeln sind einige Kinder bei der Einschulung aber regulär noch fünf Jahre alt. Woran erkennen Eltern, ob die schon "schulfähig" sind?

Schneider: Es gibt viele Kriterien für die Frage nach der Schulfähigkeit. Das eine sind kognitive Kompetenzen, also ob sich ein Kind konzentrieren und komplexe Zusammenhänge verstehen kann, um lesen und Mathematik zu lernen. Daneben kommt es aber auch auf motorische, soziale und emotionale Fähigkeiten an.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Schneider: Früher ging es bei den Tests zur Schulreife viel um Motorik. Das hat sich zu Recht etwas geändert. Ob ein Kind auf einem Bein hüpfen kann, halte ich auch für nicht so entscheidend. Aber es muss gewisse motorische Fähigkeiten besitzen, schon allein um einen Stift halten und Schreiben zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen sich emotionale und soziale Fähigkeiten fest?

Schneider: Ein Kind sollte mit neuen Situationen umgehen können und nicht ängstlich in die Schule gehen. Erstklässler müssen außerdem Enttäuschung oder Ablehnung verkraften, etwa wenn andere sie mal nicht mitspielen lassen. Sind Kinder emotional noch nicht so stabil, reagieren sie zutiefst betroffen und entwickeln in einigen Fällen echte Schulverdrossenheit. Von Erstklässlern wird außerdem erwartet, dass sie selbstständig sind, sich in einer Gruppe zurechtfinden und Regeln einhalten können.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt im Internet Checklisten, mit denen Eltern die Schulfähigkeit ihres Kindes überprüfen können. Sind die hilfreich?

Schneider: Eher nicht. Es geht darum einzuschätzen, wie ein Kind insgesamt entwickelt ist. Ich empfehle dazu einen engen Austausch mit den Erziehern im Kindergarten. Die erleben tagtäglich, wie sich ein Kind in der Gruppe verhält und können auch beurteilen, wie weit es im Vergleich zu Gleichaltrigen entwickelt ist. Da fällt auch auf, ob ein Kind etwa besondere Defizite in der Sprachentwicklung hat oder Verhaltensauffälligkeiten aufweist. Zusätzlich können Eltern Schulpsychologen zurate ziehen und dann innerhalb der politischen Vorgaben entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Von der Bertelsmann Stiftung kam jetzt der Vorschlag, Vorgaben beim Einschulungsalter ganz abzuschaffen.

Schneider: Bitte nicht. Das würde im Chaos enden. Irgendeine Regulation muss schon da sein. Wenn man den Eltern das Recht zugesteht, frei zu entscheiden, wann ihre Kinder eingeschult werden, befürchte ich, dass es zu noch schlimmeren Zuständen kommt als jetzt, wo sich Mütter und Väter schon sehr viele Gedanken darüber machen.

SPIEGEL ONLINE: Kinder sind aber unterschiedlich weit entwickelt, und einige Eltern hadern mit den Stichtagsregeln, weil manche Erstklässler dadurch erst knapp sechs Jahre und andere schon fast sieben Jahre alt sind.

Schneider: Ob ein Kind bei der Einschulung einige Monate jünger oder älter ist, halte ich für trivial. Eltern müssen nicht den perfekten Monat suchen, sondern sollten auch bedenken: Bis aus einem Kindergartenkind ein Schulkind geworden ist, bis es mit den neuen Anforderungen zurechtkommt, können einige Wochen oder sogar Monate vergehen.

SPIEGEL ONLINE: Müsste sich nicht die Schule vielmehr an die Bedürfnisse der Kinder und ihre Alterspanne anpassen?

Schneider: Natürlich, es gibt dazu auch sehr gute Ansätze etwa mit einer flexiblen Eingangsphase in Grundschulen, in der beispielsweise Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse gemeinsam lernen. Wie gut das klappt, hängt stark von der Klasse und der Lehrkraft ab. Es wird dann schwierig, wenn zum Beispiel der Leistungsdruck von Anfang an sehr groß ist, etwa weil es dauernd darum geht, ob Kinder den Übergang aufs Gymnasium schaffen. Schule muss kindgerecht gestaltet sein. Das ist viel wichtiger als Stichtagsregeln.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
vooodooo 13.09.2018
1. internationale schüler-leistungsvergleiche
zeigen, dass bei gleichaltrigen die dt. schüler i.d.r. schlechter abschneiden, weil sie später eingeschult werden. es wäre also an der zeit, wo wieder über g9 nachgedacht wird und wir Probleme mit kita-plätzen haben, die einschulung in die grundschule um 1 jahr vorzuziehen ....
Nellodee 13.09.2018
2. Entspannt euch
Vielen Dank für dieses unaufgeregte Interview. Von so etwas könnten viele Eltern mehr gebrauchen, wo man an jeder Ecke wuschig gemacht wird und überall Bedrohungsszenarios aufgebaut werden à la "Mein Kind wird benachteiligt!" (siehe Beitrag 1...;-). Da werden "internationale Schüler-Leistungsvergleiche" zitiert, bei denen deutsche Schüler angeblich schlechter abschneiden. Was genau wird denn da verglichen? Steht Deutschland in der Welt irgendwie schlecht da? Eher nicht. Will ernsthaft jemand das deutsche Schulsystem mit dem chinesischen vergleichen? Glaubt wirklich jemand, ein Jahr später mit der Schule bringt die zukünftige Karriere des Sohnemanns oder Töchterleins unwiderruflich zum Stocken? Was für Neurosen kommen denn da zum Vorschein...;-) Unser Kind wird nächstes Jahr im Juni 6 und danach eingeschult. Sie hat Spaß im Kindergarten, kann ein paar Buchstaben und Zahlen und wirkt allgemein stabil und neugierig. Ihr gleichaltriger Freund kann schon fast lesen, ist aber sehr klein, zart und eher schüchtern, deshalb denken die Eltern über die Einschulung ein Jahr später nach. Wahrscheinlich eine gute Idee. In ein paar Jahren kräht kein Hahn mehr nach dem Einschulungsalter. Die Erinnerung an einen guten Start aber trägt einen weit.
kika2012 13.09.2018
3. Nellodee
Verzeihen Sie, aber Sie irren. Während in Uk ein 21/22 jähriger bereits mit dem Studium fertig ist, fangen dt Kinder erstmal an. Mir ist es wichtig, da wir uns auf internationaler Ebene bewegen und ich nicht möchte, dass mein Kind Nachteile hat.
sonic.m 13.09.2018
4.
Zitat von kika2012Verzeihen Sie, aber Sie irren. Während in Uk ein 21/22 jähriger bereits mit dem Studium fertig ist, fangen dt Kinder erstmal an. Mir ist es wichtig, da wir uns auf internationaler Ebene bewegen und ich nicht möchte, dass mein Kind Nachteile hat.
Das Leben besteht aber „eigentlich“ aus mehr als Compition auf internationaler Ebene die sich an Oberflächlichkeiten orientiert. Was soll man bitte für Nachteile haben wenn man ein paar Jahre später anfängt? Einfach mal alles entspannter sehen.
bretone 13.09.2018
5. Was die Deutschen gern vergessen ...
... ist die Tatsache, dass eben nicht nur die schulische Kompetenz im Leben wichtig ist, sondern ebenso sehr, wenn nicht um einiges mehr, die soziale. In Frankreich gehen die Kinder in den meisten Fällen bereits mit zwei, bzw. drei in die Ganztagsschule (école maternelle) und lernen hier nicht nur das deutlich schwierigere Lesen und Schreiben der frz. Sprache, sondern sozialisieren sich zudem im Klassenverband. Die ausgeprägte Ellbogen-Mentalität der Deutschen und das unsoziale ‚ich-zuerst‘ werden hier weiträumig umschifft. Und wie deutlich tritt dann der Unterschied zutage, wenn man deutsche Egomanen und französische Jugendliche, vor allem in der Provinz, trifft, die das Wort Gruppe und eben jene Sozialkompetenz noch von der Pike auf erlernen und verinnerlichen. Familie zählt hier noch etwas (man schaue allein auf die Pro-Kopf-Geburtenrate und vergleiche mit jener in deutschen Landen), Türen werden aufgehalten und Bussitze für ältere Fahrgäste freigemacht.
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