Einwanderer gründen Schule Klassik, Kopftuch, Konflikte

In Freiburg haben türkische Eltern eine private Grundschule eröffnet. Sie tun damit etwas, das stets von Einwanderern verlangt wird: Sie engagieren sich für eine bessere Bildung ihrer Kinder - und stoßen auf Misstrauen.

dapd

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Drei Cellistinnen streichen über die Saiten, sie spielen eine Sonate von Händel. Vor ihnen sitzen in der ersten Reihe fünf Männer, darunter Kemal Türk, Taskin Tuna; alle tragen türkische Namen. In der zweiten lauschen fünf Frauen, alle mit bunt gemusterten Kopftüchern. Ein Junge trampelt in einer Spielburg aus Holz herum.

Es ist ein Freitagnachmittag, die Freiburger Regenbogen- Grundschule feiert den Start ihrer Elternschule. Fortan werden Väter und Mütter einmal im Monat unterrichtet, um zu lernen, wie sich Fernsehen auf ihre Kinder auswirkt, wie sie ihre Söhne und Töchter fördern können.

Händel, Kopftücher, Kindergetrampel - wenn man so will, zeigt sich in diesem einen Moment die Idee der Regenbogen-Grundschule in Freiburg.

Als die Musik verklungen ist, tritt die Schulleiterin Seminur Özdemir, 48, vor das Publikum: "Wir müssen aus der Opferrolle herauskommen", sagt sie, spricht dann über Bildung, zitiert Kant und verwendet immer wieder ein Wort: Verantwortung. "Verantwortung für sich selbst", "Verantwortung für die Gesellschaft", "Verantwortung für die kommenden Generationen".

"Ich kenne die Spannung zwischen Tradition und Moderne"

Die Regenbogenschule ist eine Privatschule, eröffnet wurde sie im vergangenen Sommer. In der ersten Klasse sitzen neun Schüler, sie tragen Namen wie Esra, Ahmet, Betül. Alle sind Nachkommen von Migranten, zwei haben deutsche Mütter. Getragen wird die Schule von der Akademischen Plattform Freiburg, einem Verein, den vor 13 Jahren ebenfalls türkische Einwanderer gründeten.

In der Stadt spricht man von der "türkischen Grundschule". Die Schulgründer hören das nicht so gern: Sie soll offen sein für alle Kinder, das ist die Idee. In ihrer Broschüre wirbt die Schule mit "autonomem Lernen", neurologische Studien werden ebenso zitiert wie Goethe und Victor Hugo.

Wer sich mit der Schulleiterin Özdemir unterhält, mit den Vereinsvorsitzenden Türk und Tuna, mit Müttern und Vätern, trifft auf Menschen, die manche als Mustermigranten bezeichnen würden: Sie alle verstehen sich als Teil der deutschen Gesellschaft, sie alle wollen Verantwortung übernehmen.

Ihre Biografien verraten viel über die Situation von Einwanderern in Deutschland, aber auch über die Gesellschaft, in die sie sich integrieren wollen.

Özdemir wuchs in der Nähe von Trabzon auf, sie folgte ihren Eltern nach Deutschland, als sie 16 war. Sie studierte Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie. Bei der Studienberatung, erinnert sie sich, hatte man ihr gesagt, "dass es Sinn machen würde, wenn mehr Türken in sozialen Berufen arbeiten würden".

Ihre Mutter stammt aus einer Akademikerfamilie, die Eltern ihres Vaters waren Großbauern. "Ich kenne die Spannung zwischen Tradition und Moderne", sagt sie.

Es ist die Spannung, mit der die Kinder der Gastarbeiter in Deutschland groß geworden sind. Ilhan Cicek, 24, Betreiber eines türkischen Imbisses und Mitglied der Akademischen Plattform, kennt das: "Zu meiner Schulzeit war mein Vater nie bei einem Elternabend, meine Mutter ging hin, konnte aber kein Deutsch."

"Die Eltern fürchten, nicht richtig verstanden zu werden"

Heute sind die Gastarbeiterkinder selbst Eltern. Das angespannte Verhältnis zur Schule haben manche ebenso geerbt wie die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache.

"Die Eltern sind oft erleichtert, dass sie mit mir Türkisch sprechen können", sagt Schulleiterin Özdemir. Viele Türken hemme es, wenn sie sich in Gesprächen mit Lehrern nicht gut ausdrücken können. "Das ist unbefriedigend, und die Eltern fürchten, nicht richtig verstanden zu werden."

Im Unterricht wird an der Regenbogenschule Deutsch gesprochen, die Klassenlehrerin ist Deutsche. Nur einmal in der Woche bringt Özdemir den Kindern Hochtürkisch bei, viele haben es nie gelernt. Teils sprechen sie die Dialekte ihrer Eltern und Großeltern. Und die Sprache entwickelt sich in der Türkei so rasant weiter wie die Gesellschaft. Für ihre verstaubten Wörter werden viele in der alten Heimat ausgelacht. Almanci nennt man sie dort, Deutschländer.

Für viele Kinder ist das ein Dilemma: Ihre Muttersprache lernen sie ebenso wenig in Reinform wie Deutsch. Das wird oft vergessen, auch jüngst beim Zwist zwischen dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan und Guido Westerwelle, als es darum ging, ob in Deutschland lebende Kinder erst Türkisch oder Deutsch lernen sollen.

Zeitungen vermuteten einen islamistischen Hintergrund

Kemal Türk, 40, im Vorstand der Akademischen Plattform, sagt: "Wir sind länger in Deutschland als Angela Merkel." Er lacht, natürlich ein Witz, doch er verrät einiges über das Selbstbewusstsein der Freiburger Schulmacher.

Türk arbeitet bei einem Großhandel für türkische Waren in Freiburg. Sein Chef heißt Züriya Selvi, 42 und ebenfalls für die Akademische Plattform aktiv. Züriya hat die Grundschule mit einer Spende unterstützt, genau wie viele weitere türkische Geschäftsleute in Freiburg, die die Gründung erst ermöglichten.

Die Schulmacher tun also, was allenthalben von Einwanderern verlangt wird, sie engagieren sich - und trotzdem schlugen ihnen Vorurteilen entgegen: "Islam im Zeichen des Regenbogens?", fragte die "Stuttgarter Zeitung". "Zwischen Integration und Islamismus" titelte der "Schwarzwälder Bote" und begründete den Verdacht mit einer "vermuteten Verbindung" des Vereins zu Fethullah Gülen, ein türkischer Prediger, der in den USA lebt. Gülens Botschaft: "Moscheen haben wir genug, wir müssen Schulen bauen."

Anhänger seiner Ideen sehen in Gülen eines der wenigen Vorbilder für Muslime in Sachen Bildung. Zu ihnen zählt sich der Vorsitzende der Akademischen Plattform, Taskin Tuna, 33, Zahnarzt an der Uniklinik. Kritiker meinen, es ginge Gülen letztlich um die Islamisierung westlicher Gesellschaften, Bildung sei mehr Mittel als Zweck. Wie man zu Gülen stehen mag, fest steht: in der Regenbogenschule gibt es keinen Islamunterricht, Religion spielt kaum eine Rolle.

"An öffentlichen Schulen bekommen Kinder keine guten Chancen"

Die Stadt unterstützte die Schule von Beginn an. Dennoch zeigt sich auch in Freiburg das gespannte Verhältnis der Deutschen zu Zuwanderern. Die Regenbogenschule ist in einem Pavillon untergebracht, der früher zum deutsch-französischen Gymnasium gehörte. Jetzt will das Gymnasium die Räume zurück. Wenn Schülervertreter und Lehrer zu ihrer Forderung Stellung nehmen, betonen sie stets ungefragt: Man habe kein Problem mit Türken, man sei nicht ausländerfeindlich, es gehe schlicht um mehr Räume. Selbstverständlich ist das offenbar nicht.

Am Rande der Eröffnungsfeier für die Elternschule sagt Hafize Dogan: "Damit wir in die Bildung unserer Kinder investieren können, geben wir weniger Geld für unsere Bedürfnisse aus." Dogans Tochter geht in die Regenbogen-Klasse, rund 270 Euro zahlen sie und ihr Mann dafür im Monat. Sie habe sich für die Privatschule entschieden, weil die Betreuung intensiver sei, die Geborgenheit größer.

"An öffentlichen Schulen bekommen Kinder keine guten Chancen", sagt der Vereinsvorsitzende Tuna. Das sehen auch Eltern wie Hafize Dogan so. Man kann die Regenbogenschule auch als Kapitulation sehen vor einem Schulsystem, in das sie nicht mehr vertrauen, von dem sie wissen, dass es Schüler mit Migrationshintergrund schwer haben.

Man kann das alles für überspitzt halten, für unzutreffend, doch sind es keine Integrationsverweigerer oder Parallelgesellschaftler, die hier sprechen. Es sind Menschen, die einen hohen Anspruch an die Bildung ihrer Kinder und an die Gesellschaft haben, in der die Kinder leben. Und sie fühlen sich verantwortlich dafür, dass beide Ansprüche erfüllt werden, sie handeln, jeder so gut er kann. "Wir haben hier Männer", sagt Großhändler Selvi, "die putzen zu Hause nicht, aber einmal die Woche in der Schule."

Nächsten Sommer soll an der Regenbogenschule die zweite Klasse hinzukommen. Im Verein und in der Schule hoffen sie, dass auch Anmeldungen von deutschen Eltern dabei sein werden.

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Seite 1
Zapallar 14.03.2011
1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster, aber wer Händel preludiert und Kant zitiert, der hat im Grunde das Thema Aufklärung und Humanismus schonmal gehört und kann daher nicht dermaßen tief islamistisch verstrickt sein, wie befürchtet wird. Meine Meinung: Hochachtung daß so eine Schuld gegründet wird. Bitte bezieht die Eltern mit ein und macht die Kinder zu aufgeklärten humanistisch gebildeten Menschen! Wenn dem nicht so ist und der Koran wiedermal falsch vorgelesen wird und es sogar hetzt gibt, sollte die Schule alsbald geschlossen werden.
Fritz Motzki 14.03.2011
2. Längst Realität und die immer gewollte Intigration
Einfach mal zur Kenntnis nehmen: http://www.welt.de/politik/article1653966/Tuerkische_Schulen_in_Deutschland_Gibt_es_laengst.html
Hagen65 14.03.2011
3. Moscheen, Kitas, Schulen, Universitäten
Das Engagement erfolgt, wie gewohnt, im Rahmen eines eigenen Sonderweges der türkischen Migranten, nämlich fort von einer Integration, die vor allem die gemeinsame Sprache als wichtigstem Faktor zur Grundlage hat,- und hin zu parallelen Strukturen in einer so sicher nicht funktionierenden Gesellschaft.
mr.gamer 14.03.2011
4. Finde ich sehr gut!
Zitat von sysopIn Freiburg haben türkische*Eltern eine private Grundschule eröffnet. Sie tun damit etwas, das stets von*Einwanderern verlangt wird: Sie engagieren sich für eine bessere Bildung ihrer Kinder - und stoßen auf Misstrauen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,748949,00.html
Gute Kenntnisse in Deutsch und Türkisch sind für diese Kinder der Schlüssel zu einer guten Ausbildung. Das könnte in mehrerer Hinsicht auch für Deutschland noch einmal nützlich sein, z.B. beim Ausbau der Handelsbeziehungen und/oder einer schrittweisen Rückumsiedlung in die Türkei. Die Rückführung sollte im Einvernehmen mit der Türkei erfolgen und die Heimkehrer sollen nicht mit leeren Händen nach Hause kommen. Ich denke da, wie oben schon erwähnt, an eine gute Ausbildung, sowie ein Startkapital (vgl. Rückkehr der Spätaussiedler) für einen Neuanfang. Solche Institutionen sollten vom Staat gefördert und auch selbst eingerichtet werden.
mr_supersonic 14.03.2011
5. ....
Zitat von sysopIn Freiburg haben türkische*Eltern eine private Grundschule eröffnet. Sie tun damit etwas, das stets von*Einwanderern verlangt wird: Sie engagieren sich für eine bessere Bildung ihrer Kinder - und stoßen auf Misstrauen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,748949,00.html
Ich find es gut dass es trotz aller Vorurteile noch engagierte Mitbürger gibt. Dass da "Islamisierung" usw unterstellt wird, zeigt umso mehr wie schwierig es ist, aus der Situation (so mit Vorurteilen belegt zu sein) herauszukommen.
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