Einwandererkinder "Unser Bildungssystem überfordert viele Familien"

An deutschen Schulen scheitern Kinder von Migranten oft, obwohl türkische Eltern auf Bildung große Stücke halten. Forscherin Birgit Leyendecker erklärt im Interview, welche Rolle die Familie bei der Schulkarriere spielt - und warum Väter manchmal kleine Wunder bewirken.


SPIEGEL ONLINE: Welchen Stellenwert hat Bildung in türkischen Familien?

Zur Person
Birgit Leyendecker, 53, leitet eine Forschungsgruppe am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie der Ruhr-Universität Bochum. In ihrer noch laufenden Studie "Home-Start before School Start" untersucht sie den Einfluss von Familie und Kindergarten auf die Schulreife von Kindern mit und ohne Zuwanderungshintergrund. Zuvor forschte sie sechs Jahre in den USA und verglich dort unter anderem puerto-ricanische und euroamerikanische Familien mit türkischstämmigen und deutschen Familien im Ruhrgebiet.
Leyendecker: Bei den meisten Türken einen sehr hohen. In Vergleichsstudien gaben Eltern in der Türkei viel öfter "Bildung" als Ziel für ihre Kinder an als deutsche Eltern. Wir haben auch eingewanderte Türken in Deutschland befragt, ihnen war die Bildung ihrer Kinder ebenfalls sehr wichtig. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen stammen die Familien aus einer Kultur, in der Wissen als wertvoll erachtet wird. Zum anderen ist eine gute Ausbildung nun mal das Kapital, mit dem man hier etwas erreichen kann. In Gastarbeiterfamilien hat der Opa keinen Betrieb, den er vererben kann.

SPIEGEL ONLINE: Von Schulen mit vielen Zuwandererkindern hört man aber, dass sich nur selten Eltern bei den Sprechstunden blicken lassen. Wie kommt das, wenn sie offenbar gebildete Kinder haben wollen?

Leyendecker: Das deutsche Schulsystem fordert viel Engagement von Eltern: Sie sollen die Kinder bei den Hausaufgaben betreuen, kontrollieren, ob sie alle nötigen Schulsachen dabei haben, sich nachmittags pädagogisch wertvoll mit ihren Kindern beschäftigen. Das ist in anderen Ländern nicht so. Viele türkische Eltern haben mir berichtet, sie seien es aus der Türkei gewohnt, dass Bildung eine Sache der Schule ist. Nicht nur in der Türkei, auch zum Beispiel in Frankreich ist es üblich, dass die Schule viel mehr und länger Verantwortung für die Kinder übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist also alles ein Missverständnis - zugewanderte Eltern zeigen nur deshalb wenig Interesse für die Schulkarriere ihrer Kinder, weil sie erwarten, dass sich die Schulen mehr kümmern?

Leyendecker: Nein, es ist natürlich mehr. Vielen Müttern und Vätern fällt es schwer, in Kontakt mit Lehrern zu kommen, insbesondere wenn sie selber nur wenige Jahre zur Schule gegangen sind. Das deutsche Schulsystem ist eben auch sehr komplex. Da muss man als Elternteil erst mal durchblicken, wie man seinem Kind überhaupt helfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Überfordert unsere Schulen Migranten?

Leyendecker: Viele schon. Wenn Eltern nicht beim Satz des Pythagoras, beim Akkusativ und Dativ helfen können, hat ihr Nachwuchs einen deutlichen Nachteil. Darunter leiden natürlich nicht nur Migrantenkinder. Aber bei Eingewanderten können eben oft noch nicht mal die gebildeten Eltern helfen, weil sie die Sprache bei Textaufgaben in Mathe nicht verstehen oder weil sie nicht wissen, wo sie Hilfe bekommen können.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Lehrer zugewanderten Eltern einfach klarer sagen, wie sie ihre Kinder unterstützen können?

Leyendecker: Ja, das ist sehr hilfreich. Aber bitte keine indirekten verklausulierten Empfehlungen wie "Es wäre schön, wenn Sie Ihrem Kind ein Pausenbrot mitgeben". Was Eltern brauchen, sind klare Ansagen: "Achten Sie darauf, dass Ihr Kind jeden Tag etwas Gesundes zu essen dabei hat." Oder: "Lassen Sie Ihre Kinder weniger fernsehen, das schadet ihnen." Man muss dann allerdings auch zusehen, dass es Alternativen gibt - etwa Spielplätze im Stadtteil.

SPIEGEL ONLINE: Was können Kindergarten und Schule noch tun, damit Zuwandererkinder bessere Chancen haben?

Leyendecker: Sie müssen die Eltern mehr einbinden, ihnen erklären, was sie tun können, um ihre Kinder zu fördern. Grundschulen und Kindertagesstätten brauchen dringend mehr Personal und Sozialarbeiter. Um Zuwandererkinder mit Nachteilen besser in den Unterricht zu integrieren, müssen Lehrer gezielte Beschäftigung in Kleingruppen, Rollenspiele und ähnliches machen - nicht nur einmal die Woche, sondern täglich. Aber das erfordert ein höheres Engagement in Bildung, als wir es bisher in Deutschland aufbringen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es denn für realistisch, dass die Länder und Städte hier mehr investieren?

Leyendecker: Es ist einfach notwendig, da kommen wir nicht drum herum. Zudem gibt es auch Lösungen, die mit wenig Budget auskommen - zum Beispiel Mentorenprogramme, bei denen Lehramtsstudenten als Paten einzelne Kinder über viele Jahre begleiten und fördern. Das gibt es bisher nur in einigen Regionen und nur über kürzere Zeiträume.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als die Hälfte der Eltern türkischstämmiger Kinder ist selbst nie in Deutschland zur Schule gegangen - spielt das eine Rolle?

Leyendecker: Ja. Nur etwa 15 Prozent der Kinder haben Eltern, die beide schon hier zur Schule gegangen sind. Bei den meisten ist also mindestens ein Elternteil in der Türkei aufgewachsen. Unsere Untersuchungen zeigen: Mütter, die hier zur Schule gegangen sind, sprechen die Sprache, kennen die deutsche Kultur und können so die Kinder besser unterstützen. Sie sind bereit, mehr Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder zu übernehmen. Wenn Mütter aber ihren Bildungsweg in der Türkei gemacht haben - egal, wie gut sie ausgebildet sind -, erleben sie den deutschen Alltag als Stress und Überforderung und wollen die Bildung ihres Nachwuchses am liebsten komplett an die Schule delegieren.

SPIEGEL ONLINE: Kommt ein Ehepartner aus der Türkei nach Deutschland, hemmt das also die Schulbildung der Kinder. Ist Heiratsmigration langfristig hinderlich für die Integration?

Leyendecker: Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse über die Folgen des Familiennachzugs. Beispielsweise ist kaum bekannt, dass mindestens die Hälfte der Heiratsmigranten Männer sind. Die Dynamik, die sich hier in Familien ergeben könnte, ist noch nicht erforscht. Fest steht aber, dass Kinder aus Familien, in denen außer Türkisch auch Deutsch gesprochen wird, sehr viel bessere Deutschkenntnisse schon im Kindergarten zeigen und so einen besseren Start in ihren Bildungsweg haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben festgestellt, dass Väter besonders stark zur Lernfähigkeit der Kinder beitragen. Wie kommt das?

Deutsch-türkische Schülerin: "Väter legen irgendwie einen Hebel um"
DPA

Deutsch-türkische Schülerin: "Väter legen irgendwie einen Hebel um"

Leyendecker: Das ist sehr komplex. Drei Dinge haben auf jeden Fall Einfluss darauf: erstens, wie viel Bildung der Vater selber hat. Zweitens, wie viel er sich um das Kind kümmert, und drittens ob er außer Haus arbeiten geht. Beispielsweise lesen Väter mit mehr Schulbildung selber mehr und haben Kinder, denen mehr vorgelesen wird. Hinzu kommt, dass nur wenige Mütter arbeiten gehen. Vätern kommt deshalb eine besondere Rolle zu, weil sie Kontakte mit der deutschen Sprache und Kultur mitbringen. Das wirkt sich positiv auf die Entwicklung der Kinder aus. Die Bildung und das Engagement der Väter haben also eine vergleichsweise größere Hebelwirkung als die Bildung der Mütter.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben länger in den USA gearbeitet. Wo sehen Sie in Deutschland Forschungslücken beim Thema Migranten und Bildung?

Leyendecker: Eigentlich gibt es die in allen Bereichen. Zum Thema Integration wissen wir erschreckend wenig. In Deutschland herrschen andere Bedingungen als in den USA: Hier gibt es einen viel engeren Kontakt zu den Heimatländern, einfach deshalb, weil Warschau oder Istanbul schnell erreichbar sind. Auch die vielen Familiennachzüge in Migrantenfamilien sind ein spezifisch europäisches Phänomen. Trotzdem wissen wir fast nichts darüber, was das bewirkt und wie dies beispielsweise für die Zweisprachigkeit der Kinder genutzt werden kann.

Das Interview führten Ferda Ataman und Andrea Brandt

Forum - Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
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Seite 1
Peter-Freimann 11.08.2008
1.
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Es ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Mad Mace 11.08.2008
2.
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Das deutsche Bildungssystem ist lediglich ein Spiegel der Gesellschaft. Es gilt als chic, als Besserverdienender auf den Armen herumzuhacken. Steuerhinterzieher und Betrüger werden als Vorbilder präsentiert. Warum sollte das Bildungssystem da anders sein? Da werden dann eben die Hauptschüler als Doofmänner charakterisiert, und Leute die sich lediglich dank ihrer Verbindungen durch Schule und Studium mogeln ohne je etwas verstanden zu haben, sind bereits für Vorstandsposten eingeplant. Sie 'Elitenbildung' ist in Deutschland beschlossene Sache, und diese Elite will unter sich bleiben, eine möglichst kleine Gruppe. Dann bleibt nämlich mehr für jeden. Was das dreigeteilte Schulsystem nicht nachhaltig genug regeln konnte besorgen jetzt die Studiengebühren. Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem? 'Gerecht' und 'deutsch' sollten niemals in einem Satz auftauchen, so gegensätzlich sind die Bedeutungen.
natterngesicht 11.08.2008
3.
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Werter Peter-Freimann, Ironie wird nicht verstanden. Mit nettem Gruß
Piri 11.08.2008
4.
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Es sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Peter-Freimann 11.08.2008
5.
Zitat von PiriEs sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Hallo Piri, mir geht es auch so, man muss sich doch nur in bestimmten Stadtvierteln ansehen, wie Gruppen in unserer Gesellschaft marginalisiert werden, es liegen Studien vor, Zahlen über die gesellschaftlichen Benachteiligungen in Deutschland, eine Ausgrenzung von ganz vielen Kid's, die doch eigentlich unsere Zukunft sein sollen und doch wird nur diskutiert, statt die Weichen zu stellen und wie in Finnland eben alle Kinder ganz individuell in einer gerechten Einheitschule zu fördern, wo sie dann auch mit ihrem eigenen Lernweg respektiert werden. Es muss in den Lehrplänen allerdings noch viel entstaubt und abgespeckt werden, um den heutigen Lebenswelten der Kid's gerechter zu werden und nicht überholte bürgerliche Welten einer vergangenen Klassengesellschaft wie zu Zeiten der "Buddenbrooks" zu transportieren.
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