Elite-Internat Schloss Torgelow Leistung, Leistung, Leistung

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2. Teil: Notendruck und Drogentests: Wie das Internat aus Schülern Leistungsträger formt


Deshalb lässt Lehmann den Notenschnitt aller Schüler im Flur aushängen, farblich aufgeteilt in drei Gruppen: rot für die sehr Guten, die am Ende des Jahres als Preis ein Buch bekommen, blau für die Guten, die extra gelobt werden, und schwarz für den Rest.

Druck und Wettbewerb gehören zum pädagogischen Konzept. "Hier heißt es: jeder gegen jeden", sagt eine Zwölftklässlerin, "jeder will überall der Beste sein."

Lehmann jedoch legt Wert darauf, keine "kleinen Kampfmaschinen" zu erziehen, wie er sagt. Die Schüler genössen es, Leistung zeigen zu können. Auch Werte seien wichtig, Teamfähigkeit - ein Argument, das Internatsbetreiber immer gern anführen. Schließlich träfen die Schüler später im Beruf auf andere, die nicht so begabt seien. "Den Leistungsstarken muss man erklären, dass nicht alle so schnell denken", sagt Lehmann.

Gerechtigkeit? Dafür ist der Staat da!

Bei Frank Plasbergs Talkshow "Hart aber fair" hat Lehmann sich mit Karl Lauterbach von der SPD gestritten, der es ungerecht fand, dass nur die Reichen in Torgelow lernen dürfen. Aber Gerechtigkeit, findet Lehmann, das ist nicht seine Aufgabe, dafür ist der Staat da. "Nur weil ich ein Produkt verkaufe, das sich andere nicht leisten können, bin ich doch nicht unmoralisch", sagt er. Porsche sei auch nicht unmoralisch.

Seine Schüler fühlten sich wohl mit der Belastung, sagt Lehmann, was auch damit zu tun habe, dass niemand mit wirklich schlechten Zensuren dabei sei. Sie unterwerfen sich einem engen Stundenplan und strengen Regeln, Drogentests und Alkoholkontrollen inklusive. Lehmanns Schüler sitzen höchstens zu zwölft in einer Klasse, rund um die Uhr betreut von 32 Lehrern und 14 Sozialpädagogen.

Lehmanns Leute spielen Golf mit ihnen, üben Klavier und geben Kurse in Zeitmanagement. Bis zu zehn Stunden Unterricht am Tag, plus Hausaufgabenhilfe, Judotraining, Polo-Ausflug, Debattierclub, Töpfern, individuelle Betreuung, ein besseres Abitur als der Landesdurchschnitt – das ist die Produktbeschreibung.

Die Listen und Rankings, all die Spitzenplätze der Schüler, haben noch einen weiteren, einen geldwerten Vorteil: Sie lassen sich gut vermarkten. Regelmäßig schaffen es Lehmanns Wunderkinder in die Medien, ins Fernsehen und in die Lokalpresse. Das Internat produziert immer neue Superlative: die jüngste Abiturientin Deutschlands, die besten Golfspieler des Bundeslandes, vordere Plätze bei Businessplanwettbewerben und Politikplanspielen.

TV-Auftritte kosten nichts und bringen Kundschaft

Für Werbung gibt Lehmann nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 100.000 Euro aus, etwa für Anzeigen im "Deutschen Ärzteblatt" oder in "Geolino". Die Auftritte der Schüler bekommt er umsonst.

Und kaum etwas garantiert solche Aufmerksamkeit wie der Gedächtnissport. Zwei Schüler lernten für Auftritte bei Thomas Gottschalk und Günther Jauch die Koordinaten aller Städte Deutschlands auswendig. Auf einer leeren Karte zeichneten sie die Orte dann ein, Millionen schauten zu.

Derzeit bereitet der kaufmännische Leiter des Internats, selbst Gedächtnissportler auf Weltranglistenplatz 29, mit einer "Wetten-Dass-AG" den nächsten Auftritt im ZDF vor, das Bewerbungsvideo ist gedreht.

"Manchmal fühle ich mich wie ein Werbeplakat"

Auch Doro hat schon in unzählige Mikrofone und Kameras gesprochen. Sie ist bereits die dritte Jugend-Gedächtnisweltmeisterin, die aus Torgelow kommt. Die erste hieß Christiane Stenger und hat mindestens so viel Marketing-Talent wie ihre Schule: Christiane Stenger bietet Erinnerungsseminare an und vermarktet ihre eigenen Ratgeber-Bücher. Dutzende Interviews hat sie gegeben, war bei "TV Total" und "Stern TV".

Bei Doro läuft es noch etwas langsamer an. Sie plant für ihr Abitur. Ihr Schnitt muss besser werden, sagt sie, denn sie will Psychologie studieren wie ihre Schwester.

Stören dabei nicht all die Interviews? "Ich mache das gern, weil ich Werbung für meinen Sport machen kann", so Doro. Zwar hat sie ein Teilstipendium, aber manchmal wünsche sie sich, dass Torgelow ihren Eltern einen größeren Teil der Schulkosten erlassen würde. "Manchmal fühle ich mich wie ein Werbeplakat."

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Seite 1
anin, 10.06.2008
1.
Zitat von sysopErst Berlin, dann die ganze Republik: Die Phorms AG will zum größten Privatschulbetreiber Deutschlands werden und ist auf Expansionskurs. Können Privatschulen eine bessere Alternative zur staatlichen Bildung sein?
Sicherlich wäre das eine bessere Alternative. Das sieht man doch im Gesundheitswesen: Da ist eine gute private Krankenkasse auch die bessere Alternative zu den gesetzlichen Krankenkassen. (._)
hjm, 10.06.2008
2.
Zitat von aninSicherlich wäre das eine bessere Alternative. Das sieht man doch im Gesundheitswesen: Da ist eine gute private Krankenkasse auch die bessere Alternative zu den gesetzlichen Krankenkassen. (._)
Auch im Transportwesen: Eine Mercedes S-Klasse ist eindeutig die bessere Alternative zum Stadtbus.
MonaM 10.06.2008
3. Persönliches Interesse am Einzelnen
Zitat von sysopErst Berlin, dann die ganze Republik: Die Phorms AG will zum größten Privatschulbetreiber Deutschlands werden und ist auf Expansionskurs. Können Privatschulen eine bessere Alternative zur staatlichen Bildung sein?
Aber bestimmt. Ich war selber auf einer, nach ein paar, zunehmend quälenden Schuljahren auf einem staatlichen Gymnasium. In der Privatschule erlebte ich zum ersten Mal, dass eine Lehrerin, die erkannt hatte, dass ich Hilfe brauchte, mir von sich aus vorschlug, ich solle doch am Nachmittag wiederkommen. Sie sei sowieso da, um einen Chemie-Versuch vorzubereiten, und habe dann Zeit für mich. Es ist gerade das PERSÖNLICHE Interesse an jedem einzelnen Schüler, das die privaten Schulen von den staatlichen Lernfabriken unterscheidet.
DoktorMS, 10.06.2008
4. Achtung!
Für Privatschulen geben Eltern hunderte Euro im Monat aus. Vermutlich bei einigen das Geld, dass sie durch Steuertricks dem Staat vorenthalten, so dass der Staat eben nicht so viel Geld für die öffentlichen Schulen hat. Bevor man private mit öffentlichen Schulen vergleichen kann, muss man sich die Rahmenbedingungen (Klassengröße, ...) bei beiden genauer ansehen. Mir persönlich sind zwei private Schulen aus dem Rhein-Main-Gebiet bekannt, die berühmt (bzw berüchtigt!) dafür waren, wirklich jedem "Deppen" zum Abitur zu verhelfen. Das hat natürlich die Eltern einiges gekostet. Als Lehrer würde ich in solchen Schulen nie unterrichten wollen. Man ist viel abhängiger vom Schulträger und muss sich wohl des öfteren "verbiegen" lassen, um bestimmte Noten zu vergeben. Wie das alles mit rechten Mitteln zugehen soll, das frage ich mich heute noch. Die öffentlichen Schulen sind nicht so schlecht, wie sie fast immer dargestellt werden. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten leisten sie schon mehr, als man von ihnen erwarten kann. Vieles bleibt ja im "Geheimen", etwa wenn es eine Haushaltssperre gibt und wichtige Unterrichtsmaterialien nicht angeschafft bzw. ersetzt werden können. Von der Besetzung freier Lehrerstellen ganz zu schweigen. Wenn man das einmal öffentlich machen würde, was da so alles in den Ministerien und Kommunen läuft, man würde als Strafe jahrelang überhaupt keine Zuschüsse mehr bekommen. Es mag sicherlich gute Privatschulen geben. Nur lernt man da eben nicht, sich auch bei widrigeren Umständen durchzusetzen. Spätestens an der Uni muss man dies können, außer man bleibt im "Heile-Welt"-Kokon der Privaten: Schule, Uni und dann Papas Firma übernehmen. Eine Statistik über die wirklichen Top-Leute in der Forschung würde sicherlich zeigen, dass die meisten davon eine ganz normale öffentliche Schule besucht haben. Klasse ist also keine Frage des Schulträgers.
ondrana 10.06.2008
5. Klientel
Ich selbst bin an einer katholischen Schule in freier Trägerschaft "erzogen und gebildet" worden und habe am Anfang meines Lehrerdaseins an einer katholischen Bistumsschule unterrichtet. Erste Schule verlangte ein sehr geringes Schulgeld, zweite Schule war kostenfrei. Die Vorteile, die beide Schulen hatten: Sie sind keine Behörden im Verwaltungssinne, sind also nicht an ministerielle Erlasse gebunden, sondern nur an das Schulgesetz. Da ist man in der glücklichen Lage, eventuelle Dummheiten aus der Schulbehörde zu ignorieren. Wie sagte mal ein berühmter deutscher Politiker: Wichtig ist was am Ende rauskommt. Zweitens: Die Klientel ist eine andere. Das hat aber bei sehr vielen nichtstaatlichen Schulen weniger mit den finanziellen Mitteln der Eltern zu tun, als mit der Tatsache, dass sich die Schulen auf folgendes zurückziehen können: "Sie und ihr Kind haben unsere Schule gewählt, damit haben sie auch unsere Bildungsphilosophie und unsere Regeln gewählt. Wenn Ihnen beides nicht mehr gefällt, steht es Ihnen frei, Ihr Kind an einer anderen Schule anzumelden." Es gibt also wesentlich weniger Disziplinprobleme und Schule und Elternhaus sind eher geneigt, an einem Strang zu ziehen. Diese Schule haben immer einen Anmeldungsüberschuss. Es ist beileibe nicht so, dass man sich da nur die akademischen Perlen herausfischt, an vielen Schulen gibt es sogar Kleinlerngruppen für besonders schwache Schüler. An diesen Schule angenommen zu werden, ist ein großer Erfolg. Was alle Schüler gemeinsam haben, ist eine große Identifikation mit ihrer Schule und eine erhebliche Portion Stolz auf ihre Schule. Bei Schulen, die als Wirtschaftsunternehmen geführt werden und die ein hohes Schulgeld verlangen, mag das alles etwas anders sein. Privatschule ist aber eben nicht gleich Privatschule.
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