Elite-Internat Schloss Torgelow Leistung, Leistung, Leistung

Die jüngsten Abiturienten, die besten Noten, die schnellsten Denker: Das Nobel-Internat Schloss Torgelow erzeugt immer neue Superlative, um ein Produkt zu verkaufen, das es überall umsonst gibt - das Abitur. SPIEGEL ONLINE besuchte eine der teuersten Privatschulen Deutschlands.

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Ihr Hobby findet Dorothea Seitz selbst ein bisschen merkwürdig. Sie presst sich Namen von Menschen ins Gedächtnis, die sie nicht kennt und nie kennen wird.

Mit blauen Ohrschützern sitzt die 16-Jährige am Schreibtisch und starrt auf 80 briefmarkengroße Gesichter. Ein Digitalwecker zählt rückwärts, zehn Minuten, dann soll sich Doro so viel gemerkt haben wie möglich. Gedächtnissport nennen sie das an ihrer Schule, dem Schloss Torgelow, einem Elite-Internat in Mecklenburg-Vorpommern, 231 Schüler, fünf Millionen Euro Jahresumsatz.

In Torgelow lässt sich besichtigen, wie eine Schule funktioniert, die wie ein Unternehmen denken muss, die sich als Wettbewerber positioniert auf einem zwar wachsenden, aber schwierigen Markt. Ein Monat kostet hier rund 2500 Euro. Begabte Schüler wie Doro sind Kunden, Werbefigur und Produkt zugleich.

Mehrere Stunden trainiert Doro jede Woche, mal allein an ihrem Laptop, mal mit ihrem Trainer. Wenn sie keine fremden Namen paukt, lernt sie Texte auswendig oder Zahlenreihen. Oder sie prägt sich historische Daten von Ereignissen ein, die nie geschehen sind: 1544 transplantieren Ärzte erstmals ein Gehirn, 1595 erfindet Jonny Kautschuk den Gummireifen.

Wer etwas leistet, soll sich nicht verstecken

"Das klingt bekloppt", sagt Doro, aber so sind die Regeln des Gedächtnissports: jedes Mal neue fiktive Daten lernen in kurzer Zeit, damit niemand einen Startvorteil hat. "Mir macht das Spaß", sagt Doro, "ich konnte mir als Kind schon gut Sachen merken." Und wenn etwas auffällt an ihr, dann die Selbstverständlichkeit, mit der sie über ihr seltsames Hobby spricht und ihre Erfolge: norddeutsche Meisterin, deutsche Jugendmeisterin bei den Memo Masters, Jugend-Weltmeisterin bei den World Memory Championships.

Wer etwas leistet, das weiß Doro, muss sich nicht verstecken, jedenfalls nicht hier, auf Torgelow.

Das Internat richtet sich an Jugendliche, "die Leistungsbereitschaft mitbringen", heißt es im Prospekt. Mit diesem Konzept tritt Torgelow an gegen renommierte Internatsmarken wie Salem und Louisenlund, gegen Jahrzehnte der Tradition, die Hunderte von Karrieren formten. Es tritt an gegen teure Privatschulen, an denen auch der schlechteste Schüler noch zum Abitur geschleift wird – vorausgesetzt die Eltern zahlen. Und Torgelow tritt an gegen viele tausend öffentliche Schulen, die das Produkt Bildung gratis in den Markt drücken. Ein Preis, der sich nicht unterbieten lässt.

Als Strategien bleiben nur: etwas Besseres anbieten oder sich besser verkaufen. Torgelow macht beides.

Schloss, Bootsanleger, Tennisplatz, Fitnessraum

Dafür verantwortlich ist der Schulbetreiber Mario Lehmann, Jurist, dunkler Anzug, stets um Verbindlichkeit bemüht; ein Mann, der jeden mit Namen anspricht. Während seines Studiums hat Lehmann eine Immobilienagentur betrieben und Neonkunst aus den USA importiert. Lehmanns Familie gehört das weiße Schloss am See samt Bootsanleger. Ihr gehören auch die Mensa im Fachwerkhaus daneben, der Tennisplatz, der Fitnessraum, die Aula.

Schon morgens um halb sieben, wenn die ersten Schüler zum Frühstück trotten, knipst Lehman sein Kleine-Jungs-Grinsen an und wechselt ein paar Worte mit der Kantinenfrau: Die Kollegin krank heute? Na, das werden Sie schon schaffen!

Was zählt in Lehmanns Welt, das ist der Wille zur Leistung, ein disziplinierter Optimismus. Das ist seine Botschaft. Und es ist die Idee, auf der sich Torgelow gründet.

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Seite 1
anin, 10.06.2008
1.
Zitat von sysopErst Berlin, dann die ganze Republik: Die Phorms AG will zum größten Privatschulbetreiber Deutschlands werden und ist auf Expansionskurs. Können Privatschulen eine bessere Alternative zur staatlichen Bildung sein?
Sicherlich wäre das eine bessere Alternative. Das sieht man doch im Gesundheitswesen: Da ist eine gute private Krankenkasse auch die bessere Alternative zu den gesetzlichen Krankenkassen. (._)
hjm, 10.06.2008
2.
Zitat von aninSicherlich wäre das eine bessere Alternative. Das sieht man doch im Gesundheitswesen: Da ist eine gute private Krankenkasse auch die bessere Alternative zu den gesetzlichen Krankenkassen. (._)
Auch im Transportwesen: Eine Mercedes S-Klasse ist eindeutig die bessere Alternative zum Stadtbus.
MonaM 10.06.2008
3. Persönliches Interesse am Einzelnen
Zitat von sysopErst Berlin, dann die ganze Republik: Die Phorms AG will zum größten Privatschulbetreiber Deutschlands werden und ist auf Expansionskurs. Können Privatschulen eine bessere Alternative zur staatlichen Bildung sein?
Aber bestimmt. Ich war selber auf einer, nach ein paar, zunehmend quälenden Schuljahren auf einem staatlichen Gymnasium. In der Privatschule erlebte ich zum ersten Mal, dass eine Lehrerin, die erkannt hatte, dass ich Hilfe brauchte, mir von sich aus vorschlug, ich solle doch am Nachmittag wiederkommen. Sie sei sowieso da, um einen Chemie-Versuch vorzubereiten, und habe dann Zeit für mich. Es ist gerade das PERSÖNLICHE Interesse an jedem einzelnen Schüler, das die privaten Schulen von den staatlichen Lernfabriken unterscheidet.
DoktorMS, 10.06.2008
4. Achtung!
Für Privatschulen geben Eltern hunderte Euro im Monat aus. Vermutlich bei einigen das Geld, dass sie durch Steuertricks dem Staat vorenthalten, so dass der Staat eben nicht so viel Geld für die öffentlichen Schulen hat. Bevor man private mit öffentlichen Schulen vergleichen kann, muss man sich die Rahmenbedingungen (Klassengröße, ...) bei beiden genauer ansehen. Mir persönlich sind zwei private Schulen aus dem Rhein-Main-Gebiet bekannt, die berühmt (bzw berüchtigt!) dafür waren, wirklich jedem "Deppen" zum Abitur zu verhelfen. Das hat natürlich die Eltern einiges gekostet. Als Lehrer würde ich in solchen Schulen nie unterrichten wollen. Man ist viel abhängiger vom Schulträger und muss sich wohl des öfteren "verbiegen" lassen, um bestimmte Noten zu vergeben. Wie das alles mit rechten Mitteln zugehen soll, das frage ich mich heute noch. Die öffentlichen Schulen sind nicht so schlecht, wie sie fast immer dargestellt werden. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten leisten sie schon mehr, als man von ihnen erwarten kann. Vieles bleibt ja im "Geheimen", etwa wenn es eine Haushaltssperre gibt und wichtige Unterrichtsmaterialien nicht angeschafft bzw. ersetzt werden können. Von der Besetzung freier Lehrerstellen ganz zu schweigen. Wenn man das einmal öffentlich machen würde, was da so alles in den Ministerien und Kommunen läuft, man würde als Strafe jahrelang überhaupt keine Zuschüsse mehr bekommen. Es mag sicherlich gute Privatschulen geben. Nur lernt man da eben nicht, sich auch bei widrigeren Umständen durchzusetzen. Spätestens an der Uni muss man dies können, außer man bleibt im "Heile-Welt"-Kokon der Privaten: Schule, Uni und dann Papas Firma übernehmen. Eine Statistik über die wirklichen Top-Leute in der Forschung würde sicherlich zeigen, dass die meisten davon eine ganz normale öffentliche Schule besucht haben. Klasse ist also keine Frage des Schulträgers.
ondrana 10.06.2008
5. Klientel
Ich selbst bin an einer katholischen Schule in freier Trägerschaft "erzogen und gebildet" worden und habe am Anfang meines Lehrerdaseins an einer katholischen Bistumsschule unterrichtet. Erste Schule verlangte ein sehr geringes Schulgeld, zweite Schule war kostenfrei. Die Vorteile, die beide Schulen hatten: Sie sind keine Behörden im Verwaltungssinne, sind also nicht an ministerielle Erlasse gebunden, sondern nur an das Schulgesetz. Da ist man in der glücklichen Lage, eventuelle Dummheiten aus der Schulbehörde zu ignorieren. Wie sagte mal ein berühmter deutscher Politiker: Wichtig ist was am Ende rauskommt. Zweitens: Die Klientel ist eine andere. Das hat aber bei sehr vielen nichtstaatlichen Schulen weniger mit den finanziellen Mitteln der Eltern zu tun, als mit der Tatsache, dass sich die Schulen auf folgendes zurückziehen können: "Sie und ihr Kind haben unsere Schule gewählt, damit haben sie auch unsere Bildungsphilosophie und unsere Regeln gewählt. Wenn Ihnen beides nicht mehr gefällt, steht es Ihnen frei, Ihr Kind an einer anderen Schule anzumelden." Es gibt also wesentlich weniger Disziplinprobleme und Schule und Elternhaus sind eher geneigt, an einem Strang zu ziehen. Diese Schule haben immer einen Anmeldungsüberschuss. Es ist beileibe nicht so, dass man sich da nur die akademischen Perlen herausfischt, an vielen Schulen gibt es sogar Kleinlerngruppen für besonders schwache Schüler. An diesen Schule angenommen zu werden, ist ein großer Erfolg. Was alle Schüler gemeinsam haben, ist eine große Identifikation mit ihrer Schule und eine erhebliche Portion Stolz auf ihre Schule. Bei Schulen, die als Wirtschaftsunternehmen geführt werden und die ein hohes Schulgeld verlangen, mag das alles etwas anders sein. Privatschule ist aber eben nicht gleich Privatschule.
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