Elite-Internate Mit dem Porsche zur Schule

Exklusiv wie eine Luxusuhr, diskret wie ein Nummernkonto: Schweizer Internate sind Markenprodukte und bei zahlungskräftigen Eltern aus Deutschland überaus geschätzt - auch weil der Nachwuchs regelmäßig zum Drogen-Urintest gebeten wird.


"Sport stärkt die Teamfähigkeit": Internatsschüler des Lyceum Alpinum in Zuoz (Schweiz) spielen Cricket
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"Sport stärkt die Teamfähigkeit": Internatsschüler des Lyceum Alpinum in Zuoz (Schweiz) spielen Cricket

Das Lyceum Alpinum im schweizerischen Zuoz ist mehr als eine Schule. Es bildet eine kleine Stadt für sich. Um das Hauptgebäude mit seinem Giebelturm schart sich ein Dutzend weiterer Häuser: Rektorat, Speisesaal, Bibliothek, Unterkünfte für Schüler, getrennt nach Alter und Geschlecht.

Doch es sind vor allem die Sportanlagen, die einen Abkömmling des deutschen Schulwesens vor Neid erblassen lassen: Sechs Tennis- und zwei Fußballplätze stehen den Zöglingen zur Verfügung, außerdem ein Cricketfeld und ein Golfplatz. Skifahren ist ebenfalls möglich, und das auf allerhöchstem Niveau - St. Moritz liegt direkt um die Ecke.

Sport wird in dem Engadiner Elite-Internat groß geschrieben. Gunther Sachs, Ferdinand Piech und Graf Anton von Faber-Castell sind hier zur Schule gegangen. Doch wer mit einem Foto im Flur der Anstalt vertreten sein will, muss schon zu den Cricket-Cracks gehören. "Sport trainiert das Einordnen in ein Team und die Rücksichtnahme auf Schwächere", sagt Georges Fäh, Admission Officer des hundertjährigen Lyceums.

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Elite-Internate: Mit dem Porsche zur Schule

Tatsächlich müssen viele der 180 Internatsschüler diese Tugenden erst erlernen, denn sie haben Eltern, die mindestens 35.000 Euro pro Jahr für die Ausbildung ihrer Sprösslinge erübrigen können.

Exklusive Markenprodukte

Die Internate stehen in einer Reihe mit anderen Markenprodukten der Schweiz: exklusiv wie die Uhren, diskret wie die Banken. "Wir sind ein republikanisch geprägtes Land, in dem Prominente nicht von Fotografen umlagert werden", sagt Markus Fischer vom Verband Schweizerischer Privatschulen in Bern. "Viele schicken ihre Kinder zu uns, damit sie in einem geschützten Rahmen heranwachsen können."

Besonderer Nachfrage aus Deutschland erfreuen sich jene Internate, die neben der Schweizer Matura und dem International Baccalaureate (IB) auch das deutsche Abitur als Abschluss anbieten. Dazu zählt neben dem Lyceum von Zuoz etwa das Institut auf dem Rosenberg in St. Gallen. "Unsere 250 Schüler kommen aus 35 Ländern", sagt dessen Leiterin Monika A. Schmid. "Deutsche bilden mit 50 Prozent die größte Gruppe."

Absolventenliste ist Geheimsache

Der "geschützte Rahmen" wird auf dem Rosenberg enger gezogen als in Zuoz. Namen prominenter Absolventen gibt man aus Prinzip nicht preis. Das Haus will auch Schülern "mit unkonventioneller Schulkarriere" zum Abschluss verhelfen. Entsprechend streng ist die Hausordnung. Die Jungs tragen Anzug und Krawatte.

"Wir sind etwas hierarchischer als andere", sagt Schmid. Während sich in Zuoz 180 interne mit 130 externen Schülern aus dem Umland mischen, bleiben die Rosenberger weitgehend unter sich. Für Kinder weniger betuchter Familien werden nur zwei bis fünf Teilstipendien pro Jahr vergeben.

Während man in der Schweiz den Begriff "Elite" eher aus Diskretion vermeidet, stößt er in Deutschland auf grundsätzliches Misstrauen. "Es gibt wenige Privatschulen, die sich dazu bekennen", sagt Bernhard Marohn vom Bundesverband Deutscher Privatschulen (VDP) in Frankfurt. Auch dann wird statt von Geld- lieber von Leistungs- oder Verantwortungselite gesprochen. Da der Vormittagsunterricht vom Staat gefördert wird, fallen aber für den Besuch eines deutschen Internats tatsächlich geringere Kosten an als in der Schweiz. Die Spanne reicht von etwa 7500 bis 27.500 Euro pro Jahr.

"Mitbestimmung" statt "Law and Order"

Zu den deutschen "Elite"-Internaten gezählt werden Schloss Stein unweit des Chiemsees, Louisenlund bei Schleswig oder der Birklehof im Schwarzwald, allen voran aber Schloss Salem am Bodensee, das auf prominente Ehemalige wie Golo Mann, Elisabeth Noelle-Neumann, Hildegard Hamm-Brücher, Eberhard von Kuenheim oder August Oetker verweisen kann.

Die Schulgebühren liegen in Salem mit rund 25.000 Euro pro Jahr am oberen Ende der Skala. Aber Geld spiele bei der Aufnahme nicht die vordingliche Rolle, heißt es bei der Leitung. Rund ein Drittel der 670 Schüler werde mit Teilstipendien unterstützt.

Auch sonst ist das Internat um Abgrenzung von der Schweizer Konkurrenz bemüht. Zwar werden in Salem wie in Zuoz und St. Gallen Urintests vorgenommen, um Drogensünder zu überführen und von der Schule zu verweisen. "Aber wir sind in erster Linie Pädagogen", sagt Sprecher Hartmut Ferenschild. "Statt auf "Law and Order" und Etikette wie viele Schweizer Internate setzen wir auf Mitbestimmung."

Die Unterschiede zu den exklusiven Schweizer Häusern zeigen sich schon in Äußerlichkeiten. Während die Zöglinge von Zuoz gegen rund 3000 Euro Aufpreis ein Einzelzimmer belegen können, gibt es solchen Komfort in Salem nicht. "Schließlich war unser Gebäude früher ein Zisterzienserkloster", so Ferenschild. Zur Bescheidenheit erzieht die Schüler auch eine andere Auflage. In der Schweiz darf man durchaus mit dem Porsche oder Geländewagen vorfahren. In Salem nicht - es gilt eine Obergrenze von 75 PS.

Von Tobias Wiethoff, gms



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