Ganz harte Schule Ich Helikoptervater

Wer in wenigen Wochen Abitur hat, sollte sich Gedanken über die Zeit danach machen, findet Armin Himmelrath. Er schleppt seinen Sohn zur Berufsorientierungsmesse - und kommt sich plötzlich ziemlich mies vor.

Jobmesse in Berlin (Archivbild)
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Jobmesse in Berlin (Archivbild)


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Meine Kinder kennen viele Wege, mich in den Wahnsinn zu treiben. Sehr viele. Aber sie hatten ja schließlich auch jahrelang Zeit, diese Fähigkeit zu erproben und zu perfektionieren. Eine davon ist: Entscheidungen nicht zu treffen.

"Weißt du schon, was du nach dem Abi machen willst?", wollte ich kürzlich von meinem Sohn wissen. Ich halte das für eine durchaus legitime Frage an jemanden, dessen Schulzeit in drei Monaten endet. Er nicht. "Stress mich doch nicht so", stöhnte er und verdrehte die Augen. "Mal gucken."

"Echt jetzt, stress ihn doch nicht so", echote sofort sein jüngerer Bruder, der im nächsten Jahr das Reifezeugnis in der Hand halten wird. Und hob zu einer seiner altklugen und verschraubten Erklärungen an: "Ich unterstütze ihn in seiner ruhigen Herangehensweise an die weiteren Bildungsentscheidungen, damit du mich nächstes Jahr nicht auch so stresst", dozierte er und schüttelte nachdrücklich missbilligend den Kopf. "Immer dieser Druck. Immer diese Entscheidungen." Ich wusste nicht, ob er das ernst meinte oder mich nur ärgern wollte.

Doch egal, was die beiden (nicht) antrieb: Bei mir entstand das dringende Bedürfnis, selbst ein paar Dinge in die Hand zu nehmen und für die beiden "Spätpubertiere" zu regeln. Nur noch acht Monate bis zum Wintersemester! Ich tat also, wozu die Kinder offenbar nicht mehr in der Lage sind: Ich traf eine Entscheidung. "Am Samstag fahren wir zur Berufsorientierungsmesse", verkündete ich mit aller Entschlossenheit, die ich zusammenbekam. Und bereute es sofort.

"Das ist absurd und abstoßend, du schlimmer, schlimmer Helikoptervater", schalt ich mich selbst, obwohl es in diesem Fall gar nicht um Überwachung oder Überblick geht, sondern eher um das, was der niederländische Begriff für Helikoptereltern ausdrückt: Curling ouders. Curling-Eltern. Weil wir den lieben Kleinen jedes Staubkörnchen auf ihrem potenziellen Bildungsweg übereifrig zur Seite fegen.

Eine befreundete Psychologin erklärte mir, dass das jahrelange Herumlavieren eine neue, mittlerweile aber schon recht verbreitete Entwicklungsstufe auf dem Weg zur Adoleszenz ist. Geahnt hatte ich es längst: Die Phase reicht ungefähr vom 16. Lebensjahr bis wahrscheinlich kurz vor 40.

Der Widerstand gegen den Ausflug war unerwartet gering. "Yo, können wir machen", teilten meine Söhne mir ziemlich uninteressiert mit. "Ich fahre euch aber nur dahin, die Informationen müsst ihr selbst besorgen", schob ich hinterher. Unartikuliert gebrummelte Zustimmung. "Und besorgt euch im Netz Eintrittskarten, die gibt's da umsonst!" Stilles Nicken. "Sonst zahlt ihr den Eintritt selbst." Schweigende Ignoranz. "Und wir fahren um acht Uhr los." Endlich eine Reaktion: "Spinnst du? So früh?"

Wir fahren um kurz nach neun, einer der beiden bringt noch seine Freundin mit, und tatsächlich lassen sie sich von der Messe-Atmosphäre und den Ausstellern zu Gesprächen motivieren. Mein Schuldgefühl als Curlingvater geht etwas zurück, auch wenn wir Eltern hier sicher ein Drittel aller Besucher stellen. Um mein Gewissen noch mehr zu entlasten, schleiche ich mich unter dem Vorwand journalistischer Recherche an einige Ausstellungsstände heran.

"Was ist die allerschlimmste Frage, die Sie heute von einem Vater oder einer Mutter gehört haben?", will ich von den anwesenden Hochschulvertretern wissen.

Eine Studienberaterin aus Duisburg erzählt von einem Abiturienten, der mit leiser Stimme sagte: "Ich möchte soziale Arbeit studieren" und von seiner Mutter angefaucht wurde: "Nein, das möchtest du nicht!"

Eine Beraterin aus Süddeutschland berichtet von einer Mutter, die zunächst ohne Sohn an den Stand kam: "Überreden Sie ihn bloß nicht, bei Ihnen zu studieren - er soll schön in meiner Nähe bleiben!" Dann drehte sie sich zu ihrem mittlerweile eingetroffenen Sprössling um, stellte ihn namentlich und mit Studienwunsch vor und sagte mit zuckersüßer Stimme und falschem Lächeln: "Und? Kann man das bei Ihnen auch studieren?"

Ein Augsburger Univertreter berichtet von einem Vater, der mit seiner höchstens zwölfjährigen (!) Tochter auf der Messe auftauchte und verkündete: "Das ist Lena, sie wird mal Medizin studieren! Was haben Sie uns anzubieten?"

Die Geschichten erleichtern mein Gewissen: Sooooo schlimm bin ich nicht. Wirklich nicht. Ich habe meine Kinder nur gezwungen, mit mir zu dieser Berufswahlmesse zu fahren. Mehr nicht.

Das ist jetzt eine Woche her. "Und, habt ihr schon mal in den Unterlagen gelesen oder im Netz nachgeschaut, was euch so interessiert?", wollte ich gestern Abend wissen. "Du brauchst mich gar nicht so anzugucken, ich mache erst in einem Jahr Abi", sagte mein jüngster Sohn. "Und du?", fragte ich den aktuellen Abiturienten.

Der blickte kurz zu seinem Bruder. Ich könnte es nicht beschwören, aber es sah nach einer Absprache aus.

"Stress mich nicht so", sagte er.

"Stress ihn doch nicht so", kam sofort das Echo.

Jahrelanges Training eben.

Zum Autor
  • Jessica Meyer
    Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (17, 19, 22) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!
  • picture alliance / Bildagentur-o
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insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
Yves Martin 08.03.2017
1.
Ich habe meine Kinder in der Vor-Abi-Zeit auch nicht mit solchen Fragen "gestresst". Ich habe ihnen nur freundlich mitgeteilt, dass volljährige Menschen nach Abschluss der allgemeinbildenden Schule wirtschaftlich für sich selbst verantwortlich sind - und dass die Alternative zu einer Ausbildung oder einem Studium dann meinetwegen auch gerne "Kasse bei Aldi" oder "Job beim Forstamt" heissen könne, aber sicher nicht "zuhause abhängen auf Kosten der Eltern." Die Tageszeitung mit den Wohnungsanzeigen lag in dieser Zeit regelmässig mit eingekringelten 1-Zimmer-Wohungen oder WG-Zimmern in der Küche. Allein die Aussicht, dann mindestens an 5 Tagen in der Woche früh aufstehen, selbst Wäsche waschen und einkaufen zu müssen, hat die Bereitschaft meiner Abkömmlinge, sich eigenverantwortlich und zielstrebig mit dem Thema "Berufsausbildung" zu befassen, massiv befördert.
streckengeher 08.03.2017
2. Um solche Söhne würde ich mir keine Gedanken machen
Die werden Ihren Weg gehen. Und dem Vater kann ich wohl nur gratulieren.
osnase92 08.03.2017
3. Naja
Der Autor hat glaub ich noch im normalen Maß gehandelt. Ne Berufsmesse ist ok. Aber richtige Helikoptereltern sind furchtbar. Die Kinder dieser Leute können nichtmal ne einfache Kaffeemaschine bedienen.
spontanistin 08.03.2017
4. Unübersehbare Transformation der Arbeitswelt
Wenn permanent verbreitet wird, dass in Zukunft jeder alle drei Jahre seinen Job wechseln muss und seine Qualifikation entsprechend anpassen, ist Orientierungslosigkeit resp. kurzfristiges Handeln ("Fahren auf Sicht") doch vorprogrammiert. Nur der Firmenerbe und designierte Nachfolger des Patriarchen (siehe auch Monarchie) kann irgendwas studieren und bekommt die Techniken der Macht nach bewährter Art vermittelt. Und so bilden sich ähnlich dem früheren Zunftwesen ganz neue Genealogien von Ärzten, Rechtsanwälten, Hochschullehrern, Berufspolitikern heraus. Der Rest hat halt Pech.
rolandharry 08.03.2017
5. Verantwortungs- und Arbeitsscheu
sind die Motive für "das jahrelange Herumlavieren ... ungefähr vom 16. Lebensjahr bis wahrscheinlich kurz vor 40." Dann haben die Herumlavierenden hoffentlich genug Zeit, sich mit eigener Erwerbsarbeit zu ernähren. Solche Leute müssten auch von HartzIV-Leistungen und ähnlichem ausgeschlossen werden. Arbeit in den Ferien oder "Praktische Arbeit" im DDR-Schulsystem waren die beste Motivation zu Berufsausbldung und ggf. Studium. Wer das ausgekostet hat, wollte oft so sein Leben nicht verbringen.
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