Eltern bei Facebook Dislike! Dislike! Dislike!

Die Aufforderung zum Abendessen ist harmlos, die Frage nach der Fußpilzcreme einfach nur peinlich. Und darf man Muttis Kontaktanfrage ablehnen? Höchste Zeit, sich mal mit den Datenschutzeinstellungen zu beschäftigen.

Peinlich, peinlich: Mütter, die ihre Kinder per Facebook-Eintrag für gute Schulnoten loben
TMN

Peinlich, peinlich: Mütter, die ihre Kinder per Facebook-Eintrag für gute Schulnoten loben


Als auf Lottas Computerbildschirm die Nachricht "Abendessen ist fertig" aufpoppte, wunderte sie sich schon. Die Facebook-Nachricht war von ihrer Mutter, sie war nur wenige Meter entfernt in der Küche. "Ich dachte nur: 'Hä, wir sind im gleichen Gebäude'", erzählt die 17-Jährige aus Chemnitz, "sie hätte mich auch einfach rufen können." Ihre Mutter hatte sich gerade bei Facebook angemeldet. Lottas erster Gedanke: "Dislike!"

Oft mögen es Jugendliche nicht, wenn die Eltern sich bei Facebook, Instagram, Twitter & Co registrieren. "Es war wie ein Einbruch in meine persönliche Welt", sagt Lotta. Auch Kathrin Demmler vom Institut für Medienpädagogik in München beobachtet, dass Jugendliche Raum für sich möchten. Facebook ist solch ein Raum - eine Welt, in der Eltern erstmal keinen Platz haben. "Jugendliche würden ja auch nicht mit ihren Eltern ins Jugendzentrum gehen", sagt Demmler.

Die Freundschaftsanfrage ihrer Mutter wollte Lotta eigentlich ablehnen, doch sie hatte das Gefühl, keine Wahl zu haben. Um keinen Streit aufkommen zu lassen, klickte sie auf "Annehmen". Sie befürchtete, dass ihre Mutter sie mit ihrer neuen Facebookpräsenz kontrollieren wollte. Und plötzlich kamen sie tatsächlich, die Fragen der Mutter: "Sie wollte wissen, wo dieses oder jenes Foto entstanden ist, was ich da mit wem genau gemacht habe", erzählt Lotta.

Kommunikative Beruhigungspillen

Wenn die Eltern das Medium zum Ausspionieren nutzen, schränkt das die Jugendlichen stark ein, warnt Kristin Langer von "Schau hin". Die bundesweite Initiative gibt Tipps zum Umgang mit Medien. Jugendliche sollten ihr Unbehagen ansprechen, aber auch überlegen, was die Ursache dafür ist. Denn gerade in der Pubertät sind viele nicht besonders mitteilungsbedürftig. Die Eltern sorgen sich dann, brauchen Klarheit darüber, was ihr Kind so treibt. "Wenn Jugendliche es schaffen, auch mal über ihren Schatten zu springen und von sich aus drei Sätze über die Schule sagen, reicht das oft schon", rät Kristin Langer. Das beruhigt die Eltern, sie haben den Eindruck, am Leben des Kindes teilzuhaben.

Und: Es hilft, wenn Jugendliche sich mit den Privatsphäre-Einstellungen auf Facebook auskennen. Denn dann können sie festlegen, wer ihre Online-Aktivitäten sehen kann und wer nicht. "Sie sollten ihre Facebookfreunde in verschiedene Gruppen unterteilen", rät Frank Spaeing, Sprecher der Initiative "Datenschutz geht zur Schule" des Berufsverbands der Datenschutzbeauftragten Deutschlands. "Eine Gruppe kann dann für die Eltern sein." Für diese Gruppen sollten die Jugendlichen dann individuell einstellen, welche Informationen und Posts sie mit ihnen teilen. "So können sie gut steuern, was die Eltern so alles mitbekommen", sagt Spaeing.

Doch manchmal nerven die Eltern auch mit Fotos oder Statusupdates, die sie auf Facebook verbreiten. Lottas Mutter hatte lange Zeit ein Katzenfoto als Profilbild. Das war ihrer Tochter schlicht peinlich. Manche Eltern kommen gar auf die Idee, Fotos von ihren Kindern auf Facebook zu teilen. "Manchmal ist es nur gut gemeint", sagt Kristin Langer von "Schau hin". "Doch wenn die Mutter zum Geburtstag ein altes Kinderfoto postet, um zu gratulieren, ist das vielen peinlich."

Recht am eigenen Bild

Schließlich muss nicht die halbe Schule wissen, dass der athletische Sportfan früher mal pummelig war. Langer betont, dass auch Kinder ein Recht am eigenen Bild haben - und Fotos von ihnen nicht einfach verbreitet werden dürfen. Und nur, weil Eltern ein bestimmtes Foto niedlich finden, müssen Jugendliche das noch lange nicht genauso sehen.

Es kann auch peinlich sein, wenn die Eltern Posts der Jugendlichen kommentieren oder private Unterhaltungen auf der Pinnwand führen. "Manche Themen gehen nur die Familie etwas an", sagt Langer. Oft wissen die Eltern gar nicht, wie man die soziale Plattform richtig bedient. Sie verstehen nicht, wann eine Konversation privat und wann sie für alle sichtbar ist. Und dann landet die Frage "Brauchst du noch neue Fußpilzcreme aus der Apotheke?" nicht im privaten Nachrichtenpostfach, sondern auf der öffentlichen Pinnwand.

Amerikanische Jugendliche haben darauf bereits reagiert. Im Blog "myparentsjoinedfacebook" lästern sie über die schlimmsten Einträge ihrer Eltern - von peinlichen Anspielungen auf sexuelle Aktivitäten à la "Hey I'm old, I'm not dead" bis hin zu privaten Liebesschwüren zwischen Mutter und Vater: "Hello my dear husband! Did I mention that I think you are especially handsome? Can't wait to get away with you! Love you!"

So etwas kann Lotta nicht mehr passieren. Mit ihrer Mutter führt sie mittlerweile eine friedliche Koexistenz bei Facebook - vor allem deshalb, weil sie die Posts ihrer Mutter nicht mehr sieht. "Ich hab ihr Profil auf den Ignoriermodus gestellt", sagt Lotta.

Sicher ist sicher.

SPIEGEL TV-Doku

Julia Naue/dpa

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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
schattenrose 12.07.2015
1. Einstellungen bearbeiten
Vielleicht merken manche Jugendliche dann, was sie eigentlich alles ins Netz stellen. Manchmal kann man komplette Tagesabläufe lesen usw. Zumindest wird sich der ein oder andere mit den Privatsphäre-Einstellungen auseinander setzen oder sich 2 mal überlegen ob er peinlichste Dinge in die Öffentlichkeit des Netzes preisgibt.
jm1973 12.07.2015
2. Facebook abschaffen...
..hilft mit Sicherheit auch. Dann lernt der eine oder andere vielleicht mal, wie das wirkliche Leben ist und was wirkliche Freunde sind.
dominikpflu 12.07.2015
3. Facebook für Alumni
Bedenkt man, dass Facebook ursprünglich als Alumninetzwerk programmiert wurde, so haben wohl Eltern eher etwas auf Facebook zu suchen als ihre Kinder. Kinder und Jugendliche also als Opfer darzustellen finde ich mehr als unpassend. Opfer im Hinblick auf mangelnde oder fehlende Medienkompetenz vielleicht, aber bestimmt nicht, weil ihre Eltern sich bei Facebook angemeldet haben.
MartinS. 12.07.2015
4. ...
Zitat von dominikpfluBedenkt man, dass Facebook ursprünglich als Alumninetzwerk programmiert wurde, so haben wohl Eltern eher etwas auf Facebook zu suchen als ihre Kinder. Kinder und Jugendliche also als Opfer darzustellen finde ich mehr als unpassend. Opfer im Hinblick auf mangelnde oder fehlende Medienkompetenz vielleicht, aber bestimmt nicht, weil ihre Eltern sich bei Facebook angemeldet haben.
nun ja - was "ursprünglich" mal war, muss ja nicht unbedingt für alle Ewigkeiten der Weisheit letzter Schluss darstellen. Davon abgesehen habe ich mittlerweile durchaus eher den Eindruck, dass den eigentlich Erwachsenen eher die Medienkompetenz fehlt, als ihrem Nachwuchs.
myonium 12.07.2015
5.
Das Problem entschärft sich doch dadurch, dass die Jugendlichen heutzutage gar nicht mehr auf Facebook sind - eher unterhält sich dort die Generation "Eltern" mit der Generation "Großeltern" ...
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