Ganz harte Schule Der Rückkehrer

Der Auszug der Kinder stellt Eltern auf die Probe. Was tun mit der neuen Leere in der Wohnung? Kolumnist Armin Himmelrath hatte sich gerade mit der Situation angefreundet, als sein Sohn verkündet: Ich bin wieder da.

Symbolbild (zeigt nicht das im Text erwähnte Zimmer)
Getty Images

Symbolbild (zeigt nicht das im Text erwähnte Zimmer)


  • Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Die Kinder sind aus dem Haus, das Leben normalisiert sich. Keine 200-Euro-Einkäufe mehr am Samstagvormittag, weil drei hungrige Halbstarke Lebensmittelmengen verschlingen, deren Verzehr normale Menschen für unmöglich halten. Kein stundenlang blockiertes Badezimmer mehr, weil die Haare fürs "Vorglühen" noch nicht wunschgemäß sitzen. Keine ziellos in den Hausflur gekickten Schuhe, die "gleich" weggeräumt werden - also irgendwann zwischen heute und dem übernächsten Jahreswechsel.

Seit im Oktober auch mein jüngster Sohn ein Studium aufgenommen hat und ausgezogen ist, geht es zu Hause deutlich entspannter zu. Niemals würde ich öffentlich zugeben, dass mir die benutzten und nicht abgeräumten Gläser auf dem Küchentisch fehlen. Oder mir das entspannte Lesen der Zeitung am Frühstückstisch weniger Freude bereitet als die verqueren Debatten mit meinem Nachwuchs über dessen Zukunftspläne, die Notwendigkeit von Zeugnisgeld oder die Gültigkeitsdauer von Aufräumgutscheinen.

Nein, seit meine Söhne ausgezogen sind, herrscht endlich tiefer Frieden. Ein ziemlich langweiliger Frieden, ja. Aber immerhin: Frieden!

Zum Autor
  • Jessica Meyer
    Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (19, 20, 23) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!

So machten sich gleichzeitig echte Freude und tiefes Misstrauen breit, als mir mein mittlerer Sohn im Herbst, kurz nach Beginn des Semesters, eröffnete: "Ich ziehe wieder ein." Er weidete sich lange und grinsend an meinem Gesichtsausdruck, bevor er relativierte: "Nur für vier Wochen, für ein Praktikum."

Mehr, kommentierte er süffisant, würde er auch gar nicht aushalten. Aber weil er als angehender Lehrer Einblicke in die Unterrichtspraxis einer Grundschule nehmen müsse, habe er sich eben gedacht, dass die Bildungsanstalt ein paar Straßen weiter dafür doch ganz hervorragend geeignet sei, "wegen der kostenlosen Unterkunft. Wir sollen ja immer sparsam sein."

Meinen Versuch, ihm den Unterschied zwischen "kostenlos" und "für ihn kostenfrei" zu verdeutlichen, ließ er einfach an sich abprallen. "Freust du dich denn gar nicht?", unterbrach er mich mit betroffener Miene (wahrscheinlich geheuchelt). "Doch, natürlich freue ich mich!", versicherte ich schnell. Im Kopf überschlug ich die Mengen an Milch und Brot, die ich in den kommenden Wochen zusätzlich würde heranschaffen müssen.

Fotostrecke

11  Bilder
Fotostrecke: Abi 2018 - und nun?

Als er dann kam mit seiner großen Reisetasche, war das dann aber ehrlicherweise doch ein bisschen wie vorgezogene Weihnachten. Wir fielen uns in die Arme, sein altes Zimmer war gesaugt und aufgeräumt, abends saßen wir zusammen und aßen und tranken und redeten.

Genauer: am ersten Abend. Am ersten Morgen nach dem temporären Wiedereinzug nämlich ging es um die Frage, wer denn jetzt die Hunderunde drehen könne. "Ich? Auf gar keinen Fall! Ich habe bis um vier gezockt, bin jetzt wieder voll drin bei Mario Kart", murmelte es unter der Bettdecke. Nur unter Flüchen und handfesten Drohungen ("Ich enterbe dich!", "Es gibt kein einziges Mal dein Lieblingsessen!") gelang es mir, den 20-Jährigen aus dem mit großer Kennerschaft schnell wieder hergestellten Chaos seines Zimmers zu locken und ihn zum Gang mit dem Hund zu zwingen.

Als Versöhnungsangebot nach diesem morgendlichen Streit an Tag eins bereitete ich unterdessen das Frühstück vor, mit Ei und Orangensaft. Als mein Sohn nach dem Gassigehen seine Schuhe ziellos in den Flur gekickt und am Tisch Platz genommen hatte und das Frühstücksangebot mit dem Handy fotografierte ("Ich snappe das mal kurz"), wies ich ihn eindringlich auf unsere alte Regel hin: "Kein Telefon am Esstisch!" Konsequenz ist die Basis guter Erziehung, daran haben mich zahlreiche SPIEGEL-Leser immer wieder erinnert.

Ihn erinnerte das dagegen an das Standardskript unserer alten Konflikte. "Alter", stöhnte er genervt, steckte das Gerät provozierend langsam in seine Tasche, leerte sein Saftglas in einem schnellen Zug, stand auf und verkündete: "Ich gehe noch mal schlafen." Gute Idee, dachte ich. Nur noch drei Wochen und sechs Tage.

In Eltern-Selbsthilfegruppen hole ich mir seither Trost und die Gewissheit: Ich bin nicht alleine. "Ab genau welchem Alter passiert es, dass die Kinder auf die Bitte, Milch kaufen zu gehen, mit 'Ja klar, bis gleich' antworten und nicht mit einem Gesichtsausdruck, als wären sie soeben zu 20 Jahren sibirischem Arbeitslager verurteilt worden?", schrieb mir ein paar Tage danach eine befreundete Mutter.

"Auf gar keinen Fall vor 20", konnte ich nur antworten. Und nicht einmal dann, wenn die Kinder eigentlich schon ausgezogen sind.



insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jujo 30.12.2018
1. ...
Es ist gut und richtig, das sich die Kinder von den Eltern zur gegebener Zeit emanzipieren. Sichtbar durch den Auszug. Es ist aber genauso wichtig, sich dann von den Kindern zu emanzipieren. Klare Ansage Hotel Mama/Papa ist vorbei! Für uns galt das nur bis zum ersten Enkelkind. Seitdem ist Hotel Oma/Opa jederzeit geöffnet.
dasfred 30.12.2018
2. Mit Kindern ist alles möglich
Meine Schwester hat mir vor ein paar Wochen gemailt, ihr Jüngster hat Urlaub und fährt ein paar Tage weg. Der ältere ist im Frühjahr mit seiner Freundin zusammengezogen. Sie hat mit ihrem Mann für ein paar Tage das Haus ganz allein. Eine Stunde später die nächste Nachricht. Der ältere hat Bescheid gesagt, er kommt gleich, in der Wohnung hat sich Schimmel gebildet, da können sie nicht mehr schlafen und und schon war das Haus samt Freundin und Hund wieder voll. Neue Wohnung gibt es mittlerweile, aber aus der besinnlichen Adventszeit wurde Jubel, Trubel und Hund betüddeln.
anna cotty 30.12.2018
3.
Wir sind unsere vier Kinder gut und schnell losgeworden. Sie wollten studieren und natuerlich nicht an der hiesigen Uni und schon waren sie mit 18 Jahren ( mehr oder weniger) aus dem Haus. 'Mehr' war meine aelteste Tochter, die ab dann hoechstens 4 oder 5 mal fuer eine kurze Uebernachtung bei uns auftauchte und 'weniger' war Kind Nr. 2, ihr Bruder, der jedem Freitag nach Hause kam und am Sonntag zurueck fuhr, egal wie sehr wir ihm nahelegten, dass es doch bestimmt toll waere, auch mal ein Wochenende in einer Universitaetsstadt zu verbringen, als bei uns auf dem Dorf. Das lustige ist, dass unsere aelteste Tochter nach 10 Jahren mit ihrer Familie zurueck in unser Dorf gezogen ist und ich sie und unsere 3 Enkel fast taeglich sehe und mein aeltester Sohn hoechstens 2x im Jahr mit seiner Familie bei uns ist und 2 Stunden entfernt wohnt. Es ist gut und richtig, dass Kinder ihr Elternhaus verlassen. Wir geniessen heutzutage unsere Freiheit und unsere Ruhe, die wir besonders zu schaetzen wissen, wenn wir , wie jetzt ueber Weihnachten , die ganze Familie fuer ein paar Tage hier gehabt haben. Es ist schoen, dass die Kinder kommen, aber es ist auch sehr schoen, dass sie wieder gehen.
dergrosseonkel 30.12.2018
4. Ich werde es mir wie gewohnt...
einfach machen. Wir haben ein Zweifamilienhaus gebaut, die Kinder bewohnen die erste Etage. Zum 18. Geburtstag bekommen die jeweils ein schönes, großes Kofferset und ziehen aus. Dann wird die Etage vermietet. Endeausmickymaus.
three-horses 30.12.2018
5. Man kann auch für immer verlieren.
Zitat von dergrosseonkeleinfach machen. Wir haben ein Zweifamilienhaus gebaut, die Kinder bewohnen die erste Etage. Zum 18. Geburtstag bekommen die jeweils ein schönes, großes Kofferset und ziehen aus. Dann wird die Etage vermietet. Endeausmickymaus.
Ziemlich hart. Bleibt lebenslang hängen. Auch wenn man es unter Umständen verdient. Ich springe etwas zurück...ein Junge, Frettchen bekam die Freiheit und konnte eigentlich draußen im Garten bleiben. Inklusive Wasser und Futter. Als wir weggefahren sind war der Bursche nicht zu finden. Bei zurück war der wieder im Wohnzimmer. Über das Balkon. Die Tür war wegen ein paar Kabel nur mit einem Gewicht, etwa 10 Kilo von Ihnen abgesichert. Die Freiheit wollte der, sein Heim aber nicht verlieren. Auch Menschen sind so.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.