Hilfe beim Lernen Jede vierte Grundschule lässt Eltern allein

Grundschulbildung ist auch die Aufgabe der Eltern, sagen Bildungsforscher. Eine neue Studie legt jedoch offen: Viele Schulen versagen dabei, Väter und Mütter richtig einzubinden.

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Elternhilfe: Grundschulen bieten zu wenig pädagogische Unterstützung für Väter und Mütter
Corbis

Elternhilfe: Grundschulen bieten zu wenig pädagogische Unterstützung für Väter und Mütter


Klassenpflegschaft, Schulhofgestaltung, Kuchenbuffet beim Elternsprechtag: Auf den ersten Blick sind deutsche Grundschuleltern bestens ins Schulleben integriert. Doch wenn es um die Unterstützung der Väter und Mütter bei der Lernförderung zu Hause und bei pädagogischen Fragen geht, versagt ein erheblicher Teil der Grundschulen. Das zeigt eine neue Bildungsstudie, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

"Angebote wie zum Beispiel Bildungsveranstaltungen, die Eltern dabei unterstützen können, ihr Kind zu Hause auch beim Lernen zu begleiten, finden nur unregelmäßig statt", kritisieren die Autoren. Dabei könnte die pädagogische Einbindung der Eltern einen erheblichen Beitrag zum Bildungserfolg der Kinder leisten und damit Ungerechtigkeiten des Schulsystem ausgleichen. Massive Defizite in Sachen Bildungsgerechtigkeit hatte zuletzt der Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung aufgedeckt, bekannt sind sie schon seit den ersten Pisa-Studien.

Ganztagsschulen binden Eltern besser ein

"Die Möglichkeiten der Beteiligung sind insgesamt noch nicht hinreichend auf die Bedürfnisse der Eltern abgestimmt", heißt es weiter. Dabei zeigten sich erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Schulformen: Je konsequenter die jeweilige Grundschule auf Ganztagsunterricht umgestellt hatte, desto stärker wurden auch die Eltern in die Bildungsarbeit mit eingebunden.

  • Die stärkste Elternbeteiligung bieten rhythmisierte Ganztagsschulen mit Unterricht am Vor- und Nachmittag an. Das liege daran, dass hier das Schulkonzept grundlegend neu entwickelt wurde - und dabei auch die Kooperation mit den Eltern Berücksichtigung fand. So wurden mit der Umstellung auf Ganztagsunterricht vielerorts die Hausaufgaben abgeschafft; die Schulen mussten Wege finden, die Eltern auf andere Art einzubinden.
  • Thematische Elternabende und Workshops zu pädagogischen Fragen gibt es überwiegend an solchen rhythmisierten Ganztagsschulen - jede dritte dieser Grundschulen (32,8 Prozent) bietet entsprechende Veranstaltungen mindestens dreimal jährlich. Bei den klassischen Halbtagsschulen ohne Nachmittagsbetreuung sind es dagegen nur 6 Prozent.
  • Was die Forscher erschreckte: Jede vierte Grundschule bietet Lernunterstützung für Eltern überhaupt nicht an. Veranstaltungen zur Elternbildung finden dort genauso wenig statt wie die Weitergabe von zusätzlichem Lernmaterial.
"Gerade zugewanderte Eltern, die das deutsche Bildungssystem nicht kennen, bedürfen aktiver Unterstützung", sagt Mohini Lokhande, Senior Fellow der Vodafone Stiftung und eine der Autorinnen der Studie. Bieten die Schulen solchen Eltern Hilfe an, profitieren die Kinder am stärksten - und genau das sei auch eine der Aufgaben von Ganztagsschulen. Ihr Auftrag sei es, "vor allem Schüler mit Migrationshintergrund und Schüler aus sozial benachteiligten Familien besser zu begleiten".

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration hatte für die Studie Fragebögen von rund 3200 Eltern und knapp 200 Grundschulleitern ausgewertet sowie zusätzliche Experteninterviews geführt. Die Forscher wollten insbesondere herausfinden, wie gut die Elternbeteiligung an Grundschulen mit Ganztagsunterricht funktioniert. Kooperationspartner der Studie war die Vodafone Stiftung.

Die Verantwortung für eine bessere Elternbeteiligung liege "primär bei den Schulleitungen", schreiben die Forscher. Die Schulen dürften aber mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden. Von den Bundesländern fordern die Forscher unter anderem, einen Teil der Schulbudgets verpflichtend an die Elternbeteiligung zu koppeln und jeder Grundschule einen Schulsozialarbeiter zuzuordnen, der auch für Elternarbeit zuständig ist.

So sind die Bildungschancen in Deutschland verteilt:





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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
lindenbast 16.12.2014
1.
Ich mag mich irren, aber war es nicht gerade der Zweck der Ganztagsschule, den Eltern (und zwar beiden) eine Vollzeit-Berufstätigkeit zu ermöglichen? Und nun sollen sie doch wieder stärker eingespannt werden? Ja, wann denn und wie denn?
apst 16.12.2014
2. Alles schön und gut...
dann müsste die Politik dem Personal auch die Möglichkeit dazu geben. Solch eine weltfremde Studie, die wieder das Problem ausschliesslich bei den überlasteten Schulen sieht, braucht kein Mensch. Ich sehe das Problem bei den Eltern - wenn ich das schon lese "Workshops" mit den Eltern. Was glauben die denn, wieviele Eltern da mitmachen würden - wenn es 10% wären, dann ist das schon "utopisch" hoch. Die Schulen brauchen Personal und Material und keine guten Ratschläge, wie man Zeit verschwendet.
elizar 16.12.2014
3. Wie sich die Zeiten doch ändern.
Früher haben die Eltern doch auch nicht großartig an irgendwelchen Bonusprogrammen von Grundschulen teilgenommen. Meine Eltern sind nicht einmal zu Elternabenden gegangen. Trotzdem haben sie drei vernünftige Kinder mit jeweils Hochschulabschluss hinbekommen. Der Schlüssel dazu war Selbstverantwortung. Warum ist das plötzlich heute so schwer geworden? Warum braucht es heute für alles immer irgendein vom Staat bereitgestelltes Zusatzangebot?
Pango 16.12.2014
4. Lächerlich!
Wie bitte? Wer seinen Kinder nicht einmal in Grundschulfragen beistehen kann, hat ganz andere Probleme als eine bessere "Einbindung"! Schon komisch ... Die zusätzlichen "Hilfsangebote" wuchern wie verrückt und trotzdem sei immer zu wenig vorhanden - bei gleichzeitig sinkendem Niveau im Unterricht! Wie haben das nur die Generationen geschafft, die _wirklich_ was zu leisten hatten? Ganz ohne Ringelpiez-Abende, Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Hausaufgabenbetreuung und und und ... Wahnsinn.
georgia.k 16.12.2014
5. Das dürfte ein Ammenmärchen sein
jede Grundschule kann sich freuen, wenn sie neben vollberufstätigen Eltern noch genug Eltern - zumeist sind es Mütter - hat, die sich wie auch immer dort einbringen können. Da fehlt es mal an einer weiteren Begleitperson für Ausflüge, bei Besuchen kultureller Veranstaltungen oder auch für die Klassenfahrt. Bei Schulfesten sind auch die Eltern mit Freizeit und Einsatzbereitschaft nötig, wie sollte sonst alles vorbereitet werden. Selbst die Anstriche in der Pausenhalle, der Klassenräume können nur von denjenigen bewältigt werden, die genug Freizeit haben. Für die Arbeit in Fördervereinen, Klassen- und Schulpflegschaften braucht man auch Zeit. Die haben vollberufstätige Eltern selten - mal von Lehrern abgesehen. Manche Schulen können inzwischen schon froh sein, wenn die Eltern zu den Elternabenden kommen. Das Angebot der Schule, Eltern einzubinden, mag unterschiedlich sein. Es soll auch welche geben, die es als durchaus lästig betrachten oder gar Eltern ausmanövrieren, wenn es um die Wahrung eigener privater Interessen von Lehrern oder Schulleitung geht. Auch das kann die Schulaufsicht durchaus feststellen - wenn sie denn mal die verschiedenen Protokolle der Lehrerkonferenzen, Schul- und Klassenpflegschaften und Fördervereine abgleicht. Schule kann sich bemühen, Eltern einzubeziehen, ihnen Angebote machen - aber sie kann nicht alle uninteressierten und wenig bildungsbereiten Eltern betreuen. Das ist leider die Krux, die Kinder können schon an ihren Eltern leiden.
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