Empty-Nest-Syndrom Mama allein zu Haus

Unsere Autorin, 50, hatte Angst vor dem Auszug ihrer Tochter. Jetzt stellt sie fest: Das Leben ohne Verantwortung kann ziemlich großartig sein.

Frau an der Nordsee (Symbolbild)
Getty Images/Cultura RF

Frau an der Nordsee (Symbolbild)


Neulich wurde ich gefragt, ob ich jetzt auch am Empty-Nest-Syndrom leide. Ich habe erst mal gegoogelt, was das genau sein soll. "Mit dem Begriff wird eine Gefühlslage von Einsamkeit und Trauer beschrieben, die sich nach dem Weggang der Kinder aus dem elterlichen Haus einstellen kann", heißt es bei Wikipedia. Aha. Wie eine Krise fühlt sich das absolut nicht an, was gerade in meinem Leben passiert.

Ja, meine Tochter wird Ende des Monats endgültig ausziehen. Sie hat ihren Wunsch-Studienplatz in einer anderen Stadt bekommen, und ich bin sehr stolz auf sie. Aber vor dem Abschied habe ich keine Angst. Wir haben das geübt. Nach dem Abitur hat sie für einige Monate einen Freiwilligendienst im Ausland gemacht. Dass sie jetzt kurz wieder bei mir wohnt, ist eher eine Zwischenlandung.

Zugegeben, das Jahr davor war schwer. Es gab so viel zu tun und zu organisieren wie noch nie, und, ja, ich hatte lange Trennungsschmerz - während sie noch da war. Aber eines war klar: Ich wollte die beste Mutter der Welt sein, und sie fliegen lassen.

Zum Glück musste das Dachgeschoss umgebaut werden, um ihre Umzugskisten unterzubringen. Das Handwerkern hat geholfen, das mulmige Gefühl - wortwörtlich - zu verarbeiten. Ihr Zimmer haben wir komplett leer geräumt, weil ich es probehalber vermieten wollte - als Testlauf für den Moment, in dem sie endgültig ausziehen würde. Ein halb leerstehendes Haus wollte ich nie. Ich wusste aber nicht, ob ich mit unbekannten Menschen zurechtkommen würde, und mir war es sehr recht, einen Grund für die Mietbefristung zu haben.

Dann war sie weg, und ich war - nein, nicht allein, sondern mit lauter liegengebliebenen Sachen und neuen Menschen beschäftigt. Ich habe mich kaum bei ihr gemeldet, denn sie hatte sogar ihren Freunden gesagt, dass sie sich voll auf die Erfahrungen im Ausland konzentrieren wollte.

Völlig okay für mich!

Ich fand es einfach wunderbar, nicht mehr "zuständig" zu sein. Jahrelang, auch als sie fast erwachsen war, hatte ich mich zum Beispiel beeilt, schnell aus dem Büro nach Hause zu kommen - nur damit jemand da ist, wenn sie vom Turnverein nach Hause kommt. Nur für diesen Moment, für dieses "Hallo".

Jahrelang hatten wir ein System ausgetüftelt, wie sie mir hinterlegt, wo sie jeweils ist, ohne ihre Privatsphäre zu verlieren. Alles nicht mehr nötig! Ich konnte einfach von der Arbeit nach Hause schlendern. Oder spontan (!) etwas ganz anderes machen. Und besten Gewissens keine Ahnung haben, wo sie gerade ist.

Ich durfte sie dann gegen Ende ihres Freiwilligendienstes im Ausland besuchen - das fand ich nicht selbstverständlich. Als ich mit eigenen Augen sah, dass sie ihre Flügel ausgebreitet hatte, nicht abgestürzt war und trotz der neuen Selbstständigkeit ein festes Band zu mir hatte, gab das meinem Leben noch einen weiteren Schub. Ich kam zurück und wollte auf einmal ausgehen und Neues machen (zum Beispiel Vorlesungen besuchen, auf Demos gehen, mich endlich in einer Singlebörse anmelden).

Als sie wiederkam, haben wir die Regelungen beibehalten, die ich mit den Zwischenmietern hatte: Sie hat jetzt einen eigenen Kühlschrank und versorgt sich selbst. Das finden wir beide sehr entspannend.

Und kurzzeitig gab es einen sonderbaren Effekt: Sie war irritiert, wenn ich abends nicht da war. Sie hat verstanden, dass das "Hallo" früher kein Zufall war. Und sie hat mich gebeten, ihr zu sagen, wann ich abends weg bin.

Moment mal, wer will hier eigentlich losfliegen?

Sie? Oder vielleicht eher ich?

Momentan reift unser Verhältnis. Abends am Küchentisch, wenn wir uns zufällig oder verabredet dort treffen, reden wir über alles Mögliche. Auch Emotionales und Berufliches. Beinahe auf Augenhöhe.

Im Fast-Nachhinein finde ich den Abschied in zwei Schritten optimal. Nur eine Sache gibt es, die mir an der neuen Situation nicht gefällt: Ich kann nicht mehr Urlaub nehmen, wann ich möchte; die Kollegen mit Kindern, die noch auf die Schulferien angewiesen sind, haben jetzt Vorrang. Klar, ich habe selber viele Jahre lang davon profitiert, und ich unterstütze es auch, aber mögen muss ich es nicht.

Was ich mittelfristig mit dem Haus machen werde, weiß ich noch nicht. Für das kommende Semester werde ich das ehemalige Kinderzimmer noch einmal vermieten. Der Mieter darf gerne Student sein, soll aber kein Tochterersatz werden. Die Zeit will ich zum Nachdenken und Planen nutzen.

Meine neue Unabhängigkeit geht sogar so weit, dass ich über berufliche Perspektiven nachdenke. Vielleicht ein wenig inspiriert von den töchterlichen Berufswahl-Überlegungen, könnte ich mir jetzt sogar vorstellen, ins Ausland zu gehen oder ein Start-up zu gründen - was ich mir früher nie zugetraut hätte.

Für meine Tochter wäre es völlig unerheblich, wo ich lebe und arbeite, denn sie wird selber auch ihren Weg gehen. Uns beiden würde es reichen, wenn wir uns im Notfall gegenseitig innerhalb eines halben Reisetages besuchen könnten.

Ich möchte jetzt meine Zeit nutzen, so lange ich es kann, und so lange ich nicht meine Eltern oder eventuelle Enkelkinder versorgen muss. Ich werde den Alltag mit meiner Tochter vermissen. Aber wir werden uns nicht verlieren.

Unsere Autorin, Jahrgang 1967, hat eine wunderbare Tochter, Jahrgang 1998, die sie seit deren 14. Lebensjahr eher allein erzogen hat. Außerdem hat sie einen Beruf, den sie sehr liebt, tolle Freunde und ein Haus.

Leseraufruf
Mit der Einsendung unter Ihrem vollen Namen bestätigen Sie, dass Sie die Fotos selbst geschossen haben und dass SPIEGEL ONLINE Ihre Aufnahmen kostenfrei - und auf Wunsch anonym - zeigen darf. Wir sind gespannt auf Ihre Bilder!


insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
grumpy53 11.09.2017
1. hört sich fast zu perfekt an
... aber es soll ja Menschen geben, die einfach was richtig gut geregelt bekommen. Ob das mit dem empty-nest-Syndrom dann mal zu einem späteren Zeitpunkt und aus einer ganz unerwarteten Ecke noch mal schmerzt oder was bewegt, muss man abwarten und dann auch zulassen können. Und neue Ziele für sich selbst entdecken, hat sie sich verdient, scheint mir. Kann sich auch bei allein Erziehenden nicht ein Leben lang nur um das Kind drehen, Abnabelung tut beiden gut. Das Band der Liebe scheint in dem Fall doch viel besser zu sein, als gegenseitige Abhängigkeit.
eisfuchs 11.09.2017
2.
Die Autorin hat in dem Fall auch das Glück ihre Tochter recht früh bekommen zu haben um bei deren Verlassen des Nestes noch viele Optionen zu haben. Eltern, deren Kinder erst geboren werden, wenn sie schon Mitte dreißig sind sind schon näher an der Rente als an neuen Berufsperspektiven, wenn diese das Studium oder die Ausbildung endgültig beendet haben.
ansv 11.09.2017
3.
Eine wunderbare Geschichte. Hoffentlich bekommt die heutige Generation der Helikoptereltern später auch einmal den Sprung zurück ins eigene Leben so gut hin. Mein Lieblingssatz im Artikel ist übrigens "ich unterstütze es auch, aber mögen muss ich es nicht". Diese differenzierte Haltung zu Dingen, die fehlt leider vielen Menschen. Man kann Dinge verstehen und akzeptieren - und trotzdem weiter hadern.
t_mcmillan 11.09.2017
4. Kommt mir bekannt vor
Ich erkenne mich da ziemlich genau wieder. Der Trennungsschmerz war vorher. Dann ein Jahr mit zwei längeren "Abwesenheiten" der Tochter, in dem ich gemerkt habe, dass alles nicht so schlimm ist. Und jetzt genieße ich die Verantwortungslosigkeit. Allerdings genieße ich es mindestens genauso, wenn sie wieder da ist, sei es für zwei Tage oder für ein paar Wochen. Nur glaube ich nicht, dass es meiner Tochter egal wäre, den Stützpunkt in der Heimat zu verlieren.
Bondurant 11.09.2017
5. Früh?
Zitat von eisfuchsDie Autorin hat in dem Fall auch das Glück ihre Tochter recht früh bekommen zu haben um bei deren Verlassen des Nestes noch viele Optionen zu haben. Eltern, deren Kinder erst geboren werden, wenn sie schon Mitte dreißig sind sind schon näher an der Rente als an neuen Berufsperspektiven, wenn diese das Studium oder die Ausbildung endgültig beendet haben.
Den biographischen Angaben zufolge war die Autorin 31 als sie Mutter wurde. Ist das "früh"? Im Übrigen ist die ganze Geschichte eher ein Einzelfall denn typisch. Mittelbar kann man den Aufzeichnungen entnehmen, dass sich Autorin - erst - vor fünf Jahren von dem Vater der Tochter getrennt hat, mit dem sie vorher - mindestens - 15 Jahre zusammen war. Das dürfte in ihrer ganzen Befindlichkeit durchaus eine Rolle spielen. Macht den Bericht nicht uninteressanter, man sollte aber sehen, dass es sich hier gerade nicht um einen typischen "empty nest" Sachverhalt handelt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.