Ende der Schulzeit Der Abi-Reden-Sammler

Bei der Abiturrede hat endlich mal ein Schüler das Wort, die Lehrer müssen zuhören. Tun sie das auch? Wolfgang Heinrich, ist passionierter Jäger und Sammler: Der Ex-Rektor hat den Spleen, möglichst viele Abi-Reden im Web zu veröffentlichen. Am besten alle.

Von Christian Hambrecht


Schulsekretärinnen in ganz Deutschland kennen seinen Namen. Viele erinnern sich an den freundlichen Anrufer, denn er hat ein ausgefallenes Hobby. Wolfgang Heinrich, 67, sammelt Abiturreden. Ja schön, der Direktor hat dieses Mal wieder eine ganz vortreffliche gehalten. Ach so? Nicht die des Schulleiters, sondern des Abiturienten?

Heinrich, der extravagante Sammler, ist pensioniert, 35 Jahre lang war er Lehrer und Rektor einer Grundschule in Hamm/Sieg. Jetzt redet er nur noch über Schule, gern und viel, am liebsten über zwei Themen: die Jugend und das Internet. Ihnen gehört die Zukunft, sie gehören zueinander, sagt er.

Man müsse "die Jungen verstehen, sie fragen, was sie denken, was sie wollen", sagt er. Das müsste auch die Schule wissen, so Heinrich – doch die versage kläglich. Er ist scharf und direkt, die Jahre haben ihn nicht milder oder duldsamer gemacht. Er hat Wut im Bauch. "Man darf nicht ständig nörgeln und nur rummeckern. Man muss die Dinge eben selbst anpacken."

Bei einem Ehemaligentreffen seiner eigenen Abiturklasse kam ihm eine Idee. Der frühere Jahrgangssprecher erzählte von seinem Sohn: Die ganzen Missstände von damals, aus ihrer eigenen Schulzeit, seien immer noch da, es habe sich wenig geändert, seine kritische Abiturrede vor mehr als 40 Jahren habe nichts genützt. Das frustrierende Fazit der geselligen Runde: Es herrscht Eiszeit an deutschen Schulen - starre Ministerialbürokraten und Lehrer-Dickschädel bremsen kreative Abweichler und Reformer aus.

Täglich 12 Stunden Callcenter für Abiturreden

Heinrich dachte sich: Die einzelne Abiturrede schockt vielleicht kurz den Rektor, das Kollegium ist ein wenig empört, die Lokalpresse schreibt einen Halbsatz über die "kritischen Schüler". Der Rest verpufft in den Schulmauern. Aber was wäre, dachte sich Heinrich, wenn man Abireden publik machen würde, – nicht nur eine, sondern alle?

Er begann, Reden zu sammeln. Erst aus seinen Nachbarorten Altenkirchen, Betzdorf und Wissen, dann aus ganz Rheinland-Pfalz, schließlich aus ganz Deutschland. Inzwischen hat er nach eigenen Schätzungen 80 Prozent der Gymnasien bundesweit kontaktiert.

Ursprünglich wollte Heinrich ein Buch mit ein, zwei Reden aus jedem Bundesland herausgeben, entschied sich dann aber, alle in seinem Blog online zu stellen: "Das ist einfach die zeitgemäße Variante. So kann man viel mehr Leute erreichen, zwei Klicks genügen. Man ist überall miteinander vernetzt, ein Hamburger kann sich Anregungen aus einer bayerischen Abiturientenrede holen und umgekehrt. Jeder kann nachlesen, was junge Leute in Deutschland über ihre Schulzeit denken."

Von Mai bis November 2007 hing Heinrich fast ununterbrochen am Telefon, bis seine Ohren glühten. 6000 Telefonate hat er gezählt, "durchschnittlich brauchte es fünf bis sechs Telefonate, bis ich die Rede endlich hatte". Heinrich stöhnt noch jetzt, vor allem wenn er an die Gespräche mit den Sekretärinnen denkt. "Meist sagten die nur ein Wort: Datenschutz. Das war's. Man merkt, dass sie unter der Fuchtel der Schulleitung stehen."

"Ist ja doch nur Abrechnung"

Manche Direktoren, die er gleich an die Strippe bekam, antworteten: "Keine Ahnung mehr, wer die Abiturrede gehalten hat." Und eine Regierungsrätin schnarrte: "Was soll das mit den Reden? Ist ja doch nur Abrechnung."

In solchen Momenten hätte Heinrich ausrasten können, blieb aber höflich, nett und hartnäckig. Bei manchen Sekretärinnen wirkte das. Mit süffisantem Unterton flötete er: "Im Internet können Sie alles über mich nachlesen außer Schuhgröße und Kragenweite. Da habe ich 47 und 41."

Heinrich weiß gut, dass manche Schulen und Lehrer den "Web-Boom" eher skeptisch sehen und das Internet wenig nutzen. Lieber regen sie sich über die Lehrerbenotungs-Seite Spickmich.de auf oder ziehe gleich gegen sie vor Gericht. Die Computerräume sind oft nicht mehr als Attrappen, ein bisschen EDV-Kleinklein wird hier unterrichtet, ansonsten prägt Web 0.0 den Unterricht.

Wenn die Schule einen Abiturredner nicht bekannt gab, suchte Heinrich nach Telefonnummern von Elternbeiräten und Schülervertretern. Um die Redner zu finden, saß er bis in den Abend am Telefon.

Kastendenken in den Schulen

Und warum das alles? Wolfgang Heinrich will, dass an den Schulen in Deutschland umgedacht wird, dass die Schüler mehr respektiert werden und gehört wird, was sie zu sagen haben - zum Beispiel in der Abirede. Heinrich nennt ein aktuelles Beispiel: " Als das Abi in 12 Jahren eingeführt wurde, sagten alle, wie prima das für die Schüler sei. Aber die Schüler selbst gefragt hat niemand."

Heinrich will Schülern helfen: "Meist sind sie nur Objekte", sagt er, "man fordert von ihnen Höchstleistungen, aber niemand hört ihren Anliegen zu, lässt sie mitreden. Die Lehrer bilden oft eine reaktionäre Kaste. Sie verstehen nicht, dass sie keine hoheitlichen Autoritäten mehr sind, sondern Dienstleister. Sie bevormunden die Schüler, ohne auf sie einzugehen."

Heinrich telefonierte mit Schülern, Eltern, Sekretärinnen, Lehrern, Rektoren, Ministerialdirektoren – einmal sogar nach London: In der Redaktion für das Guinness-Buch der Rekorde hat man grundsätzliches Interesse, denn bisher hat noch niemand 250 Abiturreden gesammelt.

Diese Zahl war Heinrichs erstes Etappenziel. Jetzt hat er den Hörer erst mal beiseite gelegt. Und die ersten Reden kommen jetzt von selbst zu ihm.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.