Englische Berufsbezeichnungen Lieber Verkäufer als Sales Manager

Jugendliche mögen keine englischen Berufsbezeichnungen. Zu verwirrend, finden sie. Außerdem fürchten viele eine Mogelpackung: Die neuen Begriffe klingen zwar wichtig - aber kaum jemand weiß, welcher Beruf sich dahinter verbirgt.


Bei "Customer Adviser" und "Sales Representative" ist vielleicht noch klar, was gemeint ist. Aber wie sieht es mit "Junior Clerk", "Account Executive" und "Human Ressource Developer" aus? Welche Berufe verstecken sich dahinter?

Was soll das bedeuten? Viele Jugendliche bleiben bei "denglischen" Stellenanzeigen ratlos
TMN

Was soll das bedeuten? Viele Jugendliche bleiben bei "denglischen" Stellenanzeigen ratlos

Zwar ist "Denglisch" aus dem deutschen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken, wie man an "All you can eat", "Hotline" und "Flatrate" sehen kann. Doch nirgends gibt es eine so große Liebe zu Anglizismen wie in der deutschen Wirtschaft: Wer hier mit eher hausbackenen Begriffen wie Kaufmann oder Vertriebsleiter ankommt, gilt als vorvorgestrig, das Unternehmen ist nicht mehr "up todate".

Die neuen Berufsbezeichnungen kommen frisch und modern daher, in ihnen schwingt Jugendlichkeit, Vitalität und Weltoffenheit mit. Außerdem klingen sie viel hochtrabender als ihre deutschen Synonyme: Ein "Senior Executive President Administration" schindet einfach mehr Eindruck als ein kaufmännischer Vorstand.

Ein "Mystery Fair Visitor" arbeitet auf Messen

Doch viele Werbestrategen täuschen sich. Nicht nur konservative Akademiker, sondern auch Jugendliche - sonst für englisches Vokabular besonders empfänglich - kritisieren den Hang zu englischen Berufsbezeichnungen ungewohnt scharf. Von 2400 Jugendlichen finden gerade einmal 18 Prozent der jungen Frauen englische Berufsbezeichnungen besser als deutsche. Bei den Männern sind es sogar nur 9 Prozent. Das ergab eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).

Die Jugendlichen wünschen sich Klarheit. Wenn sie den Namen des Berufes lesen, möchten sie auf die konkrete Tätigkeit schließen, sich also vorstellen können, was man da genau macht. Das leisten die englischen Bezeichnungen nicht. Wer ahnt schon, dass ein "Mystery Fair Visitor" ein Mensch ist, der als Testbesucher auf Messen arbeitet.

Wenn junge Leute nicht mehr durchschauen, was sich hinter den Titeln verbirgt, reagieren sie erst einmal skeptisch und zurückhaltend. Oft empfinden sie die englischen Berufsbezeichnungen als Mogelpackung, sagt Joachim Gerd Ulrich vom BIBB. "Sie haben das Gefühl, dass etwas aufgebauscht wird." Ulrich selbst war vom Ergebnis der Studie überrascht: "Wir dachten, dass englische Berufsbezeichnungen viel besser ankommen. Aber das war eindeutig nicht so."

Der Beruf soll attraktiv klingen - aber nicht trendy

Ein Großteil der Studienteilnehmer nutzte die Gelegenheit, in Kommentaren zum Thema Stellung zu nehmen. Viele waren sich einig: Die schicken englischen Namen nerven - sie kommen zwar großspurig daher, erweisen sich aber bei genauerer Betrachtung als Worthülsen.

Das heißt jedoch nicht, dass Jugendliche neue Berufsnamen grundsätzlich ablehnen. Immerhin 59 Prozent der Frauen und 48 Prozent der Männer werden neugierig, wenn sie eine Berufsbezeichnung nicht kennen, sie ihnen aber attraktiv vorkommt. Der Job ist für sie auch eine Visitenkarte - sie wollen andere mit ihm beeindrucken. Allerdings haben die Jugendlichen ein feines Gespür dafür, was gut und was bereits aufgemotzt klingt.

Sie sind daher alles andere als "amused", wenn sie auf Stellenausschreibungen stoßen, die sich übertrieben trendy anhören - aber offen lassen, was man da genau macht. Die Folge: Ein Fünftel der Jugendlichen verzichtet darauf, sich über diesen Beruf zu erkundigen. So erreichen Unternehmen, die besonders modern sein wollen, oft das Gegenteil; es kommt zu einem Bewerbermangel.

chh/dpa



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