Schulerfolg und Karriere "Nachhilfe ist meistens Unsinn"

Liebe Eltern, reduziert eure Kinder nicht auf den Lernerfolg, sagt der Präsident des deutschen Lehrerverbandes. Warum er von Nachhilfe wenig hält - und wie wichtig Noten für die Karriere wirklich sind.

Schüler mit Zeugnissen
dpa

Schüler mit Zeugnissen

Ein Interview von Kerstin Kullmann


Zur Person
  • DPA
    Josef Kraus, geboren 1949, ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Als Schulpsychologe war er viele Jahre für den Regierungsbezirk Niederbayern verantwortlich, als Gymnasialdirektor hat er 22 Abiturjahrgänge entlassen.

SPIEGEL: Nach den Ferien beginnt für viele Schüler wieder eine extrem mühsame Zeit. Wie stark hängen aber Noten und der spätere Berufserfolg tatsächlich zusammen?

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Heft 35/2016
Noten sind nicht alles: Worauf es im Leben ankommt

Josef Kraus: Wir haben in Deutschland viele Wege in die berufliche Bildung und ins Studium. Das Gymnasium ist nur einer davon. Schule verbaut einem nicht die Zukunft. Der spätere Studien- und Berufserfolg hängt statistisch gesehen sogar nur zu 50 Prozent mit den Schulnoten zusammen. Das ist nicht viel. Viele andere Faktoren spielen eine Rolle: Die Wahl der Fachrichtung ist entscheidend, Ausdauer und Durchhaltevermögen, die eigene Frustrationstoleranz. Aber auch begeisternde Lehrer. Und nicht zuletzt: Dass man den richtigen Förderern über den Weg läuft.

SPIEGEL: Viele Studienfächer haben einen hohen Numerus clausus, ein guter Studienplatz ist also häufig nur mit Spitzennoten zu haben. Wie viel Zeit raten Sie in Lernen und Nachhilfe zu stecken?

Kraus: Nachhilfe ist meistens Unsinn. Ich halte sie nur in wenigen Fällen sinnvoll: Wenn ein Lernrückstand da ist, weil in ein anderes Bundesland gewechselt wurde, nach langer Krankheit oder in einer schwierigen familiären Situation. Aber man kann ein Kind nicht mit Nachhilfe zum gewünschten Schulabschluss boxen - und sollte damit schon gar nicht im Grundschulalter anfangen. Nachhilfe muss die Ausnahme bleiben und nach zehn bis zwölf Wochen ein Ende finden. Alles andere ist nur Gewissensberuhigung für die Eltern. Von den 1,5 Milliarden Euro, die Eltern im Jahr etwa für Nachhilfe ausgeben, sind wahrscheinlich mehr als eine Milliarde in den Wind geschossen.

SPIEGEL: Woran merken Eltern, ob das Kind es sich zu leicht macht und noch Reserven besitzt oder schon an seinen Leistungsgrenzen angekommen ist?

Kraus: Auf drei Symptome sollten Eltern achten: Wenn das Kind schlechte Noten nach Hause bringt, aber vom Lernaufwand her eigentlich bessere haben müsste. Wenn es seine schulischen Pflichten arg vor sich her schiebt. Und wenn es morgens große Schulunlust bis hin zur Schulangst zeigt, mit Anzeichen wie schlechtem Schlaf, Übelkeit, Bauchschmerzen.

SPIEGEL: Was sollen Eltern dann tun?

Kraus: Dann sollte man mit dem Klassenlehrer reden, mit Beratungslehrern oder Schulpsychologen. Dahinter können falsche Arbeitstechniken stecken, soziale Konflikte, Mobbing oder eine Lernschwäche. Eltern sollten damit nicht allzu lange warten, sondern bald handeln.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Kraus: Vor Weihnachten, bis zum Zwischenzeugnis kann man noch gut helfen, etwa die Schule oder Klassenstufe wechseln. Mein wichtigster Rat an Eltern aber lautet: Reduziert eure Kinder nicht auf die Rolle von Notenproduzenten. Zeigt ihnen, dass eure Liebe nicht von guten Noten abhängig ist.

(Lesen Sie dazu auch die Titelgeschichte im neuen SPIEGEL.)

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insgesamt 246 Beiträge
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Seite 1
mathematissima 27.08.2016
1. Nachhilfe?
Hier sollte immer gelten: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Gute Nachhilfe erkennt man nur daran, dass man sie nach sechs Monaten nicht mehr braucht.
WwdW 27.08.2016
2. naja ich hoffe Lehrer haben was dazugelernt
Speziell was soziale Konflikte und Mobbing angeht hatten Schulen in den 80'ern und 90'ern absolute Defizite. Da wurde konsequenzlos alles geduldet.
DieSkolderin 27.08.2016
3. Natürlich
... sind Noten immer noch wichtig. Und Nachhilfe auch. Es ist nicht zu unterschätzen den gleichen Stoff von unterschiedlichen Lehrern vermittlelt zu bekommen. Das hat bei mir Wunder bewirkt ;) Tatsache ist, man benötigt das Schulzeugnis generel nur für den ersten Job/Lehrstelle... danach zählt nur noch das Zeugnis, welches der Arbeitgeber ausgestellt hat. Der Rest ergibt sich dann von alleine.
Affenhirn 27.08.2016
4. völlig abgehobener Funktionär
Es ist ziemlicher Unsinn zu behaupten, dass Nachhilfe nur kurzzeitig Sinn macht. Denn dafür müssten die Lehrer besser werden und der Lehrplan vernünftiger. Wenn man mit Schülern spricht, die Nachhilfe erhalten, dann gibt es dafür verschiedene Ursachen: ++- tatsächlich Fehlzeiten durch Krankheit oder Auslandsaufenthalt ++- leider aber auch ungeeignete Lehrer, die den Stoff nicht anständig vermitteln können. Wenn Schüler erzählen, dass in ihrem Mathe-Leistungskurs über die Hälfte der Schüler Nachhilfe erhalten, ist das schon ein Armutszeugnis für den Lehrer. ++ Im übrigen sind Mathe-Lehrer häufig ein Problem, denn leider sind sie selbst oft geunug überfordert. Schulmathematik hat eigentlich nichts mit dem Schulstoff zu tun, der Schulstoff hat mehr mit Rechnen können zu tun, und dieses Können scheint nicht jedem Mathelehrer gegeben. Natürlich kommen Entscheidungen von Politikern hinzu, die offensichtlich keine Nähe zur Mathematik haben. Andernfalls ist es nicht zu erklären, welchen genauen Nutzen ein Rechner wie der TI-84 oder ähnliche Produkte für den Schüler haben sollen. Mit Hilfe des Rechners können die Schüler jetzt plötzlich Aufgaben lösen, die man früher nicht gestellt hätte, weil sie zu umfangreich waren. ++ In der Schule heißt es nun sehr oft, das sollt ihr nicht selber rechnen, sondern in den Taschenrechner eingeben. Damit lernen die Schüler nicht mehr wirklich, wie man lineare Gleichungssysteme löst, oder wie man die kombinatorische Fragestellungen löst. Der Begriff "Fakultät" ist aus den Schulbüchern explizit verschwunden. Stattdessen wird die Kombinatorik, z.B. anhand Anzahl der Möglichkeiten 6 Kreuze auf einem Lottozettel (kombinatorischer Begriff 49 über 6) umständlich mir Reihen erklärt, doe dem Schüler keinen Sinn ergeben. Brüche kürzen können Schüler auch nicht mehr, Begriffe wie ggt (größter gemeinsamer Teiler) oder kgv (kleinstes gemeinsames VIelfaches) sind seit vielen Jahren aus dem Lehrplan verschwunden. Hier ist es mangels Staatswillens eine Aufgabe der Nachhilfe nachzuarbeiten und dem Schüler ein halbwegs stabiles Mathematikgerüst zu geben, das auch ohne den TI-84 und seine Verwandten funktioniert, denn diese Rechner sind ja berechtigter Weise an keiner Uni zugelassen.
mborevi 27.08.2016
5. Leider scheint ...
... dieser "Präsident des Lehrerverbandes" nur wenig Ahnung vom Lernen und von der Bedeutung eines guten Schulabschlusses für das Leben zu haben. Vielleicht weil Lehrer das Leben selten kennenlernen? Oder ist es Zweckoptimismus, um unser heutiges Problem mit zu geringem Erfolg der Schulen schönzureden?
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