Erwachsenwerden Glücklich im Operationssaal

Katholische Privatschule, Wirtschaftsgymnasium, Praktikum: Lina war mit 16 schon zielstrebig. Jetzt will sie im OP arbeiten. Eine Fotografin hat sie in der Pubertät porträtiert. Und fünf Jahre später noch einmal - letzter Teil einer Serie über das Erwachsenwerden.


Jacqueline, genannt Lina, macht eine kurze Pause, Tapezieren ist anstrengend. Zusammen mit ihrer Mutter renoviert sie die Wohnung, in die sie beide bald ziehen wollen. "Ich und meine Mama, das ist ganz angenehm."

Vor fünf Jahren, als das erste Bild von Lina entstand, haben die beiden auch zusammengewohnt. Wie war sie damals? Irgendwie fällt Lina Konty gar nicht ein, was an ihr vor fünf Jahren anders gewesen sein soll.

Tatsächlich sieht sie sich noch ziemlich ähnlich. Damals war sie Schülerin, sie hat eine katholische Privatschule und die Handelsschule absolviert und wollte ins Hotelfach – jetzt arbeitet sie im Krankenhaus. Mit 21 hat Lina schon eine abwechslungsreiche, aber sehr dichte Berufsbiografie.

"Vier Jahre hab ich in der Spedition gearbeitet, auf 400-Euro-Basis, mit Praktika nebenbei." In der Spedition arbeitet die Mutter auch, Lina war in der Charter-Abteilung, hat mit Fremdfirmen korrespondiert und Zahlungen angewiesen. Später arbeitete sie auch noch im Lager.

Der erste Praktikumsversuch: ein Hotel. Lina wurden die Zimmer gezeigt, die Räumlichkeiten, sie erfuhr, was sie im Falle einer Ausbildung dort alles lernen würde und sagte sich: Nein, ich möchte kein Zimmermädchen werden. Zweiter Versuch: ein Praktikum in der Apotheke eines Bundeswehrkrankenhauses.

"Das fand ich ganz toll, aber es war doch zu viel Chemie und Auswendiglernen. Ich hatte aber einen total netten Chef, der hat mir geholfen, das nächste Praktikum zu bekommen. Er fand es gut, dass ich so viel Interesse hatte. Ich hatte vor allem tierisch großes Interesse an der Anatomie des Menschen – und an der Arbeit im Operationssaal."

Nach wieder zwei Monaten Spedition fing sie im Hamburger Universitätskrankenhaus an, Abteilung Neurochirurgie, und es klingt, als habe sie dort schon fast ihren Traumjob. Supergut, supertoll, supernette Kollegen. Die Operation am Computer dokumentieren, ans Telefon gehen, Dinge erledigen für die Ärzte.

Sie hätte da auch länger gearbeitet und weiter ohne Geld, aber nach zwei Monaten war sie nicht mehr Praktikantin, sondern Mitarbeiterin, bezahlte Mitarbeiterin. Und demnächst fängt sie, wenn alles gutgeht, eine Ausbildung zur Krankenpflegerin an. Im Krankenhaus. Und das weiß sie auch schon: "Sobald ich fertig bin, will ich wieder in den OP. In der Neurochirurgie."

Von Anne Buhrfeind, Chrismon



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