Ganz harte Schule Wenn SPIEGEL-ONLINE-Leser in die Erziehung grätschen

Richtig erziehen ist nicht leicht, merkt Armin Himmelrath immer wieder. Vor allem, wenn andere sich einmischen - wie etwa die SPIEGEL-ONLINE-Leser.

Jugendlicher mit Tablet (Symbolbild)
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Jugendlicher mit Tablet (Symbolbild)


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Nur noch ein paar Tage bis Weihnachten. Mein jüngster Sohn hat die letzten Klausuren vor den Ferien geschrieben, abends um fünf ist es dunkel, draußen liegt sogar Schnee. Zeit für gemütliche, gemeinsame Zeit auf dem Sofa. Mit Kerzen, Tee und Marzipanplätzchen.

"Läuft ja nicht so gut für dich", sagt er beiläufig. Er wischt auf dem Tablet herum, öffnet die SPIEGEL-ONLINE-Kolumne über seinen Weg zum Führerschein. Meine Entspannung ist schlagartig weg. Wenn er in diesem Ton Konversation macht, muss ich auf der Hut sein. "Nicht so gut? Wieso das denn?", tappe ich trotzdem in die Falle. Schnell schiebe ich noch ein "Doch, läuft prima" hinterher und heuchle Desinteresse. Er durchschaut das natürlich sofort.

Eine Art von Schwarmintelligenz

"Hier", sagt er und zeigt auf einen der Leserkommentare. Dann deklamiert er mit erhobener Stimme: "Die Verkehrsbehörde sollte mal nachdenken, ob sie den Vater zu einer Nachschulung und Prüfung vorlädt." Er nickt. "Finde ich ne gute Idee, was User 'reifenexperte' da schreibt. Ich finde auch, dass du zum Führen eines motorisierten Fahrzeugs nicht unbedingt geeignet bist."

Ich winke ab. "Leserkommentare...", setze ich an, aber er fällt mir ins Wort: "...bilden in der Gesamtheit ihrer Meinungen eine Art von Schwarmintelligenz. Und es ist wirklich interessant zu sehen, wie der Schwarm deine verzweifelten Erziehungsbemühungen beurteilt."

"Wie? Verzweifelte Erziehungsbemühungen?", wende ich ein, aber er hat längst weitergescrollt und lässt mich gar nicht zu Wort kommen. "Hier, 'cassandros' zum Beispiel schreibt: 'Der unvoreingenommene Beobachter fragt sich allerdings, was in der Erziehung (hat eine stattgefunden?) schiefgegangen sein muss.' Und 'kommentator911' hat natürlich auch recht, wenn er feststellt: 'Wenn man nach 18 Jahren merkt, dass man in der Erziehung komplett versagt hat, sollte man sich selbst zum Therapeuten begeben.' Dem ist nichts hinzuzufügen."

Ein ganz, ganz schlechtes Geschäft

"Doch, dem ist wohl etwas hinzuzufügen", sage ich mit drohender Stimme. "Du machst ein ganz, ganz schlechtes Geschäft, wenn du forderst, dass wir auf die Erziehungstipps der Leser hören sollen. Die wollen nämlich, dass ich hart durchgreife. Aber nicht mit ein bisschen Härte, sondern mit eiserner Faust!"

Und dann lese ich ihm vor:

  • "Ihr Sohn kann ja einfach wieder Busfahren. Ist bestimmt für alle Beteiligten angenehmer", rät 'elizar'.
  • 'dbrown' empfiehlt bei renitentem Verhalten im Auto: "Rechts ranfahren, Tür auf, rauswerfen und alleine weiterfahren. Endstation."
  • "Etwas größenwahnsinnig der Herr Kronprinz, oder?", schreibt 'akase93', und bezeichnet meinen Sohn als "Klugscheißer": "Ich glaube, ab und an schadet es nicht, wenn so ein Exemplar mal wieder Bus fährt oder im Regen am Straßenrand abgesetzt wird, um mal wieder zur Besinnung zu kommen."

Das ist noch gar nicht mal alles. "Immer wieder kommt der Ratschlag, dich einfach rauszuwerfen", sage ich und versuche, das mit einem Tonfall zu unterlegen, der ernsthaftes Nachdenken über diesen Tipp zeigt. Leider ist mein Sohn völlig unbeeindruckt. "Unterhaltspflicht", sagt er nur und winkt ab. Aber ich gebe mich nicht geschlagen. "Da hätte ich auch etwas!", sage ich siegessicher, "ein Internat in Süddeutschland hat sich per Mail gemeldet und angeboten, dich ein Jahr lang wieder in die Spur zu bringen. Ich glaube, die sind auf Schwererziehbare spezialisiert."

Und dann kommt mein stärkster Leserzuspruch: "Raus, raus, raus mit der nichtsnutzigen, missratenen Brut! Und dass er mir ja nicht so viel frisst, wenn er auf Besuch ist! Soll er doch, wenn er gar kein Geld hat, einen dilettantischen Bankraub begehen und im Knast landen, dann bin ich ihn ganz los. Das ist eben die harte Auslese." Ich lasse das ein wenig wirken. "'scoopx' hat recht", sage ich - vielleicht eine Spur zu selbstzufrieden.

"Machst du doch sowieso nicht", grinst er. "Und ein bisschen enttäuscht bin ich schon von dir, dass du die Ironie in diesem letzten Beitrag nicht wahrgenommen hast." Dann scrollt er wieder weiter. "'twister13' bringt es auf den Punkt: 'Wer Kinder zeugt, hatte das Vergnügen, dann soll er sich auch hinterher nicht über die Last beschweren.' Also, Alter: Beschwer dich nicht."

"Alter..."

"Alter...", fange ich an, breche dann aber ab. Diese Diskussion hatten wir schon zu oft. "Hier ist ein ganz kluger Beitrag von 'niklas_frank'", sage ich stattdessen, "der analysiert dein Verhalten als besserwisserischer Fahrschüler sehr genau: 'Ich würde ihn an Ihrer Stelle fragen, warum er sich so verhält, weil ich denke, dass er sich dessen gar nicht bewusst ist. Ob er es tut, um Ihnen zu helfen, ein besserer Fahrer zu werden, oder ob er es tut, um sich selbst überlegen zu fühlen."

"Das muss ich mich doch nicht fragen", sagt der Jüngste mit maliziösem Grinsen: "Das bin ich sowieso. Intellektuell überlegen. Und ein besserer Fahrer."

"Jetzt reicht's", fauche ich, "Taschengeldentzug. So, wie es 'stephan.huber1' fordert." Ich stutze beim Lesen. Mein Sohn merkt das natürlich sofort und will wissen, was los ist. "Taschengeldentzug", lese ich noch mal, "...wenn man als Eltern die Eier dafür hat."

Er fängt an zu lachen und hört gar nicht mehr auf. Irgendwann, als seine Heiterkeit endlich nachlässt, sagt er mit treuherzigem Augenaufschlag: "Denk einfach immer dran: Ich suche irgendwann deinen Platz im Altersheim aus."

Zum Autor
  • Jessica Meyer
    Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (17, 19, 22) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!


insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
craylord86 20.12.2017
1. Clickbait
Habe es nur grob überflogen. Beschwert hier sich tatsächlich jemand, der seine fragwürdigen "Erziehungsmethoden" im Internet, auf einem der meistgelesenen Online-Portalen, darüber das seine Leser ihn dafür kritisieren? Wenn Sie an Kritik nicht interessiert sind, warum schalten Sie dann die Kommentarfunktion nicht ab. Oder geht es genau darum? Mit unsinnigen, vermutlich teilweise erfundenen (da doch teilweise wirklich... naja ich hoffe doch unrealistisch), Stories die Klickrate erhöhen? Denn eine kontroverse Nachricht mit abgeschalteter Kommentarfunktion tendiert vermutlich zu enorm geringeren Clickrates, nicht wahr? ;-) Und jetzt noch ein Artikel über die Kommentatoren selbst, das garantiert große Aufregung, und viele Klicks. (Siehe meinen Kommentar) Das ganze wäre ja noch ulkig, wenn das nicht dazu geführt hätte das Nachrichten heutzutage alle dazu neigen provokativ und tendenziös zu sein, um die Leser zu provozieren, und zu Klicks zu animieren.
andreasclevert 20.12.2017
2. Leute!
Wer hier nicht merkt, dass geschliffen geschrieben das Auge ganz stark mitzwinkert und die Ebene von uns Leserforisten gekonnt mit eingebaut ist, wer hier also denkt, der Herr Himmelrath beschwert sich ernsthaft oder schielt gar nach Reichweite....der hat von guter Unterhaltung nichts verstanden. Well done!
anna cotty 20.12.2017
3. Herrlich!
Ich moechte 'Maeuschen in Ihrer Familie spielen'. Eins ist klar, wer Kinder hat, wird auf Trab gehalten---- zuerst koerperlich und spaeter geistig. :-)
Gläbbisch 20.12.2017
4. Super!
Ich habe mich bestens amüsiert, bitte mehr davon :)
mama_arbeitet 20.12.2017
5. nichts erfunden
Zitat von craylord86Habe es nur grob überflogen. Beschwert hier sich tatsächlich jemand, der seine fragwürdigen "Erziehungsmethoden" im Internet, auf einem der meistgelesenen Online-Portalen, darüber das seine Leser ihn dafür kritisieren? Wenn Sie an Kritik nicht interessiert sind, warum schalten Sie dann die Kommentarfunktion nicht ab. Oder geht es genau darum? Mit unsinnigen, vermutlich teilweise erfundenen (da doch teilweise wirklich... naja ich hoffe doch unrealistisch), Stories die Klickrate erhöhen? Denn eine kontroverse Nachricht mit abgeschalteter Kommentarfunktion tendiert vermutlich zu enorm geringeren Clickrates, nicht wahr? ;-) Und jetzt noch ein Artikel über die Kommentatoren selbst, das garantiert große Aufregung, und viele Klicks. (Siehe meinen Kommentar) Das ganze wäre ja noch ulkig, wenn das nicht dazu geführt hätte das Nachrichten heutzutage alle dazu neigen provokativ und tendenziös zu sein, um die Leser zu provozieren, und zu Klicks zu animieren.
Den ursprünglichen Artikel und dazugehörige Kommentare nicht gelesen? Es ist nichts erfunden, man kann all diese professionellen Lösungsvorschläge der Forum-Schreiber, die allesamt Psychologie mit Schwerpunkt Eltern-Sein studiert haben und sich bestens in allen Bereichen auskennen, schön nachlesen. Den Witz der Kolumne wohl verpasst? Schade. Es ist wirklich lustig.
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