Erziehungszwischenruf Eltern, fürchtet euch nicht!

Väter und Mütter heute sind oft liebevoller und einfühlsamer als ihre eigenen Eltern - warum aber wirken so viele besorgt und verunsichert? Wieso trauen sie sich selbst und ihren Kindern so wenig zu? Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann über Überforderung, Zweifel und die Ursachen.


Noch nie wusste eine Elterngeneration so viel über Erziehung, über die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder. Noch nie wurden Kinder so genau fachwissenschaftlich beobachtet, in ihren Entwicklungsschritten statistisch erfasst, und noch nie wurde jede minimale Erkenntnis in Form von Normtabellen über Ärzte und in Schulen an Eltern weitergereicht.

Eltern im Streit: Die Freude schwindet unter all den Ängsten
Corbis

Eltern im Streit: Die Freude schwindet unter all den Ängsten

Medien nehmen sie auf. Themen wie "Was Ihr Kind alles können sollte!", in denen jeder einzelne Entwicklungsschritt eines Kleinkindes penibel aufgelistet wird, finden sich in der "Bild am Sonntag" ebenso wie in Frauenzeitschriften.

Eltern wissen über alles Bescheid - das macht Angst.

Die Zahlen suggerieren eine Eindeutigkeit, die es in der kindlichen Entwicklung nicht gibt. Folge: Die kleinste Abweichung wird besorgt registriert, jede winzige Anormalität lastet wie ein Schuldvorwurf auf den jungen Eltern.

Kindheit heute, ein schieres Desaster?

"Müssen wir nicht irgendwas unternehmen?", fragen sie sich besorgt. "Wollt ihr da gar nichts machen?", erkundigen sich Großtanten, die auch Frauenzeitschriften lesen, oder ein gebildeter Onkel, der aus SPIEGEL oder "Stern" die gegenwärtigen Erziehungsdebatten genau kennt.

Allen gemeinsam ist klar, dass moderne Kindheit ein reines Desaster sein kann: Gefahren und seelische Verirrungen lauern schon im Kindergarten, Kinder mutieren bei geringsten Erziehungsfehlern zu Schlägern und Tyrannen, mobben wie wild oder haben Leseschwächen. Das alles prasselt auf die jungen Eltern ein, wie gebannt starren sie auf die pädagogischen Informationen und Debatten. Und fürchten sich.

Solche Eltern treffe ich in meiner beratend-therapeutischen Praxis regelmäßig an. "Unser Kleiner ist schon zweieinhalb, wahrscheinlich hat er eine Sprachentwicklungsstörung" (moderne Eltern gebrauchen zusammengesetzte Substantive so locker wie früher nur Soziologieprofessoren oder Peter Sloterdijk), "er müsste doch wenigstens Subjekt und Prädikat ordentlich auf die Reihe bringen, aber er spricht grad mal einzelne Worte", klagen sie. Und erkundigen sich, ob vielleicht die eine oder andere Sprachförderung- oder sonst eine Therapie angezeigt sei. "Vielleicht ist es ja auch was Seeelisches!"

Die ewige Sorge verschüttet die Intuition

Ich schaue auf das Kind, das soeben dabei ist, quietschvergnügt meine wertvollen afrikanischen Kunstgegenstände auseinanderzunehmen, und antworte völlig unprofessionell: "Das macht nichts. Ich selbst sprach mit knapp drei Jahren kaum ein Wort, stieß nur drei herrische Urlaute aus, kam damit glänzend über die Runden und bin heute bei Podiumsdebatten und Vorträgen nur mit vorgehaltener Schusswaffe zum Schweigen zu bringen."

Das Problem: Unter dem ewig besorgten Blick geht den Eltern ihre Intuition für das Kind verloren. Ihre umstandslos liebevolle Freude darüber, wie es soeben seine Bauklötze stapelt und mit begeistertem Gackern gegen die Wand schleudert ("Sind das etwa Vorzeichen einer Gewaltneigung?"), wie es mit jedem Handgriff, mit jedem feinfühligen Betasten der ängstigenden und aufregenden Objekte sich selbst und die Welt kennen lernt, wie es beginnt, sie zu modellieren und mit viel Phantasie lustvoll umzugestalten, mal planvoll und mal ungestüm - diese schöne natürliche Freude schwindet unter der Ansammlung von elterlichen Ängsten.

Dabei sind Kinder ganz auf einen sicheren und sichernden Kontakt zu den wichtigsten Menschen, Mutter und Vater, angewiesen. Erst deren bestätigender Blick auf ein Türmchen aus Bauklötzen oder ein anderes kindliches Kunstwerk verankert das unendlich plastische Erkunden und Erkennen verlässlich in der kindlichen Psyche. Wir wissen das heute aus der analytischen Entwicklungspsychologie wie in erstaunlicher Übereinstimmung ebenso aus der fortgeschrittenen Gehirnforschung. Der Mangel an elterlicher Souveränität und bestimmender Sicherheit behindert die Entfaltung von Körpergefühl, Sprache und Selbstbewusstsein und macht die Kleinen unruhig und lustlos.

Um Himmels Willen alles richtig machen

Er ist so unproduktiv, dieser ewig ängstlich-kontrollierende Blick. Überflüssig ist er auch. Die Zeitspannen der sprachlichen, motorischen und sonstigen Entwicklungen sind sehr viel dehnbarer und unterschiedlicher, als moderne Eltern auch nur ahnen.

Das ewig zitierte "Zeitfenster" der Sprachentwicklung beispielsweise, das heute allen Elternpaaren bekannt ist und sich, einem unausrottbaren Gerücht zufolge, mit dem dritten Lebensjahr unerbittlich schließt, gibt es nach lernpsychologischer und gehirnforscherischer Einsicht tatsächlich - es steht der kindlichen Entwicklung ungefähr bis zum neunten, zehnten Lebensjahr offen!

Woher rührt diese Unsicherheit, verbunden mit dem hastigen Bestreben, um Gottes Willen alles richtig und korrekt zu machen - während zugleich Therapeuten aller Art, Sprach- und Benimmtrainer und andere Erziehungstrainer die unsicheren Eltern umlagern und für jede minimale Abweichung die eine oder andere neuartige Methode anzubieten haben, meist begleitet von qualitativen Studien einer willigen und eifrigen Wissenschaft? Ein Antwortversuch mit einem Blick auf Deutschlands Familien und die Erwartungen von Eltern an ihre Kinder.

Forum - Fehlt Eltern das nötige Selbstbewusstsein für die Kindererziehung?
insgesamt 564 Beiträge
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Seite 1
Balagan, 01.08.2009
1.
Zitat von sysopHaufenweise Ratgeber und Fernsehshows zur richtigen Erziehung: Junge Eltern bekommen Tipps von allen Seiten. Fehlt manchen Eltern das nötige Selbstbewusstsein für die Erziehung ihrer Kinder? Diskutieren Sie mit!
Diese Fernsehshows sind doch nur Unterhaltung und Ablenkung für Eltern, während ihre Kids am PC Horrorvideos gucken.
PeterShaw 01.08.2009
2. Jo!
Zitat von BalaganDiese Fernsehshows sind doch nur Unterhaltung und Ablenkung für Eltern, während ihre Kids am PC Horrorvideos gucken.
Mit Bier und Chips macht doch Erziehungsarbeit viel mehr Spaß.
fintenklecks 01.08.2009
3. Umgekehrt!
Zitat von sysopHaufenweise Ratgeber und Fernsehshows zur richtigen Erziehung: Junge Eltern bekommen Tipps von allen Seiten. Fehlt manchen Eltern das nötige Selbstbewusstsein für die Erziehung ihrer Kinder? Diskutieren Sie mit!
Was hat "sich informieren" mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun? Man muss das Rad doch nicht zweimal erfinden, wenn es entsprechende Tipps schon gibt. Eltern sind kompetent genug, um aus der Vielzahl der Ratgeber das Passende zu finden bzw. intuitiv das Richtige zu tun. Die Vielzahl der Bücher zeigt auch, dass Viele von Ihrer Erziehungsmethode so überzeugt sind, dass sie darauf brennen, es anderen mitzuteilen.
Polyantha, 01.08.2009
4.
Zitat von fintenklecksWas hat "sich informieren" mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun? Man muss das Rad doch nicht zweimal erfinden, wenn es entsprechende Tipps schon gibt. Eltern sind kompetent genug, um aus der Vielzahl der Ratgeber das Passende zu finden bzw. intuitiv das Richtige zu tun. Die Vielzahl der Bücher zeigt auch, dass Viele von Ihrer Erziehungsmethode so überzeugt sind, dass sie darauf brennen, es anderen mitzuteilen.
Wenn ich mir so ansehe, wieviele Erziehungsratgeber es gibt (5 Bücher = 8 Meinungen, kein wunder, dass junge eltern heute verunsichert sind), frage ich mich, wie wir's vor 30, 40 Jahren geschafft haben, aus unseren Kindern ordentliche Menschen zu machen, als es diese ganzen Ratgeber noch nicht gab, sondern als Ratgeber ggfls. andere, ältere Mütter oder die Großmütter zur Verfügung standen. Wenn ich so Vergleiche zwischen dem anstelle, was bei der Erziehung früher überwiegend rausgekommen ist und ich mich heute so unter den Kindern und Jugendlichen umsehe (ich meine jetzt nicht alle), neige ich dazu, im Falle der meisten Erziehungsratgeber für Bücherverbrennung zu plädieren.
PeterShaw 01.08.2009
5. Nicht jeden Spaß verbieten!
Zitat von PolyanthaWenn ich mir so ansehe, wieviele Erziehungsratgeber es gibt (5 Bücher = 8 Meinungen, kein wunder, dass junge eltern heute verunsichert sind), frage ich mich, wie wir's vor 30, 40 Jahren geschafft haben, aus unseren Kindern ordentliche Menschen zu machen, als es diese ganzen Ratgeber noch nicht gab, sondern als Ratgeber ggfls. andere, ältere Mütter oder die Großmütter zur Verfügung standen. Wenn ich so Vergleiche zwischen dem anstelle, was bei der Erziehung früher überwiegend rausgekommen ist und ich mich heute so unter den Kindern und Jugendlichen umsehe (ich meine jetzt nicht alle), neige ich dazu, im Falle der meisten Erziehungsratgeber für Bücherverbrennung zu plädieren.
Am besten gefiel mir auf einem Elternabend die offensichtlich von ihrem Egozocker erzogene Mutter, die über ein Expertenbuch referierte zum Thema "Grenzen setzen".
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