Deutsches Esperanto-Dorf Völker, verständigt euch!

Herzberg am Harz lebt den globalen Traum: Eine Sprache für jedermann, wertfrei und leicht zu lernen. Mit der Kunstsprache Esperanto beglückt das Städtchen Besucher - und seine Schüler. Schon Siebenjährige lernen sie. Ein Ortsbesuch bei Exoten.

Aus Herzberg am Harz berichtet Marian Schäfer

Marian Schäfer

Die Rose, der die Sprache Esperanto ihren Namen gab, hat es nicht geschafft. Sie wuchs erst, welkte dann, verlor Blätter, ging ein. Peter Zilvar, 62, steht im Garten seines Elternhauses und begutachtet, was von der Esperanto-Rose übrig ist. Das Haus steht in Herzberg am Harz, das Dorf ist der Nabel der Esperanto-Welt, zumindest der deutschen. Denn seit einigen Jahren sitzt hier das internationale Bildungszentrum des Esperanto-Lehrerverbands.

Für Peter Zilvar ist es ein großer, für andere ein winziger Kosmos. Manche wissen nicht einmal, was Esperanto ist, dieser Sprachenmix, erfunden, um die Welt zu erobern und auch ein bisschen zu verändern. Vor 125 Jahren hat der Pole Ludwig Zamenhof sie als neutrale Zweitsprache für die Völkerverständigung entwickelt, leicht erlernbar, ohne Vorteile für irgendwen, kulturell unbelastet.

Sie hat sich nie durchgesetzt und kämpft inzwischen gegen die Bedeutungslosigkeit. Optimisten sprechen von mehreren Millionen Esperantisten weltweit, der Esperanto-Weltbund zählt allerdings nur etwa 18.000 Mitglieder, einschließlich seiner Landesverbände. Und Volkszählungen in mehreren Ländern ergaben Sprecherquoten von weit unter 0,1 Promille. Genau weiß es niemand.

Ein Traum für Grammatikmuffel

Sicher ist, dass viele Sprecher in Herzberg leben, im südlichen Harz, 13.000 Einwohner. Das Städtchen nennt sich seit 2006 offiziell "la Esperanto-urbo", die Esperanto-Stadt. Sie ist eine Art Treibhaus, in dem die Sprache wächst und gedeiht - auch, weil man ihr hier nicht so leicht entkommt.

Leonie, 7, Yvonna, 8, und Estera, 10, sitzen im zweiten Stock der Nicolai-Grundschule, an einem Donnerstag, 16 Uhr, Esperanto-AG bei Frau Kukielka, 35. Was sie schon gelernt hat? Leonie lächelt schüchtern, streicht sich ihr blondes Haar ins Gesicht, als ob sie dann keiner mehr sehen würde. "Sie ist aufgeregt", sagt Ewa Kukielka, "wir hatten schon Tiere, Farben und Länder." Die Lehrerin nimmt farbige Zettel, auf denen Wörter stehen wie Ruga, Orangkolora und Blua, und klebt sie an die Tafel: rot, orange, blau.

In der Grundschule lernen die Kinder spielerisch, malen Länderflaggen aus, Estera übernimmt Kanado, Yvonna Svedio, Leonie Finnlando. Esperanto ist praktisch und nicht wirklich schön, ein Mix aus romanischen, germanischen und slawischen Sprachen, schnörkellos, gesprochen wie geschrieben. Jeder Buchstabe hat nur einen Laut, "la" ist der einzige Artikel, Substantive enden auf "o", Adjektive auf "a". Keine Unregelmäßigkeiten, deswegen können die Schüler schnell schon Bücher lesen. Ein Traum für jeden Grammatikmuffel.

Sprache einer extrem gut vernetzten Minderheit

Jedes Jahr lernen in Herzberg etwa 40 Schüler Esperanto, sagt Peter Zilvar, an der Grundschule, der Haupt- und Realschule und am Gymnasium, wo die Sprache schon Wahlpflichtfach war, bis sie der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Schuljahre zum Opfer fiel.

Jetzt sitzen die Schüler freiwillig in den AGs, auch weil diese kleine Esperanto-Welt ganz schnell ganz groß wird. Wenn es zum Austausch in die polnische Partnerstadt Gòra geht, mit der der direkte Kontakt, so vereinbarten die Bürgermeister beider Städte 2005, auf Esperanto gepflegt wird. Wenn Gruppen aus ganz Europa und sogar aus Korea an die Schulen kommen, um Esperanto zu sprechen. Wenn Chinesen in der Stadt sind, die auf Esperanto nach dem Weg fragen, was bei etwa 180 zweisprachigen Wegschildern aber nur selten vorkommt.

Zur Wahrheit gehört eben nicht nur, dass die Sprache nur von einer Minderheit gesprochen wird, sondern auch, dass diese Minderheit extrem gut vernetzt ist. "Diejenigen, die Esperanto lernen, machen das, um andere Menschen kennenzulernen", sagt Ewa Kukielka. "Zudem ist es so, dass man durch Esperanto leichter andere Sprachen lernt." Viele Vokabeln ließen sich ableiten, die Schüler bekämen ein Gefühl für Sprachen - ganz abgesehen von den schnellen Erfolgsmomenten.

Mike-Nils Schmitz, 13, Schüler am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium, sitzt an diesem Donnerstag auch in der AG von Ewa Kukielka und hilft dem Nachwuchs. Er spricht Esperanto seit fünf Jahren. Mike-Nils mag Sprachen, vor allem aber fasziniert ihn die Internationalität: "Man lernt schnell Leute aus der ganzen Welt kennen", sagt er und erzählt von den Salos, den internationalen Jugendtreffen. Das Internacia Junulara Festivalo in Italien war im Frühjahr, bald kommt der Universala Kongreso in Vietnam. Auch in der Slowakei und in Frankreich stehen Esperanto-Treffen an. Wenn Mike-Nils älter ist, kann er zu einem richtigen Globetrotter werden - auf Esperanto.

Forta makso? Oder Pokajo kun fritita ovo?

Peter Zilvar steht an einer Herzberger Kreuzung und zeigt auf eine braune Tafel, die auf den Kastela stacidomo hinweist, den Bahnhaltepunkt unterhalb des Welfenschlosses. Das neueste Projekt, sagt Zilvar und zeigt auf den Eingang vom Café König direkt am Marktplatz, seien die kleinen Esperanto Servo-Aufkleber. Sie zeigen mit dem grünen fünfzackigen Esperanto-Stern an, dass das Personal die Sprache beherrscht.

Zilvar spricht Esperanto seit mehr als 40 Jahren. Er hat damals vom Bahnhofsvorsteher gelernt, der lange Präsident des internationalen Esperanto-Eisenbahner-Verbandes war und in den sechziger Jahren mit dem Unterricht begonnen hatte. "Viele haben es erst als Blödsinn abgetan, weil es ja schon Englisch als Weltsprache gebe", sagt Zilvar.

In Herzberg ist es heute normal, dass Gaststätten Forta makso (Strammer Max) oder Pokajo kun fritita ovo (Schnitzel mit Spiegelei) in ihren zweisprachigen Speisekarten führen, die Stadtbibliothek Urbo biblioteko heißt und Boule-Regeln und Baumnamen übersetzt sind. Und dass Gerhard Walter, Bürgermeister, Standesbeamter und ebenfalls Esperantist, Trauungen auf Esperanto anbietet.

Doch ehe die Grundschüler Leonie, Yvonna und Estera diesen Service in Anspruch nehmen können, werden sie Herzberg wohl verlassen haben. Denn außer ein bisschen Harz-Tourismus gibt es hier nicht viel, daran ändert auch das Völker verbindende Esperanto nichts.



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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
stupp 24.07.2012
1. Folkspraak
Ich habe auch mal Esperanto gelernt. Vielleicht ganz witzig, aber besonders toll fündig es nicht. Hört sich halt arg romanisch- und slawischlastig an. Und die vielen Umlaute sind gegenüber dem Deutschen fast schon ein Rückschritt. Wirklich interessant finde ich Folkspraak (Folkspraak - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Folkspraak)). Wenn sich die germanischen Sprachen auf so einen gemeinsamen Nenner einigen könnten, das wäre ein Fortschritt...
doppelblind 24.07.2012
2. Kunsprachen sind verschwendete Zeit
Zitat von stuppIch habe auch mal Esperanto gelernt. Vielleicht ganz witzig, aber besonders toll fündig es nicht. Hört sich halt arg romanisch- und slawischlastig an. Und die vielen Umlaute sind gegenüber dem Deutschen fast schon ein Rückschritt. Wirklich interessant finde ich Folkspraak (Folkspraak - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Folkspraak)). Wenn sich die germanischen Sprachen auf so einen gemeinsamen Nenner einigen könnten, das wäre ein Fortschritt...
Die germanischen Sprachen sind schon auf einem gemeinsamen Nenner, nämlich mit Englisch, der am weitest verbreiteten germanischen Sprache. Auf Platz 2 der germanischen Sprachen ist da schon Deutsch. Warum soll man wegen ein paar Skandinavier, die eh meistens englisch können eine Kunstsprache lernen?
bolonch 24.07.2012
3. Ganz nett
Irgendwie nett, aber es gibt heute mehr Leute, die Klingonisch sprechen als Esperanto. Eine ganz gute Idee, die sich eben ueberhaupt nicht durchgesetzt hat. Wenn man gewollt haette, haette man Esperanto zur alleinigen Amtsprache der EU machen koennen und zur Plichtsprache in allen Schulen, dann waere es ein Erfolg geworden, niemand wuerde es als Muttersprache sprechen, es waere aber ein leicht zu erlernendes Kommunikationsmittel. So gibt es aber bereits eine Sprache, die ueberall auf der Welt gesprochen und verstanden wird und das ist Englisch. Punkt. Gute Sprachen zum Lernen sind natuerlich die unserer Nachbarlaender (Franzoesisch natuerlich, aber auch Polnisch und Tschechisch) und Haupthandelspartner ... Esperanto ist ein Minderheitenhobby, mehr nicht.
adal_ 24.07.2012
4. Tote Sprachen
Zitat von doppelblindDie germanischen Sprachen sind schon auf einem gemeinsamen Nenner, nämlich mit Englisch, der am weitest verbreiteten germanischen Sprache. Auf Platz 2 der germanischen Sprachen ist da schon Deutsch. Warum soll man wegen ein paar Skandinavier, die eh meistens englisch können eine Kunstsprache lernen?
Klar, sie kommen schon tot zur Welt.
inci2 24.07.2012
5.
Zitat von bolonchIrgendwie nett, aber es gibt heute mehr Leute, die Klingonisch sprechen als Esperanto. Eine ganz gute Idee, die sich eben ueberhaupt nicht durchgesetzt hat. Wenn man gewollt haette, haette man Esperanto zur alleinigen Amtsprache der EU machen koennen und zur Plichtsprache in allen Schulen, dann waere es ein Erfolg geworden, niemand wuerde es als Muttersprache sprechen, es waere aber ein leicht zu erlernendes Kommunikationsmittel. So gibt es aber bereits eine Sprache, die ueberall auf der Welt gesprochen und verstanden wird und das ist Englisch. Punkt. Gute Sprachen zum Lernen sind natuerlich die unserer Nachbarlaender (Franzoesisch natuerlich, aber auch Polnisch und Tschechisch) und Haupthandelspartner ... Esperanto ist ein Minderheitenhobby, mehr nicht.
erstaunlicher ist dabei eigentlich, daß noch keine wie auch immer geartete kommission oder rat aus der EU dafür mittels richtlinien oder verordnung dafür gesorgt hat, daß das die erste fremdsprache in europa ist, die gelehrt wird. denn für die "VSE" braucht man ja auch eine einheitliche sprache....
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