Expertengremium 83 Empfehlungen gegen Amokläufe

Von innen verriegelbare Klassenzimmer, Verbot von Kampfspielen, neue Warnsysteme: Das fordern Experten als Lehre aus dem Amoklauf in Winnenden. Das Gremium verlangt auch ein schärferes Waffenrecht - und wird vom baden-württembergischen Justizminister prompt abgebügelt.

Trauer in Winnenden: Gesetze und Umbauten sollen den Schutz vor Amokläufen verbessern
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Trauer in Winnenden: Gesetze und Umbauten sollen den Schutz vor Amokläufen verbessern

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Kampfspiele verbieten, Warnsignale und spezielle Türknäufe in Schulen installieren, eine Verschärfung des Waffengesetzes und eine bessere psychosoziale Unterstützung der Schüler - das sind die Hauptforderungen eines Expertengremiums, das über die Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden beraten hat.

Am 11. März hatte ein 17-Jähriger in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen erschossen und sich anschließend selbst getötet. Daraufhin hatte Baden-Württembergs Landesregierung den "Expertenkreis Amok" berufen, an dem Politiker, Wissenschaftler, Schulvertreter und Jugendschützer beteiligt waren. Das Gremium präsentierte am Mittwoch insgesamt 83 Empfehlungen.

Eines stellen die Fachleute klar: Es gebe "keine einzelne Maßnahme und kein Bündel von Maßnahmen, die mit hinreichender Sicherheit einen Amoklauf an einer Schule verhindern könnten". Gleichwohl könnten "erkennbare Risikofaktoren für Amokläufe an Schulen reduziert und Schutzfaktoren gegen Amok an Schulen gestärkt werden". So empfehlen die Experten, Schulen mit einem Amok-Warnsignal und Klassenzimmer mit einem Türknaufsystem zur Verriegelung von innen auszustatten, wie es an Schulen in den USA bereits üblich ist.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günter Oettinger (CDU) kündigte an, zahlreiche Empfehlungen umzusetzen. Allerdings nannte er gleich einen Vorbehalt: Man dürfe dabei die finanziellen Grenzen des Landeshaushalts nicht verkennen - und Baden-Württemberg steuere kommendes Jahr wegen der Wirtschaftskrise auf eine Rekord-Neuverschuldung zu.

"Schulen nicht zu Festungen ausbauen"

Auch die Finanzierbarkeit der neuen Tür-Verriegelung stellte die Landesregierung in Frage. Laut Kultusminister Helmut Rau (CDU) gibt es rund 100.000 Schulräume im Land. Pro Tür könnten Kosten zwischen 300 bis 500 Euro anfallen, die Gesamtkosten sich also auf 30 bis 50 Millionen Euro summieren.

Die Experten raten weiter, Schulleiter bei drohender Gefahr mit Pagern über Funk zu benachrichtigen, damit anschließend Schüler und Lehrer früh informiert werden können. In Winnenden war das Funknetz zusammengebrochen, Pager hätten auch in diesem Fall eine höhere Empfangsleistung. Handy-Verbote stellten die Experten in Frage, weil sie verhindern könnten, das Schüler im Ernstfall Notrufe absetzen könnten.

Die Experten wandten sich gegen rigide Kontrollen der Schüler: "Schulen sollten als Ort des sozialen Miteinanders erhalten bleiben und nicht zu Festungen ausgebaut werden", sagte Udo Andriof. Der Vorsitzende des Gremiums und frühere Stuttgarter Regierungspräsident forderte auch schärfe Kontrollen im Zusammenhang mit der Aufbewahrung von Waffen. "Die Verfügbarkeit von Waffen ist ein erheblicher Risikofaktor für Amoktaten", so Andriof.

Tonnenweise freiwillig Waffen und Munition abgegeben

Die Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Waffen sollte von 18 auf 21 Jahre angehoben werden und jeder Waffenbesitzer eine regelmäßige Gebühr zahlen, analog zum Auto-Tüv, forderte das Gremium, das die Zahl der Waffen in Deutschland auf 27 Millionen bezifferte - davon rund sieben Millionen registrierte und 20 Millionen illegale Waffen.

Die Forderung nach einem schärferen Waffenrecht konterte Justizminister Ulrich Goll umgehend. Das Thema werde überschätzt, sagte der FDP-Politiker: "Das ist nicht das Feld, wo man große Erfolge erzielen kann". Die Experten wiederum weisen darauf hin, Lobbyisten hätten nach dem 11. März 2009 "zum Teil massiv" versucht, Verschärfungen des Waffenrechts zu verhindern. "Auf einzelne Mitglieder des Expertenkreises, sogar auf Opferangehörige, wurde in diesem Zusammenhang Druck ausgeübt, der als sehr bedrohlich empfunden wurde", schreiben sie in ihrem Bericht.

Ein positives Zwischenfazit zog das Gremium zum Appell an Waffenbesitzer, nicht benötigte Waffen bei Behörden freiwillig zwecks Vernichtung abzugeben. Diese Aktionen seien sehr erfolgreich gewesen: "So wurden zum Beispiel allein beim Landratsamt Rems-Murr-Kreis nach dem 11. März 2009 bis August über 1600 Waffen abgegeben. Allein beim Kampfmittelbeseitigungsdienst des Regierungspräsidiums Stuttgart wurden 2009 bislang knapp 38 Tonnen Waffen und Munition zur Vernichtung angeliefert, 20 Tonnen mehr als im gesamten Vorjahr."

Experten empfehlen Verbot von Kampfspielen

Das Gremium sprach sich zudem für ein Kampfspiel-Verbot aus. Es gehe um "realistische, tötungsähnliche Spiele", sagte Andriof - sowohl um Computerspiele als auch um reale Spiele wie Paintball. "Es wäre paradox, das virtuelle Schießen auf Menschen in Computerspielen zu verbieten, während das reale Schießen mit Farbkugeln auf Menschen bzw. mit scharfen Waffen in wirklichkeitsnahen Situationen weiter zulässig bleibt", heißt es im Bericht.

Die Möglichkeiten der Indizierung von Computerspielen sollten stärker genutzt werden. Bei "absolut unzulässigen" Inhalten im Internet müssten die Provider stärker in die Pflicht genommen werden. Für Spiele, die im Internet angeboten würden, solle eine Altersempfehlung eingeführt werden.

Zur Vermeidung von Amokläufen setzen die Experten auch auf verstärkte psychosoziale Prävention. Andriof sagte, solchen Taten gehe immer eine Entwicklungsgeschichte voraus, oft von Warnsignalen begleitet: "Es ist wichtig, diese Warnsignale zu erkennen und darüber aufzuklären. Es gilt, eine Kultur des Hinschauens zu entwickeln." Das Gremium forderte entsprechende Handreichungen für Lehrer, Polizei und Ärzte sowie einen Datenaustausch zwischen Schulen, Polizei, Jugendamt, Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Auch für mehr Schulpsychologen setzt sich der Expertenkreis ein. Kultusminister Helmut Rau wies darauf hin, dass die Zahl der Schulpsychologen bereits vor Winnenden auf 110 verdoppelt worden sei. Damit komme ein Psychologe auf 15.000 Schüler. Nun müsse man darüber nachdenken, ob dies ausreiche. Nach Angaben des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen kam in Baden-Württemberg im Jahr 2008 auf 16.993 Schüler ein Schulpsychologe - nur in Schleswig-Holstein und Niedersachsen war das Verhältnis schlechter.

Angehörige von Opfern fordern mehr Einmischung von Eltern

Die Experten kritisierten überdies die Medienberichterstattung über den Amoklauf in Winnenden. Viele Berichte seien reißerisch und "täterzentriert" aufgemacht gewesen, nach ihrer Auffassung ein "Katalysator für Nachahmungsphantasien und - absichten amokgeneigter junger Menschen". Die Korrelation zwischen der Anzahl der Amokandrohungen und der Intensität der Berichterstattung sei auffallend. Seit dem Amoklauf von Winnenden verzeichnete die Polizei in Baden-Württemberg 180 Einsätze wegen Amokandrohungen, davon allein im März 137. Auch am Mittwoch wurde eine Schule in Brühl (Rhein-Neckar-Kreis) geschlossen, nachdem ein Unbekannter per E-Mail mit einer Gewalttat gedroht hatte.

Die Experten forderte ein "Handlungskonzept für eine amokspezifische Pressearbeit". Der Presserat müsse "sensibilisiert" und auf das Problem auch bei der Aus- und Fortbildung von Journalisten eingegangen werden.

Ebenfalls am Mittwoch forderte das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" eine konsequentere Erziehung und ein Einmischen der Eltern in das Leben ihrer Kinder. "Erziehung bedeutet den Abschied von einem grenzenlosen Liberalismus, der nichts anderes ist als die Tarnkappe der Gleichgültigkeit", sagte Gisela Mayer, Sprecherin des Bündnisses, das von Familien der Opfer des Amoklaufs in Winnenden gegründet worden war. Mayer hatte ihre Tochter verloren, die an der Albertville-Realschule arbeitete.

Die Dringlichkeit einer intensiven Präventionsarbeit war erst Mitte September deutlich geworden, als ein 18-Jähriger an einem Ansbacher Gymnasium zwei Mädchen schwer verletzte, beide Schülerinnen einer zehnten Klasse. Der Abiturient war mit Axt, Messern und Brandsätzen in seine Schule gestürmt. Es war keine spontane Handlung: Bei einer Durchsuchung des Zimmers des Gymnasiasten entdeckten Fahnder eine Art Kalenderblatt, auf dem unter dem 17. September das Wort "Apokalypse" stand.

Mit Material von AFP, AP, ddp, dpa

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Seite 1
rrbbkim 17.09.2009
1. .
Da dieser Mensch offenbar Basteltalent hatte, sehe ich da nur wenig Möglichkeiten. Ich bin aber auf jeden Fall dafür, dass in privaten Haushalten keinerlei Waffen untergebracht werden dürfen. Auch nicht bei Jägern! Die sollen ihre Waffen samt Munition in bewachten Depots unterbringen.
peterbruells, 17.09.2009
2.
Zitat von sysopEin Unbekannter hat am Morgen ein Gymnasium im bayerischen Ansbach gestürmt und vier Schüler verletzt, einen von ihnen schwer. Können Amokläufe verhindert werden? Wie kann hier Prävention effizient betrieben werden?
Blöde Frage. Natürlich indem man ein Stoppschild vor den Eingang stellt.
gauloisesbert 17.09.2009
3.
Ich sehe den bayrischen Innenminister gerade fieberhaft im Internet nach Computerspielen recherchieren, in denen Molotow-Cocktails verwendet werden ...
SkyNet_SO 17.09.2009
4. wieder mal
wieder mal ein Amoklauf und wieder einmal wird in den Medien und der Politik nun die Hexenjagd losgehen. VermRutlich wird dann auf dem Rechner des Amokläufers auch noch Counterstrike gefunden, so dass dann die "Killerspiele" Diskussion wieder aufflammt. Da er scheinbar selber Brandsätze gebaut hat, wird es dann sicherlich auch wieder um Seiten im internet gehen, wo Bombenanleitungen drauf sind. Ich wette es dauert nicht lange, bis die ersten Forderungen kommen, dass man auch diese neben KiPo Seiten sperren muss. Wie kann man einen Amoklauf verhindern? Vermutlich garnicht. Die Menschen, die so etwas machen, sind idR extreme Aussenseiter. Hier sollten insbesondere die Eltern mehr ein Augenmerk auf evtl Auffälligkeiten haben. Wichtig ist auch, dass die Eltern Ihrer Verantwortung nachkommen und sich gescheit um den Nachwuchs kümmern. Mobbing in der Schule wird es immer geben, die Lehrkräft sollten aber auch hier besonders aufmerksam sein.
frietz, 17.09.2009
5. sichere wette
ich wette, dass es längstens heute nachmittag wird, ehe wieder ein experte/politiker kommt und erklärt, dass die "killerspiele" schuld sind? hält jemand dagegen?
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