Explosionsgefahr Kampfmittelräumdienst holt Säure aus Schullabor

Pikrinsäure gehört nicht an Schulen, wissen Experten. Trotzdem entdecken Chemielehrer immer wieder Flaschen der hochexplosiven Substanz, so wie jetzt in Friedrichshafen. Immerhin dürften sich die Schüler gefreut haben, sie bekamen säurefrei.

DPA

Eigentlich sollte es sich inzwischen herumgesprochen haben: Pikrinsäure hat in Schulen nichts verloren. Schließlich handelt es sich bei der Substanz um eine Zeitbombe. Und doch tauchen in Chemieräumen immer wieder alte Flaschen auf - so wie jetzt in einer Friedrichshafener Grund- und Realschule.

Die neue Bio- und Chemielehrerin habe nur eine Inventarliste erstellen wollen, berichtet die "Schwäbische Zeitung" in ihrer Online-Ausgabe. Sie wird demnach den Fachbereich in Kürze übernehmen, ihr Kollege geht in den Ruhestand. Im Schrank entdeckte sie dann eine 250-Milliliter-Flasche Pikrinsäure. Im flüssigen Zustand ist die Substanz relativ ungefährlich, im trockenen hochexplosiv. Da die Flasche undurchsichtig war, habe man aber nicht einschätzen können, ob die Chemikalie getrocknet war, sagte eine Sprecherin der Stadt.

Die junge Lehrerin informierte nach ihrem Fund die Schulleitung, die meldete sich bei der Feuerwehr. Am Donnerstag rückte dann der Kampfmittelbeseitigungsdienst an und nahm die Chemikalie mit, wie die Polizei mitteilte. Die 700 Schüler durften zu Hause bleiben. Die Aktion sei reibungslos verlaufen, sagte die Sprecherin.

Mehrfamilienhaus nach Pikrinfund evakuiert

Früher einmal arbeiteten Schüler im Chemieunterricht regelmäßig mit dieser Säure und färbten damit unterm Mikroskop ihre Präparate. Auch wenn Chemielehrer schon längst lieber zu harmloseren Mitteln greifen, tauchten in den vergangenen Jahren immer wieder an Deutschlands Schulen alte Flaschen auf. Als im vergangenen Jahr ein Lehrer in einer Berliner Schule 200 Gramm der Säure entdeckte, wurden sogar zwei nahegelegene Mehrfamilienhäuser evakuiert. Nach rund zweieinhalb Stunden durften die Bewohner in ihre Häuser zurückkehren, berichtete damals die "Berliner Morgenpost".

Wie gefährlich die Chemikalie ist, zeigte sich am 6. Dezember 1917: Im kanadischen Halifax kollidierte ein französisches Munitionsschiff mit 2300 Tonnen Pikrinsäure - und damit Millionen Mal mehr als jetzt in Friedrichshafen - und 200 Tonnen TNT an Bord mit einem anderen Schiff und explodierte. 2000 Menschen kamen ums Leben. Die Flut- und Druckwelle der Explosion verwüstete weite Teile der Stadt völlig.

fln/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.