Facebook für Schüler Wie zwei US-Teenager Millionäre wurden

Märchenwelt Web 2.0: Catherine und David Cook waren 15 und 16, als ihnen beim Blättern im Highschool-Jahrbuch eine Idee kam. Eine Internetseite, zum Flirten und Lästern, wie ein Schulhof für Ehemalige. Sie erfanden "MyYearbook.com", die Seite, die sie reich gemacht hat.

Von Lara Fritzsche


Es muss irgendwann zwischen Mathe-Hausaufgaben und Abendessen gewesen sein: Catherine Cook, 15, liegt auf dem Bett und blättert das aktuelle Jahrbuch ihrer Highschool in Skillman, New Jersey, durch. Sie schlägt die Seite auf, auf der ihr Schwarm zu sehen ist. Seit einem Jahr ist sie heimlich in ihn verliebt. Um seinen Kopf hat sie ein pink-farbenes Herz gemalt. Schon zig Mal hat sie diese Seite angeschaut, ganz abgegriffen ist das Papier. Jetzt ist er weg, hat seinen Abschluss gemacht, studiert an einem College. Seitdem hört sie nichts mehr von ihm, keine neuen Infos, keine neuen Fotos.

Wie praktisch wäre ein digitales Jahrbuch - ein Netzwerk, in dem man den Weg der ehemaligen Mitschüler verfolgen, mit aktuellen Freunden chatten, den süßen Typ aus der Parallelklasse unverbindlich anschreiben und mit Freundinnen lästern kann... Catherine erzählt ihrem 16-jährigen Bruder David von der Idee. Er ist begeistert: Ein Jahrbuch 2.0. Eine digitale Version der Kladde, die zum Schuljahresende an die Schüler verkauft wird.

Oder einfach: ein "Facebook" für Highschool-Schüler. Sicher ist diese Idee dem einen oder anderen Schüler vorher auch schon gekommen. Aber Catherine und David Cook haben einen entscheidenden Vorteil: Geoffrey, den großen Bruder mit viel Geld. Sie erzählen ihm von ihrer Idee, er ist begeistert und investiert eine viertel Million Dollar.

Jeden Tag 15.000 neue Mitglieder

Noch am selben Abend beginnen die Geschwister das Design für die Seite auf Papier zu zeichnen. In den folgenden Nächten faxen sie die Entwürfe nach Indien zu den Programmierern, die der große Bruder Geoffrey für das Projekt angeheuert hat. "Das war eine spannende Zeit, die Küche unseres Elternhauses wurde zur Kommandozentrale. Die ganze Familie stand sofort hinter dem Projekt, alle haben mit überlegt", sagt David.

Wenige Wochen später, im Sommer 2005, geht die Seite online. Heute ist klar: Die Investition hat sich gelohnt. Die beiden Teenager Christine, heute 18, und David, 19, dürfen zwar in den USA noch nicht in die Disko oder Alkohol kaufen. Aber sie sind bereits Millionäre. Und der 29-jährige Geoffrey Cook, der schon als Student an der Universität Harvard mit dem Verkauf zweier Internetseiten seine erste Million verdient hatte, hat seine investierten 250.000 Dollar längst wieder raus.

Er ist nun Firmenchef von "MyYearbook.com". Die Seite ist die am schnellsten wachsende Internetgemeinde in den USA, so das Ergebnis einer Erhebung des Instituts "com.Score", das Besucherzahlen im Internet misst und regelmäßig veröffentlicht. Jeden Tag melden sich 15.000 neue Mitglieder an. Insgesamt sind es inzwischen vier Millionen Menschen zwischen 13 und 21 Jahren, die sich dort zum Chatten treffen, einfach Zeit verbringen - und was das Wichtigste für die Macher: Werbespots anschauen.

Laut einer Schätzung von "com.Score" sind mit sozialen Netzwerken wie "MyYearbook.com" im Internet dieses Jahr 900 Millionen Dollar zu verdienen, allein in den USA. Einen Großteil davon streichen die Platzhirsche "Myspace.com" und "Facebook.com" ein, aber auch "MyYearbook.com" verdient ordentlich mit.

Während einige US-Schulen die Rechner wieder in den Schrank verbannen, wird es bei den Schülern immer mehr zum Trend, seine Freizeit mit Freunden virtuell zu verbringen, statt im Park um die Ecke auf morschen Tischtennisplatten zu hocken. Etwa 60 Prozent der 12- bis 17-Jährigen und gar 80 Prozent der 18- bis 21-Jährigen nutzen diese sozialen Netzwerke, so eine US-Studie des Forrester-Instituts. Auch in Deutschland legte das Portal "StudiVZ"im letzten Jahr einen rasanten Erfolg hin.

Der Schulhof im Internet: quatschen, flirten, lästern

"MyYearbook.com" ist ein Paradebeispiel einer solchen Netzwerkseite. Nirgendwo sonst kann man so viel loswerden wie hier, über sich und über andere: Man wählt den peinlichsten Lehrer, den größten Schwarm, das schönste Mädchen der Stufe und vieles mehr. Dass zwei Schüler die Seite entworfen haben, merkt man bei jedem Klick: Hier treten zum Beispiel zwei junge Frauen mit Fotos gegeneinander an, die Internetgemeinde entscheidet, wer cooler ist und "Promqueen" werden soll, also Abschlussball-Königin. Nebensächlich für Erwachsene - aber lebenswichtig für amerikanische Highschool-Schülerinnen!

Diese ganze Highschool-Welt, die sich dem Europäer höchstens beim Schulaustausch in den Staaten oder in Highschool-Filmen wie "American Pie" offenbart, gibt es hier in Reinform zu bestaunen. Man kann Mitschüler als Jungfrauen brandmarken, sein eigenes Outing im Internet vollziehen, einem Mädchen Blumen schicken, sich als Verehrer auf ihrer Seite eintragen - alles sichtbar für den Sitznachbarn aus dem Bio-Kurs und jeden anderen US-Schüler mit Account.

Catherine ist sich sicher, dass dies das Geheimrezept von "MyYearbook.com" ist. "Wir haben eine Internetgemeinde gegründet, in der es genauso abgeht wie auf dem Schulhof, das kommt an." Sie schwärmt inzwischen nicht mehr für süße Highschool-Jungs, sie ist nun selbst Absolventin. Zum kommenden Semester beginnt sie ihr BWL-Studium an der Georgetown University in Washington DC.

Bei "MyYearbook.com" bleibt sie trotzdem angemeldet - schon allein wegen der 3065 Jungs, die sich auf ihrer Profilseite als "Verehrer" geoutet haben.

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