Ferien wie vor 100 Jahren "Töpfern ist cool"

Paddeln statt Daddeln, Frühsport statt Fernsehen, Hopsen statt Chat - hier verbringen Jugendliche Ferien wie einst ihre Großeltern. Eltern und Vereine organisierten ein Old-School-Camp in Potsdam. Marco, 14, zockt sonst gern mit der Wii-Konsole. Jetzt töpfert er seinen Namen.

Von Mathias Hamann


Marco Hunger, 14, muss dem Mann in den Hals und Schädel schneiden, drei, vier Mal, sonst hält der Kopf nicht richtig. Sein gelbes Hemd bekommt ein paar Spritzer ab. Marco sitzt inmitten von Grundschülern und formt ein Männchen aus Ton. Damit die Teilstücke gut zusammenpassen, schlägt er kleine Kerben hinein. Obwohl das Haupt hält, ist er nicht zufrieden, also bekommt seine Figur eins auf die tönerne Nase, und Marco matscht es wieder zu einem Klumpen.

Zusammen mit 124 anderen Kindern zwischen 5 und 14 Jahren werkelt er im Lindenpark, einem Potsdamer Jugendzentrum. Es sind Sommerferien. Viele Stadtkinder bleiben zu Hause, denn: Was kann ein Teenager jetzt schon machen? "Nicht viel", brummt Marco. Also geht er in ein Feriencamp. Aber nicht irgendeines.

"Ferien wie vor 100 Jahren" heißt hier das Motto. Ausgedacht hat sich das eine lokale Allianz aus Eltern, Firmen und Vereinen - von alternativ bis konservativ. "Wir wollen den Kindern zeigen, dass sie sich auch ohne Computer und Fernseher in den Ferien nicht langweilen", erklärt Sprecherin Cäcilie Schröder. Die zweifache Mutter kritisiert Unterhaltungselektronik im Kinderzimmer. Klar kann ihr Sohn eine Spielkonsole haben, dann muss er aber sein Taschengeld sparen. Was stört sie an Technik-Spielzeugen? "Sie behindern die Phantasie, und die Kinder hocken zu viel drinnen."

Also erleben die Sprösslinge Ferien wie zu Uromas Zeiten, eine Woche ohne Technik, zumindest tagsüber. Für das Programm sorgen Lehramtsstudenten der Uni Potsdam, die sammeln hier Erfahrung für die Praxis. Wer mitmachen wollte, musste sich etwas ausdenken: Statt Computerspiele gibt es das Hüpfspiel Hopse (anderswo auch bekannt als Himmel und Hölle), statt Chat Töpfern und statt Fernsehen Frühsport.

Bis zu sechs Stunden täglich fernsehen, daddeln, surfen

Die Leibesübungen kommandieren Toni Gramß und seine Freundin Karoline Willert. Um 9 Uhr, oder richtiger: mit akademischem Viertel um 9 Uhr 15 bringen die beiden Lehramtsstudenten ihre Schützlinge in einen Kreis, dann erzählen sie eine sportliche Geschichte. "Heute streichen wir ein Haus", ruft Karoline Wittert. Dann recken und strecken sich 80 kleine Arme nach oben, um auch die letzte Ecke zu erreichen.

Marco hat da nicht mitgemacht. Ist nicht so sein Ding. Zu Hause hat er die Spielkonsole Wii, da gibt es auch Sportspiele. Die sind vielleicht besser als Frühsport, aber nicht so cool wie echtes Paddeln - das hat Marco gestern gemacht. Jetzt konzentriert er sich auf seinen Ton. Erzählt er Freunden vom Töpfern? "Eher nicht."

Gerade formt er Buchstraben und macht nicht viele Worte. "Manchmal", lautet seine knappe Antwort auf die Frage, ob er auch Videospiele zockt. Seine Freunde und er kommen auf zwei bis sechs Stunden Mediennutzung täglich, die sie mit Fernsehen, Games oder im Internet verbringen. Marco verwaltet seine mehr als 200 Bekanntschaften in einem sozialen Netzwerk und chattet oft mit Freunden.

Ganz anders seine Betreuerin: Özlem Özulu, 22, tobte als Kind lieber draußen als in virtuellen Realitäten. Heute verweigert sie sich sozialen Netzwerken wie StudiVZ. "Ist einfach nicht meine Welt und sollte auch nicht die von Kindern sein." Denen fehlt dafür die Reife, glaubt die Lehramtsstudentin. Statt virtuell sollten die Kinder sich lieber in echt treffen.

Für Hopse zu alt, "aber Töpfern ist cool"

Sonst arbeitet Özlem viel mit Berliner Schülern, oft mit "Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Schichten". Diese Kids daddeln viel, haben Sprachprobleme und Schwierigkeiten beim Schreiben, anders als ihre derzeitigen Potsdamer Schützlinge. Sie findet noch weitere Unterschiede: "Meine Berliner Teenager würden nicht töpfern, die 14-jährigen wollen lieber schnell erwachsen werden." Das findet die Studentin schade. Marco formt derweil seinen letzten Ton-Buchstaben.

Ferien wie früher: Studentin Ines Thiele stellt mit Kindern Papier her
Mathias Hamann

Ferien wie früher: Studentin Ines Thiele stellt mit Kindern Papier her

Etwas weiter backt eine Gruppe frisches Brot, vor einem Zelt rührt eine Schar kleiner Hexen Kräutertränke. Hinter Marco zerrupfen Ines Thiele, ihre Kommilitoninnen und eine Schülerschar Zeitungen. Die Schnipsel legen sie in Wasser, später kann eine Kindergruppe daraus mit einem Sieb den "Schnipselteig" schöpfen, ihn ausrollen und dann zu Papier trocknen lassen. Die Studentinnen sehen mit Schürze und Haube aus wie Dienstmägde aus einem Thomas-Mann-Roman und erinnern wirklich an die Zeit vor 100 Jahren.

Einen Tag später: Vermisst Marco seine Konsole? "Nö." Er lernt, "dass man auch mit anderen Sachen Spaß haben kann". Heute zum Beispiel mit Nudeln; der Physikstudent Nico Busch beweist Marco, dass Makkaroni ein Mountainbike tragen können. Theoretisch. Der Lehramtsstudent erklärt das stabile Dreieck: "Der Eiffelturm, Stahlbrücken, überall sorgen Dreiecke für Stabilität." Dann kleben Marco und die anderen eine Brücke aus Makkaroni. Je mehr Dreiecke die hat, desto stabiler. Tatsächlich, am Ende trägt die Pasta-Brücke 13 Kilo Gewichte, also theoretisch ein Mountainbike.

Von fern tönt der Abzählreim der Kinder, die Hopse spielen. Wofür würde Marco sich entscheiden, Hopse oder doch lieber Wii? "Nee, Hopse, dafür bin ich zu alt, aber Töpfern ist cool." Er hat seinen Namen getöpfert. In zwei Wochen ist der fertig gebrannt, dann holt er ihn sich ab.



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