Fett statt fit Die dicken Kinder von London

Der Weg zur nächsten Fritteuse war für englische Schüler stets kurz. Überall in den Schulkantinen gab es lustige Würstchen, Fish'n'Chips satt. Dann kam Jamie Oliver: In einer TV-Serie ersetzte der Starkoch Burger durch Brokkoli und entfesselte einen kleinen Aufstand gegen fettgetränkte Schulkost.

Von Anja Burkel


Glamourkoch Jamie Oliver: Lob und Dank vom Premierminister
RTL II

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Ernährungsexperten hatten die Fastfoodkost der Schulen schon lange angeprangert - erfolglos. Erst die Reality-Show "Jamie's School Dinners" auf Channel 4 servierte den Eltern ins Wohnzimmer, was das Mittagessen ihrer Kinder so enthielt: keine Vitamine, dafür viel Salz, viel Zucker und viel zuviel Fett. Die bislang als kindgerecht erachteten "Turkey Twizzlers", zu Spiralen geformte Truthahnbratwürste, wurden zum Symbol schlechter Ernährung.

In seiner Show stellte Jamie Oliver sich selbst hinter die Schultresen und kochte Gesundes auf. Dabei ging er nicht so weit, die gewohnte Pampe durch Naturkost à la Dinkel-Tofu-Bratling zu ersetzen. Stattdessen propagierte er Rezepte wie Balsamico-Rinderstew an Salat oder Spaghetti mit Tomatensoße.

Doch nicht die Rezepte des 30-Jährigen mit dem Dackelblick lösten eine Kantinenrevolution aus. Er zeigte auch, dass viele Schulen weniger als 40 Pence (60 Cent) pro Essen ausgeben, dass manche Kinder nicht wissen, wie man Besteck benutzt, und dass 13-Jährige kein Gemüse kennen (ein Mädchen hielt Rhabarber für eine Zwiebel).

"Fette, kränkelnde Bastarde"

In einer Schulküche in Greenwich fand Oliver weder Messer noch Schneidebretter vor - wozu auch, schließlich musste das Personal die vorgefertigten Mahlzeiten nur noch aufwärmen. Junge Fernsehzuschauer dagegen schockte er, indem er die unappetitlichen Zutaten ihres Leibgerichts "Chicken Nuggets" vorführte.

Einer Studie des Gesundheitsministeriums zufolge hat jedes vierte englische Kind Übergewicht, jedes siebte ist krankhaft fettleibig. Dabei spiegeln die Schulspeisekarten nur das gesamtenglische Essverhalten wider: Pizzen werden gern mit Döner Kebab oder indischem Chicken Curry belegt, Restaurants servieren Kartoffelchips als Beilage, das Nationalgericht Fish'n'Chips schwimmt auf Fett und Essig daher.

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"Mit dieser Ernährung", sagte Jamie Oliver der Zeitung "Guardian", "unterstützen wir die Entwicklung der Kinder zu fetten, kränkelnden Bastarden." Also sammelte der pausbäckige Starkoch 270.000 Stimmen für seine Petition mit dem Titel "Feed me better!" und klopfte damit an Nummer 10 Downing Street. Tony Blair empfing ihn, kurz vor der Wahl, "sehr freundlich", wie Oliver danach auf der Pressekonferenz erklärte. Und der Premier sagte: "Was Jamie Oliver getan hat, ist von unschätzbarem Wert."

Nun hat die Regierung eine Vitaminspritze von satten 280 Millionen Pfund (417 Millionen Euro) für die Schulspeisung versprochen. Unter anderem sollen davon Küchen umgebaut und die "Dinner Ladies", die Kantinenhelferinnen, kulinarisch geschult werden.

Pausenflucht zur mobilen Frittenbude

Die neue Bildungsministerin Jacqui Smith hat ein Gremium gebildet, das - nach schottischem Beispiel - verbindliche Mindestnährwerte für die Schulen in England und Wales vorgeben soll. Schon jetzt haben viele Schulen Brause- gegen Wasserautomaten ausgetauscht, Salatbars eingerichtet und lustig geformtes Frittiergut wie "Potato Smiles" oder "Turkey Dinosaurs" vom Speiseplan gekippt.

"Turkey Dinosaurs": Fiese kleine Biester
Anja Burkel

"Turkey Dinosaurs": Fiese kleine Biester

Doch die Revolution stößt auch auf Widerstand: Seit nicht mehr alles aus der Friteuse kommt, flüchten viele Kinder in der Pause zu mobilen Frittenbuden, die sich gern in der Nähe der Bildungsanstalten postieren. Ein anderes Problem sind Langzeitverträge der Schulen mit Cateringfirmen, die nicht oder nur schwer aufzuheben sind.

Hinzu kommt: Vom Rummel um das Schulessen verunsichert, geben viele Eltern ihren Kindern nun lieber Lunchpakete mit, die aber oft Schokolade und Chipstüten enthalten. Viel eher rät Jamie Oliver Eltern, sich in der Schulküche umzusehen und Fragen zu stellen. Bislang, vermutet er, fänden sie solches Verhalten wohl eher unschicklich. "Viele fürchten vielleicht, typisch englisch, dabei wie Klugscheißer auszusehen", sagte er der "Times".

Schulen im Visier der Fastfood-Firmen

Wie aber konnte Fastfood auf die Teller von Schulkindern gelangen? Schulverpflegung war zum ersten Mal 1906 nationales Gesprächsthema, als die Regierung sie in die Hände lokaler Schulbehörden legte. An deren Speisekarte gab es, bis auf gelegentliche Fantasielosigkeit, wenig zu mäkeln. Doch in den achtziger Jahren ließ die Regierung Nährwertvorgaben fallen und zwang die Behörden, das Catering an private Firmen abzugeben. Billige Burger und pappige Brausegetränke hielten Einzug in die Schulkantinen.

Die Werbestrategie einiger Junk-Food-Hersteller hat die ungesunde Ernährung noch befördert: Letztes Jahr wurde von einigen Schulen bekannt, dass sie regelmäßige Anwesenheit mit McDonald's-Gutscheinen belohnten. "Cadbury" druckte derweil Sammelgutscheine für Schulsportgeräte auf seine Schokoladenpapierchen.

Aber nicht erst im Schulalter werden englische Kinder bislang auf Fastfood geeicht. Auf Jamie Olivers Internetseite www.feedmebetter.com gibt es bereits eine eigene Rubrik "Nurseries". Eine von vielen Müttern schreibt: "Meine Tochter lernte Junk Food schon in der Kindertagesstätte kennen." Dort bekam sie Fischstäbchen, Chicken Nuggets und Bratwurst - als Einjährige.



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