Filme über Pädagogen "Das könnte sich kein Lehrer erlauben"

"Fack ju Göhte", "Der Lehrer" und "Frau Müller muss weg": Filme mit Pädagogen in der Hauptrolle sind sehr erfolgreich. Doch wie realistisch sind ihre Erlebnisse mit den Schülern und im Unterricht? Drei echte Lehrer erzählen.

"Fack ju Göhte"-Darsteller Karoline Herfurth als Referendarin Lisi Schnabelstedt und Elyas M'Barek als Aushilfslehrer Zeki Müller.
obs/Constantin Film

"Fack ju Göhte"-Darsteller Karoline Herfurth als Referendarin Lisi Schnabelstedt und Elyas M'Barek als Aushilfslehrer Zeki Müller.

Aufgezeichnet von Nina Braun


"Unterricht hat angefangen", brüllt Zeki Müller, zieht eine Waffe, zielt und drückt ab. Ein dunkler Fleck breitet sich auf der Stirn seiner Schülerin aus, die auf dem Schulhof steht. Es ist nur Farbe, aber es macht Eindruck unter den Jugendlichen. Verschreckt stürmen sie auseinander.

Zahlreiche Lehrercharaktere tummeln sich auf deutschen Leinwänden: Zeki Müller aus "Fack ju Göhte" und Stefan Vollmer aus der RTL-Serie "Der Lehrer" sind Protagonisten mit heldenhaften Zügen. Bodenständiger wird es mit Frau Müller ("Frau Müller muss weg") und dem Dokumentarfilm "Neuland" über eine Schweizer Flüchtlingsklasse. Harten Stoff liefert der historische Heimererziehungsfilm "Freistatt", in dem der Erzieher als autoritärer Schinder auftritt.

Doch: Was sagen echte Lehrer dazu? Sind die Charaktere und Szenen aus Klassenzimmern realistisch? Was sind die Folgen von solchen Filmen - reagieren Schüler oder Eltern seither anders auf Pädagogen? Drei Lehrer erzählen.

Privat

Clara Hückelheim, 28, unterrichtet Mathematik und katholische Religion an einer Grundschule in Unna, Nordrhein-Westfalen

"Die Filme spiegeln vieles aus dem tatsächlichen Lehrerberuf wider, mal sind die Darstellungen überspitzt, mal kommen sie dem Alltag ziemlich nahe. Wird der Lehrer, wie in der RTL-Serie 'Der Lehrer', als Held dargestellt, freut mich das. Seriencharakter Stefan Vollmer löst fast jedes Erziehungsproblem innerhalb einer Folge. Auch in der Realität hat man ja das Bedürfnis, alle Kinder in der Klasse zu retten. Das sind natürlich zu hohe Erwartungen, und es klappt auch nicht. Anschaulich zeigt das die Dokumentation 'Neuland', in der jugendliche Flüchtlinge bei der Ausbildungsplatzsuche begleitet werden.

Manchmal fürchte ich aber, dass die Filme Vorurteile schüren. Etwa die, dass wir Lehrer nicht fair beurteilen und nicht alle Kinder im Blick haben. Dass wir zu viel Freizeit haben und immer früh Feierabend - wie der Lehrer aus der Serie, den man nie beim Unterrichten sieht. Auch bereitet er keinesfalls etwas vor oder sitzt bis spät abends am Schreibtisch - so wie Lehrer in der Realität."

Privat

Marco Fileccia, 52, Lehrer für Biologie und Sozialwissenschaften an einem Gymnasium in Oberhausen, Nordrhein-Westfalen

"Ich schaue diese Filme über Lehrer gern, weil ich dann über uns lachen kann. Die Pädagogen brechen allerdings ständig Regeln - so wie 'Fack ju Göhte'-Protagonist Zeki Müller, der seine Schüler mit Farbbeuteln beschießt. Das könnte sich kein echter Lehrer erlauben - er würde an unserer Schule keine zwei Tage arbeiten.

Doch obwohl die Unterhaltung bei diesen Streifen im Vordergrund steht: Im Kern ist es pädagogisch nicht schlecht, was die Filmcharaktere machen - sie stärken die Schüler nach ihren individuellen Möglichkeiten.

Ich habe schon das Gefühl, dass die filmische Darstellung der Lehrer Auswirkungen auf den Beruf in der Realität hat. Die Bildschirm-Lehrer schaffen alles und verstärken damit hohe Erwartungen, zum Beispiel von Eltern."

Privat

Nicolas Schmidt, 45, unterrichtet Englisch, Sozialkunde und Geschichte an einem Gymnasium in Erlangen, Bayern

"Ich war überrascht, wie lustig ich den Film 'Fack ju Göhte' und zum Teil auch die Serie 'Der Lehrer' fand. Aber das ist für mich Unterhaltung und hat kaum Relevanz für den Alltag. Mit so überzogen kaputten Klassen hat kaum einer von uns zu tun.

Auch den Pädagogen als drohende Figur wie in dem historischen Film 'Freistatt' erleben wir heute nicht mehr. Der Schulalltag ist glücklicherweise liberal geworden. Dafür steigen die Ansprüche. Die Erwartungshaltung einiger Eltern, wie in dem Film 'Frau Müller muss weg' karikiert, erlebe ich immer wieder im Alltag. In dem Film versuchen Eltern der Lehrerin um jeden Preis eine Gymnasialempfehlung für ihre Kinder abzuringen.

Ich glaube jedoch nicht, dass die Darstellung von Lehrern in Filmen das Bild von Pädagogen in der Realität stark beeinflusst. Erstens steht der Humor auf dem Bildschirm meist im Vordergrund, und zweitens hat jeder Mensch selbst genügend Erfahrungen mit Lehrern - sei es als Schüler, als Elternteil oder als Freund -, die das Berufsbild viel stärker prägen als jedes mediale Bild."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
dickebank 14.06.2015
1. pars pro toto
3 Lehrermeinungen - 1 x Grundschule und 2 x Gymnasium. Repräsentativ geht anders. Es schein wohl nur diese beiden Schulformen in der öffentlichen Wahrnehmung zu geben. Dass die meisten lehrkräfte an allgeminbildenden schulen der Sekundarstufe I sowie an beruflichen Schulen arbeiten, scheint einer breiten Öffentlichkeit nicht zu vermitteln zu sein.
clockwork-orange 14.06.2015
2. Realistisch?
Wen interessiert denn bitte bei einem Film wie Fack ju Göthe wie realistisch er ist? Und zudem: warum drei Lehrer fragen, schließlich war jeder von uns einmal auf der Schule und kann das durchaus selbst sehr gut beurteilen.
familien-manager 14.06.2015
3. Mit so überzogen kaputten Klassen ...
... kann ich mir vorstellen, haben manche Kollegen tagtäglich zu tun. Und manche Schüler (und Eltern) nehmen sich durchaus schräge Film-Typen zum Vorbild oder sind enttäuscht, wenn ihre Lehrer nicht so "cool" sind. Für etliche Mitmenschen ist es nicht mehr deutlich erkennbar, was Fiktion und was Realität ist, wo ich noch filmischen Humor erkenne, übersetzen einige das für bare Münze.
Chipslette 14.06.2015
4. Keine kaputten Klassen - da lach ich mich ja kaputt!
Also, diese Aussage wage ich sehr zu bezweifeln. Ich kenne sehr viele Pädagogen, die auch in Stadtvierteln mit sozialen Brennpunkten arbeiten, außerdem kommt jetzt noch die Inklusion auf viele Schulen zu - ich denke, man kann und will manchmal gar nicht glauben, mit wie kaputten oder sehr schwierigen Familienverhältnissen viele Lehrer (und Erzieher) zu tun haben. Man hätte mal auch Hauptschullehrer fragen sollen oder Lehrer von Förderschulen. Ich gebe aber recht, wenn von Lehrern immer mehr das erwartet wird, was eigentlich Eltern leisten sollen und müssen - was absolut unmöglich ist.
austenjane1776 14.06.2015
5. Sie sagen es, Kollege
Zitat von dickebank3 Lehrermeinungen - 1 x Grundschule und 2 x Gymnasium. Repräsentativ geht anders. Es schein wohl nur diese beiden Schulformen in der öffentlichen Wahrnehmung zu geben. Dass die meisten lehrkräfte an allgeminbildenden schulen der Sekundarstufe I sowie an beruflichen Schulen arbeiten, scheint einer breiten Öffentlichkeit nicht zu vermitteln zu sein.
"Interessante" und "herausfordernde" Schüler/innen habe ich am Berufskolleg täglich... Aber wenn man die richtigen Leute fragt - kriegt man auch die richtigen Antworten. Da könnte man mal einen Film machen - aber das würde das Land nicht erlauben. Zu chaotisch. Allein um einen Film zu machen, müssen alle Beteiligten ihren Job machen. Und genau das kriegen viele gar nicht hin. Insofern ist das schwer abzubilden. Und was nicht in Bildern in den Medien ist, existiert nicht. Grundweisheit der politischen Propaganda.
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