Finnlands Pisa-Geheimnis Die Champions der unteren Zehntausend

Gleich zweimal wurde Finnland Pisa-Weltmeister. Wie machen die Finnen das bloß? Sie geben Kinder mit Lernproblemen nicht einfach auf - sofort rückt eine Art Schlechte-Schüler-Feuerwehr aus und leistet erste Hilfe. "Keiner darf zurückbleiben", lautet das Erfolgsmotto für das kluge System pädagogischer Fürsorge.

Von , Helsinki


Pisa-Test: Kein Grund zur Verzweiflung
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Pisa-Test: Kein Grund zur Verzweiflung

Shigeo Yoshikawa erschrak. Da war der Beamte aus dem japanischen Ministerium für Bildung und Technologie so selbstbewusst nach Helsinki gefahren. Denn Japans 15-jährige Schüler gehören zu den wenigen auf dem Globus, die mit den Pisaleistungen der jungen Finnen mithalten können. Doch nun das: Yoshikawa sah, wie weit Nippons Nachwuchs hinter dem Finnlands zurückliegt. "Das Verhältnis zwischen den finnischen Lehrern und ihren Schülern ist offenbar sehr gut", spekulierte er. In Japan, so gestand der hohe Schulbeamte, seien viele Lehrer sehr streng. Vielleicht zu streng?

Wie Yoshikawa ging es vielen Schulexperten, die letzte Woche zu einer internationalen Konferenz über die Erfolgsursachen des notorischen Pisaweltmeisters Finnland anreisten. Egal ob die eifersüchtigen skandinavischen Nachbarn, die Finnland-Kopierer aus Polen, die niederländische und koreanische Pisa-Konkurrenz, die desinteressierten Amerikaner oder die Schulneurotiker aus Deutschland - sie alle erkennen die Leistungen der jungen Finnen an. Aber sie fragen stets, wie sehr das Schulsystem des bildungsverrückten Fünf-Millionenvolks mit ihrem eigentlich vergleichbar ist. Und übertragbar.

"Ich glaube, das finnische Schulmodell ist gar nicht so außergewöhnlich", mäkelte etwa Andy Cawthera, Schulaufsichtsbeamter aus dem Königreich, das unter Tony Blair Bildung, Bildung und nochmals Bildung zu einem Megathema seiner Reformpolitik erklärt hat - mit mäßigem Erfolg.

"Zu viel Türklinkenpädagogik"

Die größte Kritik kam von den Finnen selber. "Wir sind oft ziemlich faul", widersprach eine Lehrerin dem seit der ersten Pisastudie 2000 umgehenden Gerücht von den finnischen Wunderpädagogen. "Es gibt zu viel Türklinkenpädagogik", rügte ein Schulbeamter, "man überlegt sich erst vor der Tür, was man in der Klasse machen will." Und Jukka Sarjala, der Ex-Chef der zentralen Unterrichtsbehörde Opetushallitus sagte: "Viele Lehrer sind Sklaven ihrer Textbücher. Wir müssen noch viel freier im Unterricht werden."

Pisa-Studie der OECD 2003
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Fach Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

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Was selbst der kritische Sarjala und der britische Schulinspektor anerkennen, sind Finnlands Erfolge bei schlechten Schülern. Die Finnen sind nicht die Weltmeister des internationalen Schulvergleichs Pisa, in Wahrheit sind sie die unbestrittenen Champions der unteren Zehntausend.

Was die Finnen anders machen: Eine Art Schlechte-Schüler-Feuerwehr rückt immer dann aus, wenn ein Schüler Probleme beim Lernfortschritt hat. Deswegen liefern nirgendwo auf der Welt Schüler mit Leistungsdefiziten so gute Ergebnisse ab wie die zwischen Lappland, Karelien und der Baltischen See im Süden. "Ich glaube, das ist der Grund für unseren Erfolg bei Pisa", sagt Pirjo Koivula, die Finnlands Schülerfeuerwehr organisiert.

"She, not he", ruft Anna Ikonen ins Klassenzimmer. Die Fachlehrerin übt Englisch mit ihren Schülern. "Es geht zäh voran", seufzt sie. Jeder Dritte der Jakomäki-Schule in dem nordöstlichen Vorort Helsinkis ist Zuwanderer. Die 31-jährige Lehrerin spielt Lernfeuerwehr, und heute dabei sind Dego und Muhamud aus Somalia, Jo von den Philippinen, Lilian aus Angola, Alexandra aus Estland und Neige aus dem. Während der Rest der Klasse normalen Unterricht hat, pauken die sechs Schützlinge Ikonens im Spezialkurs.

Andere Lenrphilosophie: Anna Ikonen und ihre Schützlinge
Christian Füller

Andere Lenrphilosophie: Anna Ikonen und ihre Schützlinge

"Die Lernphilosophie hier ist eine andere", sagt Ikonen. "Wenn ein Schüler etwas nicht schafft, dann wird es nicht auf ihn geschoben." Stattdessen ist dann der Lehrer an der Reihe: Er kann die Gruppe verkleinern. Er muss den Unterricht interessanter machen. Er soll anderes Material verwenden. Nur eins darf er nicht - dem Lernenden die Schuld geben.

"Die Schüler werden niemals allein gelassen, niemals", sagt Anna Ikonen. Sie weiß, wovon sie spricht. Viermal die Woche gibt sie Einzelunterricht - zuhause bei einer 15-jährigen, die für einige Wochen vom Unterricht suspendiert wurde, weil sie eine Lehrerin geschlagen hatte.

Die staatlich organisierte Nachhilfe für Schüler mit Schwierigkeiten hat in Finnland drei Stufen. Auf der ersten kümmert sich der Klassenlehrer intensiver um die Nachzügler, meist innerhalb der Klasse. Die zweite Stufe greift bei Schülern, die - so das Gesetz - zeitweise ein "Bedürfnis zu sonderpädagogischem Lernen" haben. Sie erhalten dann Spezialunterricht außerhalb der Klasse, entweder einzeln oder in einer kleinen Gruppe. Meist ist ein Sonderpädagoge dabei. Ein Fünftel der finnischen Schüler kommt in den Genuss dieser Förderung, die vorwiegend in den für den Start ins Schulleben wichtigen ersten beiden Jahrgängen stattfindet.

Glückliche Finnen: Integration ist Alltag

Die dritte Stufe der Schülerfeuerwehr heißt: Der Schüler bekommt dauerhaft sonderpädagogische Betreuung, Lehrer und Lernpsychologen entwerfen einen individuellen Lehrplan. Aber: Auch solche Schüler bleiben prinzipiell in ihrer Klasse. Der Sonderunterricht findet parallel statt, gehalten von einem Speziallehrer.

Welt der Zahlen: Keiner bleibt zurück
DDP

Welt der Zahlen: Keiner bleibt zurück

Zu diesen Spezialisten zählt Maria Klaavu. Sie entwickelt das finnische System bereits weiter und integriert lern- und körperlich behinderte Schüler in normale Schulklassen. Eine Lernform, die es in den meisten Ländern nur als Modellversuch gibt. In Finnland ist das Alltag, die Schuldoktrin: Das gleiche Recht auf Bildung bedeutet, jedem Schüler die für seine Situation besten Ressourcen und Lehrer zur Verfügung zu stellen. "Keiner darf zurückbleiben!", so lautet der gesellschaftlich anerkannte Slogan dazu.

Maria Klaavu ist Sonderpädagogin an der Ahvenisjärvi-Schule in Tampere. Ihre Art der Unterrichtsorganisation ähnelt mehr der einer Managerin von moderner Gruppenarbeit. Jeden Tag stellt sie ihre Schützlinge neu zusammen: Nach fachlicher Kompetenz, nach sozialen Fähigkeiten - und nach Temperament. Je nachdem, welches Problem gerade zu lösen ist. Ausgehend von einer "Muttergruppe", der so genannten Familie, wechseln die Lerngruppen immer wieder.

Fürsorge als pädagogisches Arbeitsethos

Allerdings will Maria Klaavu nicht das finnische Sozialprodukt steigern. Ihr Arbeitsethos ist nicht von Effizienz bestimmt, sondern von Fürsorge. Alle Aufmerksamkeit gehört Schülern mit Lernschwierigkeiten wie Mia, 8.

Als Mia in die erste Klasse kam, konnte sie gerade mal ihren Namen sagen. Sie konnte nicht richtig sprechen, während viele andere der siebenjährigen ABC-Schützen schon schreiben können. Mia musste zunächst in kleinen Gruppen lernen. In Finnisch in einer anderen als in Mathe, oft mit wechselnden Mitschülerinnen. "Inzwischen ist Mia so weit, dass sie in einer größeren Gruppe arbeiten kann", erzählt ihre Lehrerin.

In Deutschland wäre Mia der Anschluss an ihre Klasse wohl nicht gelungen. Einen Spezialunterricht bekommen auch deutsche Schüler mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten - aber in Sonderschulen, aus denen sie meist nicht wieder herauskommen. Kein Wunder, dass Deutschlands schlechte Schüler bei Pisa 20 Prozent unter dem OECD-Schnitt lagen. Die Finnen dagegen waren in dieser Gruppe um 80 Prozent über dem Durchschnitt.



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