Schülerproteste in den USA "Da kommt etwas Großes auf uns zu"

Überlebende des Schulmassakers in Florida engagieren sich entschlossen für schärfere Waffengesetze. Die Zahl der Unterstützer wächst rasant. Die Gegenspieler diffamieren die jungen Aktivisten als gekaufte Statisten.

Waffenproteste in den USA
AFP

Waffenproteste in den USA


Es geht ihnen nicht mehr nur um eine Schule in den USA, es geht um alle. "Never again!", "MarchForOurLives": Unter diesen Slogans schließen sich in sozialen Netzwerken gerade Zehntausende Schüler zusammen. Sie fordern schärfere Waffengesetze.

In Florida sind sie damit vorerst gescheitert: Das Parlament hat ein schärferes Waffenrecht mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Zuhörende Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School brachen in Tränen aus. Dort wurden in der vergangenen Woche 17 Menschen erschossen.

Doch die jungen Aktivisten geben nicht auf. An diesem Mittwoch wollen Überlebende der High School-Attacke in Floridas Hauptstadt für schärfere Gesetze demonstrieren. In verschiedenen anderen Bundesstaaten kündigten Schüler Streiks mit dem gleichen Ziel an. Für Ende März planen Schüler eine Großdemonstration in Washington.

Die Entrüstung über die Entscheidung des Parlaments von Florida ist auch in sozialen Netzwerken groß: "Wie konnten sie uns das antun? Verarscht ihr mich? Wir werden das bei den anstehenden Zwischenwahlen nicht vergessen. Die Wut, die ich fühle, ist unbeschreiblich", schreibt Emma Gonzalez auf Twitter. Sie ist zum Gesicht der Proteste geworden, nachdem sie US-Präsident Donald Trump scharf kritisiert hatte.

imago/ ZUMA Press

Im November stehen in den USA Zwischenwahlen an, bei denen etwa ein Drittel der Senatoren und das gesamte Repräsentantenhaus sowie die Gouverneure neu bestimmt werden. Auch die meisten Parlamente der Bundesstaaten werden gewählt.

Hier lesen Sie weitere Reaktionen aus den sozialen Netzwerken:

Einige der Aktivisten sind inzwischen selbst in die Kritik geraten. Ihre Gegenspieler behaupten, die jungen Leute seien gar keine Schüler, sondern Schauspieler. Der Mitarbeiter eines Politikers wurde daraufhin gefeuert. Benjamin Kelly hatte unter anderem in einer E-Mail an einen Journalisten behauptet, die Jugendlichen würden gezielt zu Krisen fahren. Sie seien gar keine Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School.

Kelly arbeitete zu dem Zeitpunkt für den Republikaner Shawn Harrison, der im Repräsentantenhaus von Florida sitzt. Die Mail kam offenbar von Kellys offiziellem Account. Er zeigt sich inzwischen reumütig. "Ich habe einen Fehler gemacht, als ich versuchte, einem Reporter Informationen über eine Schulschießerei mitzuteilen. Das lag nicht in meiner Verantwortung. Ich wollte gegenüber den Schülern und Eltern von Parkland nicht respektlos erscheinen", schreibt er in einer Stellungnahme.

"Ich bin kein Schauspieler"

David Hogg ist einer der Schüler, gegen den sich die Anschuldigungen richten. Er hatte noch während des Amoklaufs in Florida Videos seiner Klassenkameraden gemacht. "Ich bin kein Krisen-Schauspieler. Ich handele nicht im Auftrag von anderen", sagte Hogg dem Fernsehsender CNN.

Die jungen Anti-Waffen-Aktivisten erhalten inzwischen prominente Unterstützung: Schauspieler George Clooney, Star-Regisseur Steven Spielberg, US-Talkqueen Oprah Winfrey und der Produzent und Ex-Disney-Chef Jeffrey Katzenberg kündigten Spenden an, insgesamt umgerechnet 1,6 Millionen Euro für die geplante Großdemonstration.

Scott Pappalardo

Verteidiger der laschen Waffengesetze behaupten derweil, nicht Waffen trügen die Hauptschuld für das Massaker, sondern das FBI. Anfang Januar hatte ein Anrufer das FBI gewarnt, der 19-Jährige plane offenbar einen Angriff auf seine Schule. Auch die örtliche Polizei wusste von dem Aggressionspotenzial des jungen Mannes: Seine Mutter hatte wegen seiner Gewaltausbrüche mehrmals die Polizei gerufen.

Die US-Waffenlobby bemüht sich indes um ein positiveres Image. Auf Twitter verbreiten sich Geschichten bewaffneter Zivilisten, die anderen das Leben gerettet haben sollen.

Donald Trump will sich am Nachmittag (Ortszeit) mit Schülern und Lehrern treffen. Laut seiner Sprecherin Sarah Sanders sollen auch Menschen aus Parkland dabei sein sowie Betroffene der Schulmassaker von Columbine und Newtown.

In Columbine hatten 1999 zwei Täter zwölf Schüler einer Highschool, einen Lehrer und sich selbst getötet. In Newtown erschoss ein Mann 2012 erst seine Mutter und dann an der Sandy Hook Grundschule 20 Kinder, sechs Angestellte und sich selbst.

US-Präsident Trump hat bislang lediglich das Justizministerium aufgefordert, ein Verbot von Schnellfeuerkolben zu prüfen. Mit ihnen können halbautomatische Waffen so schnell schießen wie Maschinengewehre. Das Justizministerium selbst kann ein solches Verbot aber höchstens empfehlen und nicht durchsetzen. Das sei Aufgabe des Gesetzgebers, hatte das Justizministerium bereits in der Vergangenheit mehrfach betont.

koe

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Kanalysiert 21.02.2018
1. Money makes the world go round...
Selten haben mich Menschen so angewidert wie diese ganzen Waffenbekloppten mitsamt dem Big Business der Hersteller und der unterstützenden NRA. Nach fast einer Dekade an Ost- und Westküste muss ich aber auch anmerken, dass man all diese Waffen nie mehr wegbekommt, da fast jeder Haushalt voll damit ist. Die Gründungsväter sprachen damals von Musketen, die man nach einem Schuss wieder neu laden musste und haben sicherlich nicht an diese autmatischen Dauerballermonstrositäten gedacht, als das Amendment verfasst wurde. Und die Leute glauben wirklich, dass sie das Recht hätten, sich mit Schusswaffen bis an die Zähne zu bewaffnen, weil ja angeblich nur ein "good guy with a gun" benötigt werden würde, um einen "bad guy" auszuschalten. Leider töten diese selbsternannten Helden aber idR nur Unschuldige und oft auch Kinder, die man aus Versehen für einen Trespasser hält - bei manchen reicht es auch, dass sie African-American sind und zack, zieht der ach so reine Weiße (Rassist) den Abzug mal "preventive" durch. Mein Onkel, der total friedfertig ist, hat zB auch Massen an Waffen zuhause und meint tatsächlich, dass er dieses Arsenal zum Eigenschutz braucht. So ein Blödsinn, denn mit all dem Kram könnte er die ganze Community wegballern, das hat mit Eigenschutz gegen Eindringlinge absolut nichts mehr zu tun. Aber die Waffenfans sind taub gegenüber Argumenten, sie pochen argumentbefreit auf ihr Recht, all diese Knarren zu behalten. Too big to fail, irreversible. Und tragisch.
Papazaca 21.02.2018
2. Ich hoffe sehr, das ALLE Schüler sich wehren.
In den USA wie auch hier im Forum sind alle möglichen Fachleute, Waffenfachleute und USA-Spezialisten. Wenn es nach denen gehen würde, wäre die Erde immer noch eine Scheibe und nichts würde sich ändern. Wie hoffnungsvoll. Jetzt wird erst richtig klar, das Jugend Hoffnung bedeutet und Alter oft der Abschied von Utopien und illusionen, gepaart mit einer zunehmenderen konservativen Einstellung. Da kann ich gut verstehen, das kaum jemand älter werden will.
bigroyaleddi 21.02.2018
3. Ich begreife die Amis schon seit langem nicht mehr
Ich schätze, bis ich meinen Weg in die Grube antrete, werden noch tausende Amerikaner Opfer von irgendwelchen bewaffneten Idioten werden. Es passiert doch immer wieder, aber statt gegenzusteuern, werden die Waffengesetze noch weiter liberalisiert. Ich kann nich erkennen, dass sich zu meinen Lebzeiten da noch irgendwas grundlegend ändern könnte. Interessant ist ja die floridianische Diskussion wegen der gesundheitlichen Schädlichkeit von Pornografie. Schäden durch frei erhältliche Schusswaffen gehören nach deren Verständnisnicht in den Bereich von Gesundheit. Armes Amerika, das werden die nie in den Griff bekommen. Eher rotten die sich vorher noch aus.
erich.scheuch 21.02.2018
4. Nicht tausende,
Zitat von bigroyaleddiIch schätze, bis ich meinen Weg in die Grube antrete, werden noch tausende Amerikaner Opfer von irgendwelchen bewaffneten Idioten werden. Es passiert doch immer wieder, aber statt gegenzusteuern, werden die Waffengesetze noch weiter liberalisiert. Ich kann nich erkennen, dass sich zu meinen Lebzeiten da noch irgendwas grundlegend ändern könnte. Interessant ist ja die floridianische Diskussion wegen der gesundheitlichen Schädlichkeit von Pornografie. Schäden durch frei erhältliche Schusswaffen gehören nach deren Verständnisnicht in den Bereich von Gesundheit. Armes Amerika, das werden die nie in den Griff bekommen. Eher rotten die sich vorher noch aus.
sondern Zehntausende. Außer sie leben noch weniger als 2 Jahre. Jedes Jahr sterben pro Tag etwa 89 Tote durch Schusswaffen in den USA. 365x89 = 31025. Seit 1965 sind in der USA mehr Menschen durch US Bürger mit Schusswaffen getötet worden. Als in allen Kriegen der USA seit Ihrer Gründung.
mueller23 21.02.2018
5. Es gibt noch Hoffnung
Ich hatte schon befürchtet, die US-amerikanische Jugend wäre von TV-Berieselung und Social Media bereits voll verunklugt worden. Nach meiner Einschätzung hat ein Achtjähriger in den USA bereits mehr als 1000 Morde im TV gesehen. Gibt es dazu aktuelle Statistk? Die TV-Sender, auch Hollywood, sollten sich vielleicht mal fragen, ob das Sinn macht, den Einsatz von Waffen zu glorifizieren. Ich wünsche den Schülern, die nun auch finanzielle Unterstützung von einigen Prominenten erhalten, viel Glück, vielleicht entsteht daraus eine massive Bürgerbewegung. Die alten Säcke tun es nicht, gesellschaftliche Veränderungen gehen oft von der Jugend aus, und das ist auch gut so.
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