Flüchtling in deutscher Gastfamilie Vater, Mutter, Kind auf Zeit

Farschid, 17, Waise, floh allein nach Deutschland. Bei schwäbischen Pflegeeltern hat er ein Zuhause gefunden. Und darf endlich tun, was in seiner Heimat Afghanistan nicht möglich war.

Flüchtling Farschid wohnt jetzt bei Mabel Engler und Peter Grunwald in Biberach
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Flüchtling Farschid wohnt jetzt bei Mabel Engler und Peter Grunwald in Biberach


Was will Farschid in Deutschland machen? "Lernen, lernen, lernen", sagt der 17-jährige Afghane. Erst seit gut drei Monaten ist er hier, doch er kann sich schon verständigen. "Ich liebe es, Deutsch zu sprechen", sagt er.

Farschid, der eigentlich anders heißt, kam vor fünf Wochen bei Mabel Engler und Peter Grunwald in Biberach bei Ulm unter. Nun sitzt er im Café seiner Zieheltern in der Altstadt. Draußen ist es nasskalt, doch er trägt Flipflops an den nackten Füßen. Aus Afghanistan ist er heftigere Kälte gewöhnt.

Der junge Afghane ist einer von gut 60.000 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland. Seine Eltern und sein großer Bruder seien bei Angriffen der Taliban getötet worden, erzählt Farschid.

Eine Schule hatte er in seiner Heimat nur kurz besucht. Seit er zehn Jahre alt war, ging er arbeiten. Von seiner Schufterei in einer Glasfabrik in Iran sind ihm Narben an Händen und Armen geblieben. Mit Geld von seinem Onkel machte er sich schließlich auf den beschwerlichen Weg nach Europa.

In Biberach kann Farschid endlich wieder zur Schule gehen. Und er lernt auch außerhalb des Unterrichts weiter: "Er hat immer seinen Block dabei. Wenn wir gemeinsam essen, liegt er daneben", sagt Pflegemutter Engler.

Das Leben in der Gastfamilie soll ihm Halt geben. Es stellt aber auch Ansprüche an alle Seiten. "Man muss sich auf jemanden einlassen können", sagt Engler. Vieles seien die jungen Flüchtlinge nicht gewöhnt: den Überfluss, die Regeln, das Familienbild.

Verschiedene Kulturen - oder einfach die Pubertät

In Afghanistan aß Farschid dreimal am Tag Brot, mal mit etwas Tee, mal mit einer Kartoffel. Engler: "Wie soll ich erklären, dass es hier Taschentücher, Toilettenpapier und Küchenrolle gibt?"

Es gab ein Gespräch mit Farschid, dem Jugendamt und einem Dolmetscher. Dann zog der Junge ein. Nun wollen Engler und Grunwald ihrem Ziehsohn Struktur bieten. Er soll auch Kontakte knüpfen und die deutsche Gesellschaft kennenlernen. Neben der Schule haben sie für ihn Gitarrenunterricht und Karatetraining organisiert. Auch beim Improvisationstheater soll er mitmachen.

Für Engler und Grunwald hat die Hilfe auch eine moralische Komponente. Deutschland trage die Schuld an viel Leid in der Welt, sagt Grunwald. Die leiblichen Kinder des Paars sind erwachsen und stehen auf eigenen Beinen. Das sei die ideale Konstellation, sagt Carmen Thiele, Referentin beim Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien: Die Eltern profitieren von ihrer Erfahrung, müssen sich aber nicht mehr um die eigenen Kinder kümmern.

Reibungspunkte könnten die unterschiedlichen Kulturkreise sein - und schlicht die Pubertät. "Die Dankbarkeit steht nicht jedem ins Gesicht geschrieben", sagt Engler. Doch mit Farschid ist es einfach. Er hilft eifrig im Haushalt, kümmert sich um die Hunde, zeigt sich erkenntlich. Fünfmal am Tag betet der gläubige Muslim. Höflich hatte er zu Beginn gefragt, ob das ein Problem sei.

Am 1. Januar wird Farschid 18, auf dem Papier. Seinen echten Geburtstag kennt er nicht. Farschid hat eine Duldung, er kann in Deutschland bleiben. Doch die meisten jungen Flüchtlinge verlassen ihre Gastfamilie wieder, wenn sie volljährig werden. Engler sagt: "Das Gehen muss man aushalten."

Kim Alexander Zickenheiner/dpa/lov



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