Flüchtlinge an Schulen Wie Apartheid

An vielen Schulen bleiben junge Flüchtlinge und andere Migranten unter sich. Was bedeutet das für den Lernerfolg, die Integration? Eine Studie liefert Einblicke.

Migranten in einer Schule in Ravensburg
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Migranten in einer Schule in Ravensburg

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Es gibt natürlich Extremfälle, den Hamburger Stadtteil Billbrook zum Beispiel. 98 Prozent der dort lebenden Kinder und Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund, viele von ihnen kamen erst in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland. Nun leben sie in diesem unwirtlichen Viertel, das als sozialer Brennpunkt gilt. Ihre Lage ist vergleichsweise perspektivlos.

Der Fall Billbrook ist krass, eine krasse Ausnahme aber ist er nicht. In etlichen Schulen im Land hat die Mehrheit der Schüler einen Migrationshintergrund, viele sind zugleich sozial benachteiligt. Das ist eines der Ergebnisse einer neuen Studie des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Die Forscher sind am Beispiel von 56 sogenannten segregierten Schulen der Frage nachgegangen, welche Chancen und Risiken sich für die 130.000 jugendlichen Flüchtlinge ergeben, die das deutsche Schulsystem seit 2015 aufgenommen hat. Dazu befragten die Wissenschaftler Dutzende Lehrer an solchen Schulen und werteten die Ergebnisse systematisch aus.

Details zur Erhebung
Wer wurde befragt?
Die Forscher wendeten sich im Mai und Juni 2017 an 62 sogenannte Teach-First-Fellows im zweiten Dienstjahr sowie 90 Fellows im ersten Dienstjahr. Diese Lehrer gehören zur gemeinnützigen Bildungsinitiative Teach First, die sich seit knapp zehn Jahren an segregierten Schulen engagiert - etwa in Vorbereitungsklassen von Flüchtlingen.
Ist die Umfrage repräsentativ?
Nein, jedenfalls nicht für die gesamte deutsche Bildungslandschaft. Sie liefert jedoch einen gezielten Einblick in den Schulalltag von Flüchtlingen an segregierten Großstadtschulen in fünf Bundesländern: Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Die Rücklaufquote bei der Erhebung betrug 43,4 Prozent.
Wie wurde befragt?
Die Teilnehmer erhielten alle den gleichen Onlinefragebogen mit 45 geschlossenen und drei offenen Fragen. Übermittelt wurden die Fragebögen per E-Mail von der Leitung von Teach First Germany.
Welche Unternehmen waren an der Umfrage beteiligt?
Direkt involviert waren keine Unternehmen. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, dessen Forschungsbereich diese Studie verantwortet, ist eine Initiative von sieben deutschen Stiftungen: Robert Bosch Stiftung, Volkswagen Stiftung, Freudenberg Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft sowie die Stiftung Mercator. Letztere hat diese Studie gefördert.
Gab es Qualitätskontrollen?
Die Verständlichkeit der Fragen wurde mit Expertengesprächen und einem quantitativen Pretest vorab geprüft. Zudem hatte die Analyse einer Vorabbefragung ergeben, dass sich die Fellows in ihren Einstellungen kaum von gleichaltrigen Akademikern unterschieden. Ein ergänzender Methodenbericht stellt die Teilergebnisse der Studie ausführlich dar, er ist hier abrufbar.

Die Ausgangslage

Obwohl Zehntausende Flüchtlinge deutsche Schulen besuchen, haben viele von ihnen kaum Kontakt zu gleichaltrigen Einheimischen ohne Migrationshintergrund. "Schuld daran ist die Segregation, die sich in der deutschen Schullandschaft seit Jahren abzeichnet", schreiben die Forscher. Sie sprechen von "segregierten Schulen", in denen mehr als 50 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben.

Demnach gibt es zwar Regeln, die den Unterricht in reinen "Ausländerklassen" verbieten - oft brächten diese aber nichts oder würden mit Sonderregelungen außer Kraft gesetzt (mehr über "Apartheidsschulen" erfahren Sie hier). Vor allem in Ballungsräumen sitzen in Klassenzimmern immer häufiger mehrheitlich Schüler, die selbst oder deren Eltern zugewandert sind.

Besonders schwierig ist diese Situation für Jugendliche an weiterführenden Schulen: Anders als Kindern fällt Teenagern das Erlernen der deutschen Sprache schwer, viele sind von Krieg und Flucht traumatisiert, erleben die Pubertät in einem kulturell fremden Umfeld und müssen zudem viel Verantwortung in der Familie übernehmen.

Die Chancen

Ein grundsätzliches Problem sind den Forschern zufolge die segregierten Schulen aber nicht - "zumal sie im Umgang mit Zuwanderung und sprachlicher Vielfalt langjährige Erfahrung haben".

So berichteten 60 Prozent der befragten Lehrer, dass ein Großteil ihrer Schüler nach der Vorbereitungsklasse für Flüchtlinge zum Regelunterricht der Schule wechselt - und dort erreiche jeder Zweite schon nach kurzer Zeit beträchtliche Erfolge. Das liegt demnach vor allem an ihrem Lerneifer und der Vorbildung.

Die Probleme

Dennoch ist das Lernniveau in segregierten Schulen häufig niedrig, wie die Wissenschaftler schreiben. Das liege unter anderem daran, dass viele Schüler "sozial benachteiligt, konfliktbelastet, nicht selten leistungsschwach und zum Teil verhaltensauffällig" seien. "Diese Lernhindernisse", heißt es weiter, "könnten auch die zukünftigen Bildungsbiografien vieler junger Flüchtlinge prägen."

Bedenklich ist den Forschern zufolge, dass:

  • junge Flüchtlinge in der Schule kaum Anschluss an Einheimische finden;
  • im Regelunterricht Flüchtlinge nur selten individuell unterstützt werden;
  • viele Lehrer ihre Förderung kaum untereinander absprechen.

"Die Fellows", so heißt es in dem Bericht, "berichten von zahlreichen Jugendlichen, die deshalb in den nächsten Jahren Gefahr laufen, im Schulbetrieb 'unterzugehen'."

Die Perspektiven

Gerade für diese Risikofälle fordern die befragten Lehrer deutlich mehr Förderung - sprachlich, pädagogisch, fachlich, psychologisch. Um das zu schaffen, drängen die Wissenschaftler auf grundsätzliche Reformen:

  • Schon angehende Lehrer müssten speziell für den Umgang mit kultureller Vielfalt und Sprachproblemen geschult werden und sich spezialisieren können.
  • Lehrern müssten mehr Fortbildungen angeboten werden, etwa zu Migration und den psychischen Folgen einer Flucht.
  • Segregierte Schulen müssten mehr Geld erhalten, zudem müsse neues Personal nach individuellem Bedarf je Schule sinnvoller verteilt werden.
  • Flüchtlinge dürften nicht nur nach Alter und Kapazitäten einer Schule zugewiesen werden - auch Faktoren wie die kulturelle Zusammensetzung der Schülerschaft müssten berücksichtigt werden.

Ganz neu ist die Debatte nicht, seit Jahren kursieren Ideen wie eine "Migrantenquote" pro Klasse oder die Aufhebung der Schulpflicht für Flüchtlingskinder - während Experten wahlweise auf rein pädagogische Konzepte oder eine stringente Durchmischung von Schulklassen setzen. Inzwischen jedoch drängt die Zeit.

Denn die tatsächlichen Auswirkungen segregierter Schulen sind bislang nur bedingt spürbar, wie die Forscher schreiben: Ein Großteil der jugendlichen Flüchtlinge besucht noch die Vorbereitungsklassen, weshalb viele wenig Kontakt zu einheimischen Schülern haben. Schon in den nächsten Monaten aber werden viele dieser Flüchtlinge in reguläre Klassen wechseln - und immer mehr Lehrer vor große Herausforderungen und eine wichtige Frage stellen: Wie gelingt die Integration im Klassenzimmer?

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