Schule in französischem Flüchtlingslager Tags Unterricht, nachts Tränengas

Der Schulhof: schlammige Erde. Das Klassenzimmer: eine Bretterbude. Doch für Kinder ist die Schule im Flüchtlingslager von Calais in Nordfrankreich ein Ort der Freude. Wie kann das gelingen?

Aus Calais berichtet


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In einem Schuppen aus billigem Holz und Plastik bekommt Honya, 10, immer wieder für eine kleine Weile ihre Kindheit zurück. In dem Schuppen darf das irakische Mädchen malen, singen, kneten und Schokolade essen. So wie es französische Kinder in dem Alter tun. Und Honya kann vergessen, dass sie nun auf einer alten Mülldeponie wohnt, zwischen dornigen Büschen, und dass der Krieg ihre Heimat zerstört.

Der Schuppen ist aus Brettern gezimmert und zum Schutz vor dem Regen mit Plastikplanen bedeckt. Er steht im Flüchtlingslager am Rand von Calais, einer Hafenstadt im Norden Frankreichs. An der Tür hängen Schilder in sechs Sprachen, damit jeder begreift, dass das hier kein normaler Schuppen ist: "École" und "School" steht drauf und dasselbe in Kurdisch, Arabisch, Paschtu und Urdu. Auf den Schildern glänzen Regentropfen.

Honya sitzt im Schuppen an einem Tisch, ihre Füße stecken in Gummistiefeln, die ein paar Nummern zu groß sind. Draußen steht der Schlamm fast knöcheltief. Regen prasselt auf die Hütte, der Wind zerrt an den Planen. "Les yeux, le nez", sagt die freundliche, blonde Lehrerin, "die Augen, die Nase". Honya spricht die Worte nach, und zwei Grübchen entstehen auf ihren Wangen, als sie lächelt.

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Flüchtlingsschule in Calais: Lernen in der Bretterbude
Honya lebt seit ein paar Wochen im Camp. "Es ist kalt und nass hier", sagt sie. "Doch die Schule mag ich." Französisch ist für sie eine Abwechslung vom öden Lagerleben. Mehr nicht. Denn ihre Zukunft soll woanders spielen. "Ich möchte nach England gehen", sagt die Zehnjährige. Sie weiß genau, in welche Stadt: Bolton. "Meine Tante wohnt dort." Honyas Familie kommt aus dem kurdischen Teil des Irak, und Bolton soll ihr neues Zuhause werden.

Honya träumt, wovon fast alle hier im Lager träumen: von einem Leben in Großbritannien, von Asyl, Arbeit, Frieden. Doch seit Jahren ist Calais für Flüchtlinge eine Sackgasse, das Ende ihrer Träume. Denn Großbritannien schottet sich ab, investiert Millionen in noch mehr Zäune, Kameras, Spürhunde, in Abschreckung und Härte. Nur die wenigsten schaffen es über den Ärmelkanal.

Trotzdem riskieren Flüchtlinge jede Nacht dafür erneut ihr Leben. Sie versuchen, in Autos, Züge und Lastwagen zu kommen, die rüber nach England fahren. Manche versuchen zu schwimmen oder durch den Tunnel zu laufen, auch wenn das lebensgefährlich ist. Die Menschen aus Eritrea, dem Sudan, Syrien, Afghanistan sind so weit geflüchtet. 50 Kilometer vor dem Ziel wollen sie nicht aufgeben.

Irgendwann schwindet jedoch die Hoffnung. Fast 6000 Menschen sollen im Camp gestrandet sein, das alle nur "den Dschungel" nennen, weil die Flüchtlinge in Calais früher auf sich allein gestellt waren. Inzwischen haben sie zusammen mit Hilfsorganisationen und Freiwilligen das Lagerleben ganz gut organisiert, es gibt Läden, Restaurants, eine Kirche, Moscheen, eine Bibliothek.

Doch all das ist provisorisch - und soll es nach dem Willen der Behörden auch bleiben. Seit den Neunzigerjahren haben sie Flüchtlingslager in Calais wiederholt mit Bulldozern plattgemacht, die dann an anderen Stellen neu entstanden.

Im "Dschungel" leben vor allem Männer, aber auch immer mehr Familien. Sie können die gefährlichen nächtlichen Touren an die Autobahnen und Gleise nicht wagen. Sie können nur warten. Darauf, dass die britische Regierung ihre Haltung ändert und die Grenze öffnet.

Zimako Mel Jones weiß, wie verzweifelt diese Hoffnung ist. "Menschen kommen hier an und sagen: Morgen gehe ich nach Großbritannien", erzählt der 27-jährige Nigerianer, der die Schule gegründet hat. "Monate später sind sie immer noch hier."

Ein Ort, an dem alle Menschen willkommen sind

Jones weiß auch, wie es sich anfühlt, unerwünscht zu sein. Er floh 2010 aus Nigeria. "Verfolgt", sagt er und verrät nicht, was ihn von seiner Heimat wegtrieb. Doch anders als die meisten Vertriebenen ist er in Frankreich angekommen, hat die Sprache gelernt, Asyl beantragt. Seit mehreren Monaten lebt er im "Dschungel".

Im Juni eröffnete Jones dort die "Laizistische Schule am Dünenweg". Weil er so schlecht untätig herumsitzen kann. Und er wollte in diesem Lager einen Ort erschaffen, an dem alle Menschen willkommen sind, egal woher sie stammen:

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Der frühere Hotelrezeptionist hat mit Brettern, Spenden und freiwilligen Helfern zwei Klassenräume zusammengezimmert, einen für Kinder und einen für Erwachsene, eine winzige Klinik und drei Schlafräume für ehrenamtliche Lehrer aus aller Welt. Derzeit werkelt er mit zwei deutschen Studentinnen am neuen Aufenthaltsraum. Der Generator dröhnt übers Gelände.

Sieben Kinder sind heute zur Schule gekommen. Nathalie Janssens und die anderen Helfer sind eben damit fertig geworden, das Klassenzimmer aufzuräumen. Die Matratze und die Decken: raus. Jones schläft jetzt in einem neuen Schuppen nebenan und nicht mehr in der Klasse auf dem Boden. Die Weihnachtsgirlanden: weg. Der alte Klappstuhl: weg. Das Spielzeug für die Kleinen: alles in einer Ecke.

Nathalie Janssens, 50, eine quirlige Lehrerin aus dem nahen Boulogne-sur-Mer, kommt seit November immer wieder ins Camp, um den Flüchtlingskindern ehrenamtlich etwas beizubringen. Rund 30 Freiwillige unterrichten abwechselnd in der Schule. An fast jedem Wochentag malen sie mit den Kindern und machen Musik und Mathe, üben französische und englische Vokabeln.

Es ist Beschäftigungstherapie, Aufmunterung und zugleich der tapfere Versuch, das staatliche Schulsystem zu ersetzen. "Der Staat tut hier nichts", sagt Janssens. "Ich bin unendlich enttäuscht." Um ihre Kinder in eine französische Schule zu schicken, müssten Flüchtlinge ihr Familienbuch, ihren Ausweis und eine Meldeadresse vorweisen. "Aber hier im Lager haben sie keine Adresse - und wie sollen die Kinder zur Schule kommen?", fragt Janssens.

Stinkende Klos, feindselige Anwohner

Die meisten Flüchtlinge wollen Frankreich schnell verlassen. Und der französische Staat tut seinen Teil, um sie möglichst zu vergraulen. Doch wohin sollen sie gehen? Shadan, 31, aus dem Irak wohnt seit fast drei Monaten im Lager. Ihre Familie hat Glück: Sie muss nicht im Zelt schlafen, sie hat einen Wohnwagen. "Doch ich habe Angst um mein Kind", sagt die Frau mit den grünen Augen und verbirgt ihre Furcht hinter einem Lächeln.

Letzte Nacht ist Shadans Sohn Zaman, ein Jahr und acht Monate alt, wieder aufgewacht. "Seine Augen tränten, er hat gehustet und ein bisschen geweint", sagt Shadan. Tränengas.

Flüchtlinge und Helfer berichten, dass feindselige Anwohner in den vergangenen Nächten Feuerwerkskörper ins Lager geschossen hätten, dorthin, wo die kurdischen Familien schlafen. Und die Polizei schieße Tränengaskartuschen hinterher. "Bereitschaftspolizisten stehen jede Nacht mit Schlagstöcken vor dem Lager", erzählt Rachel, 30, aus Birmingham, die seit vier Monaten im Camp hilft und übernachtet. "Sie sind auch uns Freiwilligen gegenüber sehr aggressiv."

Dabei ist der Alltag im "Dschungel" schon hart genug. Strom gibt es nur aus Generatoren, die Dixi-Klos stinken meterweit, die Zelte, Baracken und Wohnwagen sind nicht beheizt, und wenn es regnet, verwandelt sich der Boden in Morast. Immerhin verteilen Helfer kostenlos Essen und Kleidung.

Ein Gericht hat die Behörden unlängst dazu gezwungen, wenigstens das Müllproblem anzugehen, die Wasserversorgung zu verbessern und die Latrinen regelmäßig zu reinigen. Außerdem haben sie Wohncontainer für 1500 Menschen ins Lager gestellt. Gleichzeitig begann die Polizei in dieser Woche damit, andere Teile des Lagers zu räumen. Die Schule und die Unterkünfte für Familien, die drum herum stehen, sollen aber verschont bleiben. Diesmal.

Doch die Unsicherheit, wie es weitergehen soll, bleibt. Sie ist ein Grund, warum das Unterrichten in Calais schwierig ist. Lehrerin Janssens erklärt, mit was die Kinder noch zu kämpfen haben:

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Honya hat ein paar französische Wörter gelernt, ihren Namen geknetet und ein Stück Apfel gegessen. Nun ist der Unterricht vorbei. Die Kinder stürmen zur Tür hinaus in den Schlamm. "Bis morgen!", ruft eins. "Nicht bis morgen", sagt Janssens. Morgen hat die Lehrerin keine Zeit. Sie gibt Kurse für erwachsene Franzosen, die nicht gut lesen und schreiben können. "Bis nächste Woche", ruft sie dem Kind hinterher.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Gemeinsam einsam
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    Sie kamen allein, aus Afghanistan, Iran oder Eritrea. Jetzt sollen sie sich schnell in die deutsche Gesellschaft einfügen. In einem Wohnheim in Neumünster gehen minderjährige Flüchtlinge durch die harte Schule der Integration.
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