Bundesländer-Vergleich So viele Flüchtlingskinder sind an Deutschlands Schulen

Rund zwei Prozent - so gering ist der Anteil der Flüchtlingskinder an den Schülern in Deutschland. Sie sind jedoch höchst ungleichmäßig verteilt. Hier der Überblick über die Lage in den Bundesländern.

Sprachlernklasse in Niedersachsen
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Sprachlernklasse in Niedersachsen

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Im Sommer, prophezeit Heinz-Peter Meidinger, wird es so weit sein. Spätestens dann wird man "der Notlage nicht mehr ausweichen können". Davon ist der Direktor eines bayerischen Gymnasiums und Chef des Deutschen Philologenverbands, dem 90.000 Lehrer angehören, überzeugt. "Ein weiterhin hoher Zustrom an Flüchtlingskindern kann nicht mehr ins Schulsystem integriert werden" - es sei denn, die Klassen würden größer, die Unterrichtsinhalte weniger, die Lehrerarbeitszeiten erhöht und Ganztag und Inklusion gekürzt. Kurz: Er fürchtet schlimme Folgen für Schulen, Lehrer und Schüler.

In den Jahren 2014 und 2015 sind laut Kultusministerkonferenz (KMK) bereits 325.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche ins deutsche Schulsystem integriert worden. Und noch viele weitere werden kommen.

Die zuständigen Minister und Senatoren der 16 Bundesländer schreckt die Lage jedoch deutlich weniger als Lehrerverbandschef Meidinger. "Das Schulsystem funktioniert, weil Schulen langjährige Erfahrungen im Umgang mit Integration haben", sagt KMK-Sprecher Torsten Heil.

Wie groß ist der Anteil der Flüchtlingskinder an Deutschlands Schulen? Wie werden die Kinder und Jugendlichen, die noch kein Deutsch sprechen, integriert? Wie viele Lehrer werden zusätzlich gebraucht? Diese und weitere Fragen hat SPIEGEL ONLINE den 16 Kultusministerien gestellt.

Die wichtigsten Antworten zusammengefasst:

  • Der Anteil der Flüchtlingskinder an der Gesamtschülerschaft beträgt im Durchschnitt zwei Prozent.
  • Mehr als 12.000 Lehrer wurden bereits zusätzlich eingestellt, weitere sollen dieses und kommendes Jahr folgen.
  • Die Kosten: Die KMK rechnet jährlich mit 2,3 Milliarden Euro zusätzlichen Kosten für die Beschulung der Flüchtlingskinder. Die meisten Länder haben einen Nachtragshaushalt aufgestellt, auch um über das Jahr hinweg neue Lehrer einstellen zu können.
  • Die größten Probleme aus Sicht der Länder: Es werden dringend weitere Lehrkräfte sowie Sozialpädagogen und Fortbildungen für Lehrer benötigt - auch für den Umgang mit traumatisierten Schülern. Großer Mangel herrscht laut KMK-Präsidentin Claudia Bodegan ebenso an Pädagogen mit der Zusatzqualifikation "Deutsch als Fremdsprache".
  • Was gut läuft: Viele Länder teilten mit, dass bisher keine gravierenden Probleme bekannt seien, beziehungsweise, dass die Herausforderungen bewältigt werden könnten. Positive Antworten kamen vor allem aus den neuen Bundesländern wie Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Und Hessen berichtet: "Die Kinder zeigen eine große Lernwilligkeit und machen oft schnelle Erfolge im Spracherwerb."
  • Auf welche Schulen gehen die meisten Flüchtlingskinder? "Die Lehrerinnen und Lehrer an den Hauptschulen schultern derzeit die größte Last der Integration. Denn bisher halten sich die Gymnasien meist zurück, oder die Schulbehörden verhindern, dass diese Flüchtlingskinder aufnehmen", berichtete kürzlich der SPIEGEL.

Für mehr Fakten klicken Sie auf die Bundesländer:

Geflüchtete Kinder und Jugendliche an Schulen in Deutschland
(in Prozent)

Prozentzahl
Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Fluchthintergrund an der Gesamtschülerzahl im Land
Definition Flüchtlingskinder
Ob ein Kind einen Fluchthintergrund hat, wird in den meisten Kultusministerien nicht erfasst, insbesondere nicht, sobald sie in Regelklassen integriert sind. Die Zahlen wurden abgeleitet aus der aktuellen Zahl der Kinder und Jugendlichen mit fehlenden/mangelnden Deutschkenntnissen, also Teilnehmern von Deutsch-als-Zweitsprache-Kursen oder Willkommensklassen und aus Schätzungen auf Basis der Gesamtflüchtlingszahlen in dem Land. Es wird davon ausgegangen, dass die meisten Kinder in Deutschintensivkursen einen Fluchthintergrund haben. Die Lehrereinstellungen beziehen sich zumeist auf die Jahre 2014 und 2015.
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Der prozentuale Anteil bezieht sich auf alle Kinder und Jugendlichen mit Flüchtlingshintergrund, die Ende 2015 in Bayern angekommen sind. Doch nur ein Teil von ihnen ist nach der Verteilung auf die Bundesländer noch in Bayern schulpflichtig; der tatsächliche Prozentsatz ist daher wohl geringer als hier angegeben.
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Im Saarland werden Kinder, deren Familien geflüchtet sind, und Kinder, deren Familien aus EU-Staaten zugewandert sind, gemeinsam erfasst; der tatsächliche Prozentsatz der Kinder mit Fluchthintergrund an der Gesamtschülerschaft ist daher wohl geringer als hier angegeben.
Quellen: eigene Recherchen und Informationen der Kultusministerien
(Februar 2016); Angaben ohne Gewähr
Tatsächlich zeigen Beispiele aus den Ländern, dass die neuen Schüler nicht gleichmäßig auf die Stadtteile und Schulformen verteilt werden. So besuchen laut "Hamburger Abendblatt" überproportional viele Flüchtlingskinder in der Hansestadt Schulen in sozial benachteiligten Gebieten. Und in Rheinland-Pfalz etwa gehen von den Schülern, die in den vergangenen zwei Jahren aus typischen Flüchtlingsstaaten zugewandert sind, jetzt ungefähr knapp die Hälfte auf eine Grundschule, 40 Prozent auf eine Realschule, sechs Prozent auf eine Berufsschule und nur fünf Prozent auf ein Gymnasium.

Hessens Kultusministerium erklärt das Ungleichgewicht so: Zwar sei keine Schulform grundsätzlich vor der Einrichtung einer Intensivklasse ausgenommen, aber die Gesamtschulen seien besonders geeignet, "da nach der Intensivförderung in der Regel hier der weitere Schulbesuch erfolgen kann". Andere begründen die ungleiche Verteilung mit dem reichlich schiefen Argument, wonach Haupt- und Realschulen bereits viel Erfahrung mit der Integration von ausländischen Schülern hätten. Kurz: Die Gymnasiasten in den gut situierten Stadtteilen bleiben zumeist unter sich, die Schulen in den Problemvierteln bekommen durch die neuen Schüler noch mehr Aufgaben zugeteilt, als sie ohnehin schon zu bewältigen haben.

Lehrerverbandschef Meidinger kritisiert die mangelnde Unterstützung aller Schulen: "Während die Bundesländer sich rühmen, so und so viel neue Übergangs- und Willkommensklassen geschaffen zu haben, lassen sie die Regelschulen bei der Betreuung und weiteren sprachlichen Förderung der Flüchtlingskinder völlig allein."

Doch nicht nur die Lehrer sind besorgt, auch Eltern haben offenbar Ängste. Im Kultusministerium in Wiesbaden heißt es: "Die Bereitschaft gerade unter den Schulleitungen und Lehrkräften ist nach wie vor sehr hoch, da in den Intensivsprachklassen auch sehr positive Erfahrungen gesammelt werden. Wir müssen aber auch die Sorgen der anderen Eltern ernst nehmen, die den Lernerfolg ihrer Kinder durch die zunehmenden Aufgaben der Integration gefährdet sehen." Das Ziel sei es daher, bei den Eltern "für Verständnis zu werben".

Der Bildungsdirektor der OECD und Erfinder der Pisa-Studien, Andreas Schleicher, hat weniger Bedenken. Im Gegenteil: Mit der Eingliederung Hunderttausender Flüchtlinge in das Bildungssystem könne Deutschland zum Musterbeispiel für eine erfolgreiche Integration werden, sagt Schleicher. Fachleute aus aller Welt würden kommen, "weil sie von Deutschland lernen können und wollen".

Tipps für Lehrer: "Flüchtlingskinder wollen keine Extrabehandlung"
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