Tipps für Lehrer "Flüchtlingskinder wollen keine Extrabehandlung"

Hunderttausende Flüchtlingskinder besuchen deutsche Schulen. Ihre Integration sei kein Hexenwerk, sagt Sarah Inal aus der Hamburger Flüchtlingsambulanz. Das Wichtigste sind - wie überall - Freundschaften.

Ein Interview von

Schule in NRW: "Viele Lehrer werden alleingelassen, das schürt Angst"
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Schule in NRW: "Viele Lehrer werden alleingelassen, das schürt Angst"


Zur Person
  • Sarah Inal, Jahrgang 1981, ist Pädagogin und traumazentrierte Fachberaterin. Seit 2007 arbeitet sie bei der Stiftung "Children for Tomorrow" in der Flüchtlingsambulanz am UKE Hamburg. Sie berät jugendliche Flüchtlinge und Lehrer. Aus einem Projekt mit Schülern aus Willkommensklassen entwickelte Inal die Grundlagen für ihr Buch "Pädagogische Arbeit mit Migranten- und Flüchtlingskindern: Unterrichtsmodule und psychologische Grundlagen".
  • Website der Stiftung "Children for Tomorrow"
SPIEGEL ONLINE: Viele Lehrer fühlen sich überfordert, wenn Flüchtlingskinder in ihre Klassen kommen. Zu Recht?

Sarah Inal: Ja und nein. Viele Lehrer, die nicht dafür ausgebildet sind, werden von ihren Schulleitungen gezwungen, Klassen mit Flüchtlingskindern zu übernehmen und bekommen nur eine kurze Fortbildung. Sie werden also alleingelassen, und das schürt natürlich Angst. Allerdings weiß ich von meiner Arbeit an Schulen: Mehr als Empathie, Offenheit und Freude über die neuen Schüler brauchen Lehrer erst mal gar nicht. Denn sie haben genug Erfahrung, um nach der für die Kinder häufig schwierigen Anfangsphase zu merken, wenn mit einem Schüler etwas wirklich nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Was macht die Anfangsphase so schwer?

Inal: Die meisten Kinder, die hierher geflüchtet sind, leiden unter starken psychischen Belastungen. Grund dafür ist häufig die Flucht selbst - unabhängig davon, was in ihrem Heimatland passiert ist. So wirkt zum Beispiel die Todesangst während der Überfahrt auf einem Schlauchboot oft lange nach. Und auch das Ankommen hier ist dann meist nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Was enttäuscht die Kinder, wenn sie hier ankommen?

Inal: Viele Familien sind noch lange zerrissen, das Asylverfahren zieht sich hin, die Situation in den Unterkünften ist angespannt. Und dazu die große Unsicherheit über Monate: Werden wir hierbleiben dürfen? Bekommen wir eine Wohnung? Vielen Jugendlichen ist auch nicht klar, dass sie, um Geld verdienen zu können, erst mal zur Schule gehen müssen. Die sind alle sehr motiviert und möchten lernen, wissen aber häufig nicht, wie lange eine gute Ausbildung dauert. Solange sie in den Erstversorgungseinrichtungen wohnen, ist das Leben ein Ausnahmezustand.

Unterricht in einer Sprachlernklasse in Niedersachsen
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Unterricht in einer Sprachlernklasse in Niedersachsen

SPIEGEL ONLINE: Und dazu kommt dann noch der Unterricht in einer fremden Sprache und so viel Neues in der Schule.

Inal: Das ist gar nicht so problematisch, im Gegenteil: Die Schule ist meist ein enorm stabilisierender Faktor im Leben der Kinder. Deshalb ist es in dieser ersten Phase am wichtigsten, dass die Kinder die Schule als einen sicheren Ort wahrnehmen. Ein Ort, an dem es Personen gibt, denen sie vertrauen können, die ihnen zuhören, die bei Schwierigkeiten Lösungen finden. Noten sind in dieser ersten Zeit ziemlich egal. Das Schöne ist ja, dass Kinder die Sprache und alles andere extrem schnell lernen. Gerade bei syrischen Familien erlebe ich, dass die Kinder fast schon überangepasst sind und versuchen, hier alles richtig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennen Lehrer, dass ein Kind ernsthafte Probleme hat, die über die Anfangsschwierigkeiten hinausgehen?

Inal: Typisch sind zum Beispiel Schlafschwierigkeiten. Vielleicht erzählt das Kind nicht von sich aus, dass es nicht einschlafen kann oder Alpträume hat, aber der Lehrer merkt ja, wenn ein Schüler häufig zu spät kommt oder im Unterricht müde ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man bei mehr als 20 Schülern auf den ersten Blick erkennen, ob ein Kind übermüdet oder einfach lustlos ist?

Inal: Eine Lehrerin aus einer Willkommensklasse hat zum Beispiel ein Barometer eingeführt: Die Kinder müssen jeden Morgen vor dem Unterricht auf einer Skala eintragen, ob sie gut geschlafen und gefrühstückt haben und wie es ihnen geht. So können Lehrer beobachten, ob ein langfristiges Problem vorliegt und wie die heutige Stimmung ist. Auch Konzentrationsschwierigkeiten sind ein Symptom und natürlich, wenn Kinder sich zurückziehen, sehr still sind - aber auch das Gegenteil: unkontrollierte Wut. In solchen Fällen sollten die Lehrer mit den Eltern oder bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen mit den Betreuern sprechen, damit durch einen Therapeuten abgeklärt werden kann, ob eine posttraumatische Belastungsstörung vorliegt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Therapie kann mehrere Jahre dauern. Wie können Lehrer im Klassenzimmer mit Aggressivität und unkontrollierter Wut umgehen?

Inal: Es kann helfen, eine Stressskala einzuführen von eins - entspannt - bis zehn - sehr wütend. Wenn der Lehrer merkt, dass es bei einem Kind anfängt zu brodeln, fragt er: Wo stehst du gerade? Ist das Kind schon bei sieben, sollte man es für einen Moment aus der Situation beziehungsweise aus der Klasse rausnehmen, es zum Beispiel einmal um den Schulhof laufen lassen. Gerade für solche Situationen sind zusätzliche Sozialpädagogen in Klassen so wichtig. Und gute Fortbildungen sowie Supervision für die Lehrkräfte.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Lehrer die Mitschüler vorbereiten, bevor Flüchtlingskinder in die Klasse kommen?

Inal: Die Flüchtlingskinder wollen keine Extrabehandlung, sie wünschen sich nur ein ganz normales Leben. Und so sollten sie auch angekündigt und behandelt werden: Als neue Mitschüler, die jetzt bei uns lernen möchten. Wenn sie da sind, kann es eine Runde geben, in der sich jedes Kind aus der Klasse vorstellt und zum Beispiel erzählt, wo die eigenen Wurzeln sind. Generell gilt: Damit sich geflüchtete Kinder gut integrieren, sind Freundschaften das Wichtigste.

SPIEGEL ONLINE: Was können Eltern tun, damit ihre Kinder Freundschaften schließen?

Inal: Man kann nichts erzwingen, aber gut funktionieren gemeinsame Aktivitäten im Klassenverband oder Nachmittage, an denen alle Kinder und vielleicht auch die Eltern etwas unternehmen. Das muss gar nichts Großes sein, Fußballspielen zum Beispiel oder ein kleines Picknick im Park. Die Eltern der Flüchtlingskinder wünschen sich auch Augenhöhe und Normalität. Da kann es schon viel helfen, einfach zu sagen: Mein Kind geht hier und dort zum Sport oder Musikunterricht, das ist gar nicht teuer oder vielleicht sogar umsonst, will ihr Kind da nicht mal mitkommen? Gerade am Anfang braucht es nicht viel, denn da sind die Familien meist noch in großer Aufregung und müssen erst mal ankommen und schauen, wie alles hier so läuft. Auch Gutgemeintes kann da eher zu einer Überforderung führen.

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