Flüchtlingskinder in der Schule Wenn Grundschüler plötzlich von "Kanaken" sprechen

Die Flüchtlingskinder verändern unsere Schulen - allerdings sind die Lehrer oft schlecht darauf vorbereitet. Nicht nur auf traumatisierte Kinder, sondern auch auf rassistische Sprüche.

Flüchtlingskinder im Unterricht (Archivbild)
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Flüchtlingskinder im Unterricht (Archivbild)

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Rund ein Drittel der Flüchtlinge in Deutschland sind schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Mindestens 300.000 von ihnen sind also schon in unserem Bildungssystem angekommen - und treffen auf Lehrer, die häufig kaum auf diese Situation vorbereitet sind.

So wie Susanne S., Grundschullehrerin in der Nähe von Magdeburg. Im vergangenen Jahr hatte sie ein Zwei-Tages-Seminar zu Traumata bei Kindern gemacht - das war alles. Und dann erlebte die 35-Jährige eine komplizierte Situation, nachdem das syrische Mädchen Raniah neu in ihre Klasse gekommen war.

Susanne S. zwischen allen Stühlen

Das erste Mal passierte es ziemlich unerwartet. Andrea (alle Namen geändert), zehn Jahre alt und schon immer ein ziemlich lebhaftes Kind, stürmte eines Morgens in die Klasse und verkündete: "Alle Flüchtlinge sind Ziegenficker. Alles Kanaken! Ich hasse Allah!"

Susanne S., seit mehreren Jahren Lehrerin an dieser Schule, war zunächst wie gelähmt: "Ich wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte, und fühlte mich der Situation überhaupt nicht gewachsen." Ihre Schule ist schon seit Jahren im Netzwerk Schule ohne Rassismus und wird von Eltern und der Öffentlichkeit für Toleranz und Offenheit geschätzt.

Umso unvorbereiteter trafen Susanne S. die rassistischen Sprüche der Viertklässlerin, die Tränen der syrischen Mitschülerin und vor allem die Situationen, die die Lehrerin danach erlebte. Nachdem sie das Thema noch am selben Tag im Unterricht aufgegriffen hatte, versuchte die 35-Jährige, über ein Elterngespräch Andreas Verhalten zu thematisieren - vergeblich. Die Eltern verweigerten zunächst den Kontakt, später überschütteten sie Susanne S. mit Vorwürfen, zweifelten an ihrer Kompetenz und sogar am Wahrheitsgehalt des Vorfalls mit Andrea.

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Die Lehrerin suchte in dieser Situation parallel das Gespräch mit anderen Kolleginnen und Kollegen und dem Schulleiter, "aber das Gefühl, richtig gut unterstützt zu werden, hatte ich dabei nicht unbedingt", erzählt sie. "Es hieß nur, ich sollte die Situation beruhigen und nicht unnötig eskalieren."

Und noch ein weiterer Aspekt kam hinzu: Raniahs Situation und ihre Erlebnisse im Krieg und auf der Flucht. In Syrien lebte das Mädchen auf einem Bauernhof und musste erleben, wie bewaffnete Fremde mehrere Tiere erschossen. Sechs Mal trat die Familie auf ihrer Flucht die Bootsfahrt an, um von der Türkei aus nach Griechenland zu gelangen, bevor die Überfahrt endlich klappte - Raniahs Schwester kam bei einem dieser Versuche ums Leben.

"Raniah ist natürlich traumatisiert", sagt Susanne S., die sich für den Umgang mit einem solchen Trauma "allenfalls minimal gerüstet" fühlt. So zog sich Raniah zu Beginn immer wieder komplett zurück, wiederholte nur wieder und wieder: "Keiner mag mich." Irgendwann sagte Susanne S.: "Schluss jetzt!" und machte dem Mädchen deutlich, wie sehr sich die anderen Kinder um sie kümmern - dass sie aber auch selbst auf die anderen zugehen müsse.

Die Mutter, erzählt die Lehrerin, habe ihrer Tochter jedoch gesagt, sie solle nicht von den Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht erzählen. "Manchmal redet sie trotzdem davon", sagt Susanne S., "zuletzt bei unserem Waldprojekt. Da gingen wir spazieren, Raniah ging neben mir, und alle Erlebnisse während der Flucht flossen wie ein unaufhaltbarer Strom aus ihr heraus. Sie redete und redete."

Wie soll man damit umgehen? Richtig vorbereitet darauf wurde die junge Lehrerin nicht. Sie habe Raniah einfach reden lassen. Und jetzt? Susanne S. hofft einfach darauf, alles möglichst richtig zu machen. Und dennoch, sagt die Lehrerin, habe sie es noch keine Minute bereut, Raniah aufgenommen zu haben. Sie ist überzeugt davon, dass es richtig und wichtig ist, in jeder Klasse Flüchtlingskinder aufzunehmen: "Das ist gelebte Integration - im Vergleich zu den Willkommensklassen, wo die Flüchtlinge unter sich sind und sicher nicht so schnell die Sprache lernen."

Fünf Tipps für Lehrer

20 bis 30 Prozent der Flüchtlingskinder sind von sogenannten Traumafolgestörungen betroffen, schätzt Frank Neuner, Psychologieprofessor an der Universität Bielefeld. Das kann sich in Konzentrationsstörungen, Verträumtheit, Aggression oder auch Verzweiflung äußern - ein eindeutiges Muster gibt es nicht.

  • "Wenn Kinder Krieg oder Erschießen spielen, sind die Betreuer oft vollkommen überfordert", sagt Traumaforscher Georg Pieper. "Dabei spielen traumatisierte Kinder häufig das, was sie erlebt haben, immer wieder durch." Lehrer sollten das nicht verhindern - sondern die Kinder darin unterstützen, einen positiven Ausgang für die gespielten Szenen zu finden. Pieper: "Lehrer können Kinder anleiten, Bilder von einer schlimmen Situation zu malen - immer wieder neu, bis die Bilder in eine positive Richtung führen."
  • Lehrer sollten Interesse am Kind und seinem Leben bekunden. Mögliche Fragen, die nicht verletzen, lauten: "Wie habt ihr früher zu Hause Feste gefeiert? Hast du in der Stadt oder auf dem Land gelebt? Was ist dein Lieblingsessen? Was vermisst du?" Das hilft, mehr über das Kind zu erfahren - denn längst nicht jedes Kind ist traumatisiert.
  • Um adäquat mit den Belastungen der Kinder umgehen zu können, sollten Lehrer sich traumapädagogisches Hintergrundwissen aneignen und Unterstützungsangebote wie zum Beispiel eine Supervision nutzen. Wichtig ist, dass traumatische Erfahrungen der Kinder nicht verdrängt oder verschwiegen werden, sagt Georg Pieper - und das setzt voraus, dass die Lehrer gelernt haben, diese Erzählungen und das Leid auszuhalten. Ein Einstieg kann diese Handreichung des baden-württembergischen Kultusministeriums sein.

Sollten in der Klasse fremdenfeindliche oder rassistische Sprüche fallen, ist es wichtig, dass Lehrer schnell und eindeutig reagieren.

  • Dazu gehört, dass Grenzen für akzeptiertes Verhalten klar gezogen werden und die Lehrer den nicht akzeptierten Aussagen eindeutig und sofort entgegen treten.
  • Lehrer sollten solche Vorfälle außerdem in einem Gedächtnisprotokoll festhalten und sich darüber mit Kollegen und der Schulleitung austauschen, um das weitere gemeinsame Vorgehen zu besprechen. Von Ordnungs- und Erziehungsmaßnahmen über Elterngespräche bis hin zu Disziplinarmaßnahmen reicht das Spektrum. Erfahren sie von Kollegen und Vorgesetzten nicht die erhoffte Unterstützung, sind Initiativen wie "Gesicht zeigen!" mögliche Ansprechpartner, um mit dem Problem nicht allein zu bleiben.
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