Flüchtlingskinder an Schulen Länder suchen Tausende Deutschlehrer

3100 zusätzliche Deutschlehrer wollen die Bundesländer einstellen. Die Suche nach neuen Pädagogen ist eine Reaktion auf die steigende Zahl von Flüchtlingen - und damit auch von schulpflichtigen Kindern, die kein Deutsch können.

Deutschunterricht in einer Berliner Willkommensklasse: Bundesweit werden bis zu 280.000 schulpflichtige Flüchtlingskinder erwartet
DPA

Deutschunterricht in einer Berliner Willkommensklasse: Bundesweit werden bis zu 280.000 schulpflichtige Flüchtlingskinder erwartet


Für Sprachklassen und Vorbereitungskurse, in denen Flüchtlingskinder unterrichtet werden, suchen die Bundesländer Tausende zusätzliche Pädagogen.

Die Stellen für 3100 Deutschlehrer seien ausgeschrieben und zum Teil schon besetzt, ergab eine am Freitag veröffentlichte Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters bei den Kultusministerien der Länder. Experten kritisieren jedoch, dass diese Zahl viel zu niedrig angesetzt sei.

Das bevölkerungsreichste Land Nordrhein-Westfalen benötigt mit Abstand die meisten Lehrkräfte und will nach Angaben der Landesregierung 1200 Lehrer einstellen. Das vergleichsweise kleine Saarland plant zehn neue Stellen. Brandenburg konnte als einziges Bundesland noch nicht genau einschätzen, wie viele weitere Deutschlehrer gebraucht werden. Man plane jedoch Geld für 124 zusätzliche Stellen ein.

Die genaue Zahl der Kinder, die an Sprachklassen und Vorbereitungskursen teilnehmen, konnten die meisten Kultusministerien allerdings noch nicht benennen. Viele Länder gehen davon aus, dass der Bedarf an Deutschlehrern weiter steigt. Die Bundesregierung rechnet derzeit damit, dass in diesem Jahr 800.000 Neuankömmlinge Deutschland erreichen.

"Schätzungsweise ein Drittel der Flüchtlinge ist im schulpflichtigen Alter", schätzt Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Auch die niedersächsische Landesregierung kalkuliert, dass 30 bis 40 Prozent der Geflüchteten noch der Schulpflicht unterliegen. Das wären, bei 800.000 Flüchtlingen, rund 280.000 zusätzliche Schüler.

Werden jeweils 25 Schüler von einem Lehrer betreut, bedeutet das 11.200 zusätzliche Pädagogen, die bundesweit gebraucht würden - deutlich mehr als die von den Ministerien angekündigten Neueinstellungen. Lehrervertreter Meidinger hatte bereits gefordert, in einem ersten Schritt die derzeit arbeitslosen Deutschlehrer für den notwendigen Sprachunterricht einzusetzen. Deren Zahl gibt er mit bundesweit rund 3000 an - fast genauso viele, wie jetzt von den Ländern gesucht werden. Außerdem würden Schulpsychologen und Dolmetscher gebraucht.

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, veranschlagt zwar nur 150.000 Flüchtlingskinder, die in diesem Jahr in deutsche Schulen kommen. Doch er schätzt, dass dafür rund 20.000 neue Lehrer angestellt werden müssen: "Die Kinder und Jugendlichen müssen in eigenen Klassen auf einen regulären Schulbesuch vorbereitet werden. Das kann man nicht in 30köpfigen Gruppen tun. Wegen der kulturellen und sprachlichen Heterogenität der Betreffenden kann wohl keine der Vorbereitungsklassen größer als 12 Schüler sein", sagte Kraus dem Bildungsportal News4teachers.

Auch Kai Weber, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Niedersachen, hält die Zahl der Neueinstellungen für viel zu niedrig. "Eine adäquate Versorgung mit deutschsprachigem Unterricht kann damit nicht gesichert werden", sagt Weber. Das sei besonders ärgerlich, weil etwa in Niedersachsen der Anspruch auf Deutschunterricht für alle Kinder in sogenannten Sprachlernklassen gesetzlich festgeschrieben sei.

Lange Diskussionen um Konzepte und Strategien könne es angesichts der Zahl der Geflohenen jetzt nicht mehr geben, sagt Kai Weber: "Es muss schnell gehandelt werden. Weitere Pädagogen aus dem Ruhestand zurückzuholen, wäre zum Beispiel ein gutes Mittel, um den gestiegenen Bedarf zu decken."

him/Reuters

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