G8-Effekt Weniger Lust aufs Studieren

In zwölf statt 13 Jahren zum Abitur, das finden viele Schüler stressig. Aber wie wirkt sich G8 nach der Schulzeit aus? Anders als erhofft, zeigt eine Studie.

Gymnasium in Straubing in Bayern (Symbolbild)
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Gymnasium in Straubing in Bayern (Symbolbild)

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G8 oder G9? Über kaum eine andere Frage diskutieren Eltern, Lehrer und Politiker in Deutschland so gern wie über die Dauer der Schulzeit an Gymnasien. Während Gegner des "Turbo-Abiturs" über gestresste Schüler klagen, verteidigen Befürworter die ursprüngliche Idee von G8: Wer früher Abi macht, ist früher mit dem Studium fertig und steht früher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Aber geht dieses Konzept auf?

Nur bedingt, haben Forscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung festgestellt. Sie gingen erstmals der Frage nach, wie sich die G8-Schulreform auf die Zeit nach der Schule auswirkt. Das Ergebnis: Abiturienten, die ihren Abschluss nach zwölf statt 13 Jahren erreichen, nehmen direkt danach oder im Folgejahr seltener ein Studium auf.

Sie starten mit einer um sieben Prozentpunkte geringeren Wahrscheinlichkeit als G9-Schüler direkt zum nächstmöglichen Wintersemester. "Offensichtlich nutzen die G8-Abiturienten das 'gewonnene Jahr' häufiger anderweitig", schreiben die Forscher und verweisen etwa auf Praktika und Auslandsaufenthalte.

Weitere Ergebnisse:

  • G8-Schüler nehmen auch in späteren Jahren nach dem Abitur mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit ein Studium auf als G9-Schüler. Der Effekt der Studienunlust schwächt sich aber im Laufe der Zeit ab.
  • G8-Schüler, die direkt nach dem Abitur oder im Folgejahr ein Studium anfangen, ziehen ihr Studium seltener als G9-Schüler straff durch. Sie wechseln im ersten Studienjahr mit einer höheren Wahrscheinlichkeit das Studienfach - oder brechen ihr Studium komplett ab. Die Wahrscheinlichkeit eines regulären Studienverlaufs sinkt um drei Prozentpunkte.
  • Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern, zwischen West oder Ost, sowie zwischen Frauen und Männern sind nicht signifikant. Auch die Frage, ob die G8-Reform erst kürzlich oder schon vor Jahren umgesetzt wurde, ist offenbar nicht entscheidend. Der "negative Effekt der G8-Reform auf die Studienaufnahme lässt mit der Zeit nicht nach", schreiben die DIW-Autoren.

Wie passt all das zu der gewünschten "Verjüngung" von Akademikern, wenn sie ins Berufsleben starten und in die Sozialversicherungssysteme einzahlen sollen?

Altersvorsprung durch G8 von achteinhalb Monaten

Trotz allem seien G8-Abiturienten im Durchschnitt bei Studienbeginn achteinhalb Monate jünger als G9-Abiturienten, heißt es in der Studie. Andere Studien zeigten zudem, dass G8-Schüler das Jahr zwischen Abitur und Studium produktiv nutzten, um praktische Erfahrungen zu sammeln, Freiwilligendienste zu absolvieren oder längere Sprach- und Bildungsreisen ins Ausland zu unternehmen.

Die Forscher vermuten allerdings auch: Da G8-Abiturienten seltener ein Studium aufnehmen und etwas häufiger ihr Studium abbrechen, wird ihr Einkommen aufs ganze Leben gerechnet vermutlich geringer ausfallen. Außerdem stünden dem Arbeitsmarkt dadurch letztlich weniger Hochschulabsolventen zur Verfügung.

Sollen deshalb also alle Bundesländer lieber flächendeckend zu G9 zurückkehren? Niedersachsen hat dies bereits getan. Bayern zieht zum kommenden Schuljahr nach. Schleswig-Holsteins CDU hatte im Wahlkampf zur Landtagswahl im Mai 2017 die Rückkehr zu G9 versprochen.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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Aus Sicht der DIW-Autoren ist die Verlängerung der Gymnasialzeit keineswegs zwingend notwendig. Man müsse berücksichtigen, dass die Mehrheit der Abiturienten die Entscheidung für oder gegen ein Studium genauso wie unter G9 fälle. Nur eine kleine Gruppe von Schülern verhalte sich aufgrund von G8 anders.

Die geringere Studienlust der G8-Absolventen ist den Autoren zufolge außerdem nicht so stark ausgeprägt, dass sich dies sonderlich auf den allgemeinen, langfristigen Ansturm an den Unis auswirken würde. Die Zahl der Studienanfänger sei von 2002 bis 2014 um 40 Prozent gestiegen, betonen die Forscher. Sie hatten Daten der amtlichen Studentenstatistik von 2002 bis 2013 ausgewertet.



insgesamt 22 Beiträge
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bamesjond0070 26.05.2017
1. Tausende Menschen in die Pfanne gehauen
für ein Experiment. Und die Politik wundert sich über die Politikverdrossenheit der jungen Generationen. So traurig es ist, die Politik-Elite hört nicht auf Wissenschaft oder Menschen, sondern auf Geld. Und sich dann beschweren, dass niemand G20 in HH will und acab auf den Wänden steht. Ich hoffe, dass dieser Konflikt ohne Gewalt gelöst wird.
Der_schmale_Grat 26.05.2017
2. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!
Warum wundern mich diese Erkenntnisse von G8 nicht,,,,
eey-ore 26.05.2017
3. Ursache & Wirkung
Mal abgesehen davon, dass die Überschrift sehr plakativ ist und im letzten Absatz zu finden ist, dass der Unterschied doch gar nicht signifikant und nur durch G8 oder G9 bedingt ist, fehlen meines Erachtens einige Ursachen, die entweder in der Studie nicht berücksichtigt worden sind oder im Artikel fehlen. Ich habe mein Abitur vor 11 Jahren in Sachsen gemacht, wo G8 schon immer Standard war und noch ist. Ich habe mich während meiner Schulzeit weder völlig überfordert gefühlt, noch hatte ich das Gefühl, dass ich schlechter vorbereitet war auf das Studium als Kommilitonen mit Abitur nach 13 Jahren. Doch hatte es auch etwas mit Konstanz und entsprechenden Lehrplänen zu tun. In vielen Dingen war ich besser vorbereitet und hatte definitiv eine bessere Ausbildung genossen als meine Studienkollegen mit längerer Schulzeit. Wenn man dann Dinge hört, wie Religion und Sport als Leistungskurs und Mathe abgewählt oder Auslandsaufenthalt während der 11. Klasse, also von der 10. in die 12. Klasse war da nichts ungewöhnliches, dann frage ich mich sehr, was so schwierig sein soll, die Lernpläne entsprechend anzupassen?! Dass man heutzutage alle durchs Abi bringen muss, egal welche intellektuellen Voraussetzungen vorliegen, trägt sicher auch nicht dazu bei, den Unterrichtsstoff auf dem Niveau und der Zeit durchzuarbeiten, wie es vorgesehen wäre. Und dann stellt sich tatsächlich die Frage, ob jemand, der sich irgendwie durch die Abiprüfungen geschleppt hat, studieren sollte?! Vielleicht sollte sich das ein oder andere Bildungsministerium mal ein Beispiel nehmen an Ländern, in denen es läuft und dann aufhören, aller zwei Jahre eine neue Sau durchs Dorf zu treiben!
Newspeak 26.05.2017
4. ...
"Wie passt all das zu der gewünschten "Verjüngung" von Akademikern, wenn sie ins Berufsleben starten und in die Sozialversicherungssysteme einzahlen sollen? " Lustig. Mit halben Stellen und befristeten Vertraegen zahlt man geradezu Unsummen in die Sozialversicherungssysteme ein. Ist das das Ziel von Universitaetsausbildung? Das kann man einfacher, schneller, billiger haben. Kein Abitur, Lehre mit 16, mit 19 hat man dann Sozialversicherungseinzahler. Vielleicht sind die jungen Leute heutzutage ja klug, und sehen wie armselig die meisten Akademiker fuer ihre Motivation, sich ueberdurchschnittlich zu qualifizieren, belohnt werden? Wie technikfeindlich auch die deutsche Gesellschaft an sich ist. Wie der, der einen anderen Beruf ergreift, einfach kurz-, mittel-, und langfristig viel mehr verdient, sich frueher um Familiengruendung kuemmern kann, ab Mitte 30 vielleicht schon ein Haus, ein Auto, einen Urlaub im Jahr hat, waehrend der Akademiker, egal ob schlecht oder summa cum laude, noch bei Mama wohnt, von Arbeitslosengeld seine Arbeit zusammenschreibt, und mit dem Fahrrad zur Uni kommt. Fakt ist, man kann eigentlich jedem jungen Menschen nur davon abraten, zu studieren. Die hoeheren Gehaelter im Lebensschnitt sind genauso Luegen, wie vieles andere, was einem erzaehlt wird. Studieren sollte allenfalls der, der wirklich fuer die Wissenschaft brennt. Wer das naemlich nicht tut, hat gar keinen Spass mehr, vor lauter Frustrationen, die man aushalten muss. Vielleicht lernen nebenbei auch mal die Professoren, sich aktiver gegen die Missstaende zu engagieren, wenn kein Nachwuchs mehr kommt. Deutsche Professoren sind leider in der Mehrheit voelleig kriecherische Geschoepfe, wenn der Blick "nach oben" geht. Hyperangepasste, allzeit jammernde Opportunisten.
OkLissy 26.05.2017
5. Ist doch gut
Ich halte zwar nichts von G8, aber diesen Effekt kann man doch mal befürworten. Es studieren sowieso zu viele Schulabgänger finde ich. Wenn dieser Trend anhält, fehlt es irgendwann an guten Handwerkern, etc. Auch mögliche Beweggründe für ein Studium, wie ein sicherer und gut bezahlter Job, sind längst nicht mehr sicher und das wird durch diese Entwicklung noch verstärkt. Für viele Jugendliche ist ein Studium nicht der richtige Weg, auch ich habe nur studiert, weil man das eben so macht nach dem Abitur. Die Jahre hätte ich lieber schon Geld verdienen und praktische Erfahrung sammeln sollen. Ich fände es sinnvoll, wenn das gewonnene Jahr zur intensiven beruflichen Orientierung genutzt werden würde, da gibt es meiner Meinung nach sowieso viel zu wenig Information und Unterstützung. Ich weiß nicht, wie das heute ist, aber ich hatte ganze 2 Wochen Pflichtpraktikum während meiner Schulzeit. Ein Witz. Auch das Studium habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Mit der nötigen Zeit und Übersicht, könnten junge Menschen wohl viel elaboriertere Entscheidungen über ihre Zukunft treffen. Dann gäbe es vielleicht auch weniger Studienabbrecher?
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