Schlittenhunde-Schule in Norwegen Herrlich, dieses Husky-Leben

Um ihren Traum zu leben, ging Adine Tschiltschke, 20, an eine besondere Schule in Norwegen, ganz ohne Noten und Zertifikate. Ihr Hauptfach: Schlittenhunde führen.

Tanya Kizimova

Der Fahrtwind schlägt mir eisig ins Gesicht, meine Haarsträhnen sind gefroren. 32 Pfoten eilen durch den Schnee: Acht starke Alaskan Huskys ziehen meinen Schlitten. Wir erreichen einen zugefrorenen Fluss. "Stoo", rufe ich laut, trete mit beiden Füßen auf die Eisenbremse. Dampfend steigt der Atem der Hunde über dem ruhenden Gespann auf.

Vor gut sechs Monaten bin ich hier in Norwegen angekommen, nördlich des Polarkreises, wo die Sonne an manchen Tagen im Winter nicht aufgeht. In Svanvik besuche ich die Pasvik Folkehøgskole - was direkt übersetzt "Volkshochschule" bedeutet.

Diese Schulform gibt es in Deutschland nicht. An der Folkehøgskole gibt es keinen Abschluss und keine Prüfung. Junge Norweger können die Folkehøgskole freiwillig nach ihrem Schulabschluss besuchen, um sich zu orientieren. In Dänemark gibt es etwa ganz ähnliches: Schulen, in denen jeder nur lernt, worauf er Lust hat, ganz ohne Zeugnis.

Den Hunden kann es nie schnell genug gehen

Mathe, Physik oder Biologie gibt es an der Schule nicht. Die Fächer heißen: Foto und Reise, Jagen und Fischen - oder eben Schlittenhunde und Wildnisleben. Als ich mich beworben hatte, antwortete der Direktor der Schule mit einer freundlichen, aber verwunderten E-Mail: Warum ich als Deutsche unbedingt nach Norwegen wolle?

Die Arbeit mit Schlittenhunden ist schon lange ein Traum von mir, und nach der Schule in Deutschland wollte ich erst einmal raus aus meinem gewohnten Umfeld. Und ich wollte etwas über mich erfahren: Wie komme ich mit der Kälte, der monatelangen Dunkelheit und der neuen Sprache zurecht? Eine Art Charakterprüfung also.

Im Herbst haben wir mit dem Training der Hunde begonnen. Ich spüre jedes Mal einen Adrenalinschub, wenn wir den Hunden das Geschirr anlegen, um sie einzuspannen. Die Hunde beginnen laut zu bellen, wedeln mit dem Schwanz und werfen sich mit aller Kraft in die Leinen. Sie wollen endlich loslaufen, nie kann es schnell genug gehen.

Lagerfeuer und Kaffeeduft - unwiderstehlich

Wenn ich gerade nicht bei den Hunden bin, genieße ich die Natur um mich herum. Fünf Tage war ich mit einem Kanu auf dem Pasvikfluss an der Grenze zu Russland unterwegs. Die Tage begannen mit einem gemütlichen Lagerfeuer, über dem wir Kaffee kochten. Frischer Kaffee und der Geruch des Holzfeuers - eine unwiderstehliche Mischung.

Noch nie zuvor habe ich die Natur so intensiv wahrgenommen: Die Wälder bestehen aus schlanken, weißen Birken, deren Laub sich langsam gelblich verfärbt. Dazwischen stehen einzelne Kiefern mit einer bronzefarbenen, schuppigen Rinde. Auf dem Boden leuchten die Flechten in flammenden Rottönen. In den Wäldern gibt es zahlreiche riesige Seen.

Im Oktober fiel schon der erste Schnee. Die Tage wurden rasch kürzer, bis die Sonne am Morgen gar nicht mehr aufging. Dunkelheit. Aber es war nicht so trist, wie man denken könnte. Der Schnee ließ die Umgebung heller erscheinen.

Die Temperatur sank immer weiter. Bei minus 34 Grad gefriert einem die Feuchtigkeit des eigenen Atems in der Nase. Wenn man die Handschuhe vergisst, bereut man es nach wenigen Minuten schmerzlich. Doch einer der schönsten Augenblicke hier war genau an solch einem eisigen Tag.

Als ich nach einer langen Ski-Tour am Abend erschöpft in meinen Schlafsack kroch und die Kapuze bis auf einen schmalen Schlitz zuzog, blickte ich nach oben in den klaren Sternenhimmel. Und da sah ich sie, die berühmten Polarlichter. Ein grünlich-gelbes Band, das geisterhaft über den Himmel tanzte. Da vergisst man die Kälte, die Dunkelheit, den Muskelkater.



insgesamt 17 Beiträge
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suomi15 31.01.2015
1.
Wunderbar :)
lemmy 31.01.2015
2. Ja, die Skandinavier
Die haben uns in vieler Hinsicht echt einiges voraus, sage ich immer wieder. Dass die jungen Leute dort erst einmal nach der Schule Zeit haben sich zu überlegen, was sie beruflich mal machen möchten, finde ich bemerkenswert gut, und ich habe schon einiges davon gehört und gelesen. Das Angebot sollte es auch bei uns geben. Welcher junge Mensch weiß denn schon so genau, was er die nächsten 40, 50 Jahre machen möchte. So kann man vorher schon, ganz ohne Leistungsdruck und Noten einfach nur ausprobieren. Und wirklich ganz tolle Fotos, man kann das "Feeling" richtig spüren.
Tj Co 31.01.2015
3. Ich war auch in der Gegend
allerdings auf der Følkehøgskole bei Alta, Øytun. Diese Schule ist nur auf Outdoorleben ausgerichtet.
erwin dunn 01.02.2015
4. @2
Das auch noch bei der höheren Lebenserwartung, welche wir glücklicherweise haben. Orientierung als junger Mensch ist bei uns fast unmöglich. Eine Umorientierung im mittleren Alter ist für die meistens nicht realisierbar. Verliert man bereits mit ?40 seinen Job, wird es schon extrem schwer, mit ?50 wird man, trotz aller Qualifikationen, aufs Abstellgleis gestellt. Ich frage mich immer wieder, weshalb dies alles so gehandhabt bzw. hingenommen wird von Politik und Wirtschaft. Es ist absolut kontraproduktiv und verschärft dauerhaft die allgemeine soziale Situation.
Xenocow 01.02.2015
5. Unser Schulsystem muss grundlegend reformiert werden
„Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Fackeln entzündet werden.“, das wussten schon Heraklit und Herodot vor 2500 Jahren. Interessanter Text zum Thema --> http://www.reinhardkahl.de/pdfs/final.pdf Darüber hinaus sollte man sich vielleicht mal anhören was Richard Precht zu der Thematik beiträgt, ein sehr schlauer Kopf unserer Zeit.
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