Blockierte Bildungsexperten Forscher werfen Ländern Datenzensur vor

Bildungspolitiker verkünden gern, dass sich die Schulen hierzulande seit dem Pisa-Schock verbessert hätten. Doch allzu genaue Analysen darüber will man wohl lieber nicht veröffentlicht wissen: 50 Wissenschaftler werfen den Kultusministern vor, Daten zurückzuhalten und ihre Forschung zu behindern.

dapd

Für die Schulen sind in Deutschland bekanntlich die Bundesländer zuständig, deshalb geht die Protestnote namhafter Wissenschaftler indirekt gleich an 16 Adressaten: Der bildungsökonomische Ausschuss des Vereins für Socialpolitik wirft der Kultusministerkonferenz (KMK) in einem offenen Brief vor, die Herausgabe wichtiger Bildungsdaten zu blockieren und Vergleiche der Bundesländer damit zu erschweren. In dem Gremium sind 50 deutschsprachige Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler vertreten.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 14/2013
200 Jahre Richard Wagner

In ihrem Dokument vom 15. März schreiben sie: "Wir fordern die Kultusminister der Länder auf, der Wissenschaft Bundesländervergleiche uneingeschränkt zu gestatten und ihr freien Zugang zu Bundeslandinformationen zu gewähren." Dies sei derzeit nur bedingt möglich, weil die Kultusminister vorhandene Bildungsdaten oft unter Verschluss hielten.

"Dabei könnte man aus solchen Ländervergleichen lernen, wie unser Bildungssystem zu verbessern wäre", sagt der Vorsitzende des Ausschusses, der Münchner Ökonom Ludger Wößmann im SPIEGEL-Interview. Nach den zahlreichen Schulstudien infolge des Pisa-Schocks sei nun "eine gewisse Ermüdung eingetreten", so Wößmann. "Manche Landespolitiker wollen vor der nächsten Landtagswahl lieber keine schlechten Nachrichten."

Wößmann und seine Mitarbeiter am Münchner ifo Institut blitzten mehrfach mit Anträgen ab. Ähnliches war in der Vergangenheit auch schon dem deutschen Bildungsforscher Wilfried Bos und dem niederländischen Soziologen Jaap Dronkers widerfahren. Nun ist der Unmut in der wissenschaftlichen Gemeinde offenbar groß genug für eine gemeinsame Aktion.

Strafklauseln in den Nutzungsanträgen

Es geht vor allem um den Zugang zu drei verschiedenen Datensätzen: den Pisa-E-Bundesländervergleichen, den Bildungsstandardstudien und den Erhebungen des Nationalen Bildungspanels. Um mit den Daten zu arbeiten, müssen Wissenschaftler Anträge ausfüllen, die Strafen für ungewünschte Nutzung vorsehen. Teilweise drohen bis zu 300.000 Euro Geldbuße und bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe.

Forscher müssen ihre Anfragen detailliert begründen. So heißt es etwa in einem Leitfaden für Anträge an das Forschungsdatenzentrum des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, welches bundesweit Bildungsdaten erhebt: Es werde geprüft, ob die Daten "zu anderen als den ursprünglich gedachten, bildungspolitisch zu verantwortenden Erhebungszwecken" genutzt werden dürfen. Der Antragsteller müsse erklären, "warum für die Untersuchungsfragestellung ein Ländervergleich unter Nennung der Ländernamen aus wissenschaftlichen Gründen zwingend notwendig erscheint". Das Dokument ist ein offizielles Papier der KMK, verabschiedet im vergangenen September.

Übersetzt heißt das so viel wie: Wir Bundesländer haben die Nase voll von Bildungsranglisten, die uns nur Ärger bringen. Und wenn uns einer vergleichen darf, dann nur wir selbst.

"Aus unserer Sicht ist die bestehende Praxis nicht mit dem Grundrecht auf Freiheit der wissenschaftlichen Forschung vereinbar", kritisiert nun der bildungsökonomische Ausschuss. Forscher Wößmann zieht die Arbeitsmarktpolitik als Vergleich heran. "Die Arbeitsminister der Bundesländer würden wohl kaum beschließen, dass die Arbeitslosendaten nicht mehr nach Bundesländern berichtet werden." Auch würde niemand die Veröffentlichung aus Rücksicht auf einzelne Städte oder Regionen unterbinden: "Nur weil Arbeitslosendaten nach Städten bekannt sind, ziehen auch nicht alle irgendwo hin oder weg", sagt Wößmann.

Von einem transparenten Umgang mit Bildungsdaten weit entfernt

Die Kritik wiegt schwer. Denn zum guten Ton in der Bildungspolitik gehört es derzeit, bei jeder Gelegenheit den Willen zur Empirie hervorzukehren. So etwa in einer Erklärung der Kultusministerkonferenz vergangene Woche. "Es ist den Ländern wichtig, aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen, um daraus Folgerungen für ein gemeinsames Vorgehen bei der Umsetzung der neuen Bildungsstandards für die allgemeine Hochschulreife zu ziehen", sagte Stephan Dorgerloh, KMK-Präsident und Kultusminister Sachsen-Anhalts.

Doch wie weit Deutschland noch von einem transparenten Umgang mit Bildungsdaten entfernt ist, zeigt der Vergleich mit anderen Nationen. Italien und Spanien etwa haben keine Skrupel, die Pisa-Ergebnisse auch für einzelne Landesteile ausweisen zu lassen, andere Staaten wie die Niederlande, Großbritannien oder Frankreich veröffentlichen zusätzlich Vergleichstests ihrer Schulen.

Vorbild sind aber vor allem die skandinavischen Länder. Sie erheben umfangreiche Bildungsdaten, welche sich mit Informationen etwa über das Familieneinkommen oder Bildungsleistungen der Eltern abgleichen lassen. "Da wissen Sie als Forscher, sinnbildlich gesprochen, ob die Oma eines heutigen Schülers auf dem Schulhof geraucht hat oder nicht", sagt Wößmann. "Die Erkenntnispotentiale sind gewaltig."

Auf gewisse Erkenntnisse verzichtet die Bundesrepublik nun auch wieder in der laufenden Pisa-Runde. Überall in Deutschland haben 15-jährige Schülerinnen und Schüler bereits die berühmten Vergleichstests in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften geschrieben. Doch auf eine Rangliste der Bundesländer werden Eltern, Lehrer und Schüler im Herbst vergeblich warten: Die haben die Kultusminister 2006 abgeschafft.

Lesen Sie ein Interview mit Ludger Wößmann im aktuellen SPIEGEL.


SCHUL-MYTHEN IM FAKTENCHECK

AP

Die Schüler lernen zu wenig, die Klassen sind zu groß, die Lehrer zu alt und außerdem dauernd im Urlaub... Klischees über Schule und die, die dort unterrichten, gibt es viele. SPIEGEL ONLINE hat nachgeforscht, was dran ist. Hier geht's zum neuesten Teil der fünfteiligen Serie.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rolandjulius 03.04.2013
1. Bildungsvergleiche in Deutschland
Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung ! Wer daran nicht interessiert ist,sollte sich eine andere Beschäftigung suchen. Zensuren gibt es nur in Diktaturen !
motzki687 03.04.2013
2. So etwas ist nur im öffentlichen dienst möglich
Controllimg oder Benchmarking nicht erwünscht! Den Schüler als Kunden anzusehen schon fast abartig. Wettbewerb ist Teufelszeug. Der Wunsch auf Manifestierung der gegebenen Situetion fängt schon beim verstänlicherweise beim Lehrer an Welcher Frosch schaft schon den Tümpel ab.
enzoro 03.04.2013
3. Schule und Klassengröße
selbstverständlich ist es angenehmer, mit 15 statt mit 30 Schülern zu arbeiten; aber nicht die Größe ist entscheidend, sondern die Mixtur aus Schülertypen, Lehrertyp, Schulform, Elternhaus und die jeweiligen Motivationslagen. Ebenso ist das allgemeine Betriebsklima der Schule wichtig sowie die Möglichkeit, nach modernen Maßstäben zu unterrichten. Klar ist auch: schlechte Lehrer werden immer erfolglos bleiben, gute werden immer Erfolg haben, ganz gleich, wie groß die Klassen sind.
leonardo01 03.04.2013
4. Werden Erkenntnisse nützen?
I) Ich würde mir wünschen, wenn das zitierte Gremium nicht nur mit Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, sondern auch mit einer gehörigen Portion Naturwissenschaftler und Mathematiker besetzt würde. II) In Klasse 8 werden doch bundesweit jährlich Lernstanderhebungen durchgeführt. Allerdings kocht hier auch wieder jedes Land mit unterschiedlichen Bögen sein eigenes Süppchen. Warum nimmt man nicht bundeseinheitliche Testbögen und hat so die Möglichkeit jedes Jahr wieder aufgrund einer soliden Datenbasis seine Schlüsse zu ziehen? Analog könnte man bei VERA in Klasse 3 verfahren. Angenommen aber, man hat deutliche Ergebnisse: Werden die Länder irgendetwas ändern? Die Schulpolitik ist doch überwiegend ideologisch motiviert. In allen möglichen Vergleichsstudien lagen doch bisher immer wieder Bayern und Sachsen weit oben. Das hält aber nicht Länder wie NRW davon ab, immer mehr Gemeinschafts- und Gesamtschulen zu fördern und selbst die Gymnasien durch Abschulungsverbot dazu zu zwingen, immer mehr zu Gesamtschulen zu mutieren. Selbst die gymnasiale Variante der Fragebögen zur Lernstanderhebung in Klasse 8 mit angeblich „vielen schweren“ Fragen enthält nur sehr leichte, leichte und mittelschwere Aufgaben. Daher sind auch die Ergebnisse der NRW-Gymnasien schon bedenklich, die der Integrierten Gesamtschulen sind unterirdisch. Nützen tut es nichts. Es wird dennoch in eine uneffektive Schulform viel Geld gebuttert.
holtor 03.04.2013
5.
Zitat von sysopdapdBildungspolitiker verkünden gern, dass sich die Schulen hierzulande seit dem Pisa-Schock verbessert hätten. Doch allzu genaue Analysen darüber will man wohl lieber nicht veröffentlicht wissen: 50 Wissenschaftler werfen den Kultusministern vor, Daten zurückzuhalten und ihre Forschung zu behindern. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/forscher-protest-gegen-mangelnde-transparenz-bei-bildungsdaten-a-892091.html
Dieser Absatz läßt den ganzen Artikel deutlich weniger glaubwürdig erscheinen. Es ist ja denkbar, dass die Ministerien zu restriktiv mit den Daten umgehen, aber andererseits sollte einem Wissenschaftler (und sogar einem Journalisten) bei den zitierten gelobten Verknüpfungen aufgehen, dass es um äusserst sensible persönliche Daten und Datenverknüpfungen geht, die auf gar keinen Fall in die falschen Hände oder einfach in die Öffentlichkeit geraten sollten. Wenn die "Wissenschaftler" an dem gemeinnützigen Verein ifo das nicht einsehen, sollte man ihnen besser nichts anvertrauen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.