Fotoserie übers Erwachsenwerden Auf dem Weg zur Frau

Wann wird aus einem Mädchen eine Frau? Rania Matar ist auf Spurensuche gegangen und hat Teenager in den USA und im Libanon zwischen Teddybären und Zigarettenschachteln fotografiert.

Rania Matar/Amon Carter Museum of American Art

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In ihrem Bett liegt ein großes Kuscheltier, Siena sitzt daneben, gelehnt an die mit Postern tapezierten Wände ihres Kinderzimmers. Darauf zu sehen sind halbnackte Models mit flachen Bäuchen und verführerischen Blicken. Siena fragt sich, ob sie auch so gut aussieht: "Wo bin ich auf der Schönheitsskala im Vergleich zu den Bildern an meiner Wand? Bin ich gut genug?"

Rania Matar hat das Mädchen für ihre Serie "A Girl and Her Room" (2009 - 2012) fotografiert. Die amerikanisch-libanesische Fotografin wollte ergründen, wie sich Mädchen und deren Lebenswelten verändern, wenn sie zu jungen Frauen werden.

Da gibt es einmal die Relikte aus der Kindheit: Teddybären, Sticker, bunte Bilder. Da gibt es aber auch Make-up, Nagellack und Zigaretten. Manche Mädchen tauschen ihre Comicfiguren-Shirts gegen kurze Röcke und enge Tops, färben sich die Haare, lassen sich tätowieren oder Piercings stechen.

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10  Bilder
Mädchen: Gloss auf den Lippen, Lack auf den Nägeln

Rania Matar war drei Jahre alt, als ihre Mutter starb. Sie ist bei ihrem Vater im Libanon aufgewachsen, 1984 in die USA geflohen. Mittlerweile hat sie selbst vier Kinder, doch noch immer fragt sie sich, wie ein Leben mit einer Mutter gewesen wäre: Hätte sie das Kinderzimmer aufgeräumt, hätte sie bei Liebeskummer helfen können? Immer wieder kehrt die Fotografin zum Thema des Frauwerdens und Frauseins zurück.

Für ihre Serie "L'enfant femme" (2011 - 2015), deren Titel sich mit "Kind Frau" übersetzen lässt, fotografierte sie jüngere Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Sie tragen Gloss auf den Lippen, Lack auf den Nägeln, Freundschaftsbänder an den Handgelenken. Und sie posieren für die Kamera, lolitahaft, fast so, als wären sie sich ihrer beginnenden Weiblichkeit bewusst.

Rania Matar
Helena Goessens

Rania Matar

Matar hält nicht nur die zwei Welten zwischen Kindheit und Frausein fest, sondern taucht auch geografisch in zwei Welten ein. Sie fotografiert Mädchen aus den USA und aus dem Libanon. Mädchen, die in reichen Familien wohnen und welche, die in Flüchtlingslagern hausen. Hier schicke Zimmer und modische Kleidung, dort Plastikschlappen und karge Wände.

"Obwohl die Mädchen so unterschiedlich aufwachsen, teilen sie den Schmerz des Älterwerdens", sagt Matar. Ihr sei es wichtig gewesen, das festzuhalten. Sie habe den Nahen Osten einmal anders zeigen, den Fokus umlenken wollen.

Die Mädchen aus "L'enfant femme" hat die Fotografin einige Jahre später erneut porträtiert für ihr Projekt "Becoming". Die ersten Aufnahmen mit den Teenagern seien meist nicht so gut gewesen, weil sie noch zu verschlossen gewesen seien oder zu sehr posiert hätten, sagt Matar. "Wenn ich meine Kamera weglege, weil ich die Filme tauschen muss, dann tauen sie meist auf."

Für ihr neues Projekt "Unspoken Conversations" hat Rania Matar Mütter und Töchter gemeinsam fotografiert. Es sei schwierig gewesen, deren Beziehungen einzufangen, sagt sie. Mütter und Töchter würden sich oft lieben und gleichzeitig hassen.

Derzeit stellt das Amon Carter Museum of American Art in Texas Fotografien aus allen Serien von Rania Matar aus. Die Werke sind bis zum 17. Juni zu sehen, weitere Informationen finden Sie hier.



insgesamt 2 Beiträge
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franxinatra 31.12.2017
1. Der 'Schmerz des Älterwerdens' ist doch eher die Folge
einer identitätsverachtenden Idolkultur, die mit den den ganz Selbst überhaupt nichts zu tun hat; man darf ruhig tiefer graben um die Wurzeln des reifungsprozesses zu brgreifen: wir sind mit unserer polarisierten Sexualität zwischen religiöser Verneinung und orgasmischem Leistungssport alles andere als aufgeklärt! Sich zwischen diesen Extremen seiner Verletzbarkeit bewust zu werden ohne sich selbst zu verraten ist die Herausforderung, deren Allgemeingültigkeit so wenig verstanden wird.
Ehemaliger Stuttgarter 31.12.2017
2. Stimmt genau...
Zitat von franxinatraeiner identitätsverachtenden Idolkultur, die mit den den ganz Selbst überhaupt nichts zu tun hat; man darf ruhig tiefer graben um die Wurzeln des reifungsprozesses zu brgreifen: wir sind mit unserer polarisierten Sexualität zwischen religiöser Verneinung und orgasmischem Leistungssport alles andere als aufgeklärt! Sich zwischen diesen Extremen seiner Verletzbarkeit bewust zu werden ohne sich selbst zu verraten ist die Herausforderung, deren Allgemeingültigkeit so wenig verstanden wird.
…mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Wer man wirklich ist und wie man das herausfindet scheint keine Rolle mehr zu spielen, das gilt für junge Männer prinzipiell genauso. Guten Rutsch.
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