Frankreich Hollande plant Anti-Terror-Unterricht an Schulen

Schüler sympathisieren mit den Attentätern und boykottieren Schweigeminuten für die Opfer: Nach den Terroranschlägen von Paris will Frankreichs Präsident junge Menschen gezielt für die Werte der Republik verpflichten - mit einem eigenen Schulfach.

Große Worte: Nach den Anschlägen will Hollande die Schule "neu gründen"
AFP

Große Worte: Nach den Anschlägen will Hollande die Schule "neu gründen"


Als Konsequenz aus den islamistischen Anschlägen mit 17 Todesopfern in Frankreich soll an allen Schulen des Landes ein Unterricht in Staatsbürgerkunde eingeführt werden. Dies kündigte Staatschef François Hollande in einer Rede an der Pariser Universität Sorbonne an.

Es gehe darum, den Schülern bereits ab der ersten Klasse und bis zum Abitur die "Grundregeln" der Republik zu vermitteln, sagte der Sozialist vor Abgeordneten, Rektoren, Lehrern und weiteren Vertretern des Bildungswesens. Zu diesen Regeln gehöre auch der Grundsatz der Laizität, also der Trennung von Staat und Kirche. Laizismus richte sich nicht gegen die Religionen, sie garantiere im Gegenteil die Religionsfreiheit, sagte Hollande.

Staatsbürgerkunde soll im September starten

Wegen der strikten Trennung von Staat und Kirche gibt es an den französischen Schulen in der Regel keinen Religionsunterricht. Das neue Fach solle daher auch einen "laizistischen Unterricht zum Thema Religion" umfassen, sagte der Präsident. Ziel sei es, in der Schule gegen Intoleranz, Rassismus und Diskriminierungen anzukämpfen. Der Unterricht soll im September beginnen. Außerdem wünscht Hollande sich, dass der Tag der Laizität am 9. Dezember künftig in allen Bildungseinrichtungen gefeiert wird.

Die französische Lehrergewerkschaft SNALC-FGAF begrüßte den Plan, warnte aber vor allzu großen Erwartungen an ein neues Unterrichtsfach. "Man weiß sehr wohl, dass das Gespräch in der Schule sehr viel weniger ins Gewicht fällt als das Gespräch in der Familie oder im Stadtviertel", schrieb der Nationalsekretär des Verbandes, Jean-Rémi Girard, in einem Beitrag für figaro.fr. Deshalb müsse man über die Schule hinaus blicken.

Schüler protestierten gegen Schweigeminunten

Hollande forderte zudem ein strenges Vorgehen gegen Schüler, die im Unterricht die Werte der Republik in Frage stellen. Künftig werde "kein Zwischenfall" dieser Art ohne Folgen bleiben. "Es hat Zwischenfälle gegeben, wir sollten sie aber weder überbewerten noch unterschätzen", sagte Hollande.

Nach den Anschlägen vor zwei Wochen auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo", einen jüdischen Supermarkt in Paris sowie eine Polizistin hatten sich in manchen Klassen Schüler geweigert, eine Schweigeminute für die Opfer der islamistischen Täter einzuhalten.

Der französische Präsident kündigte ferner Maßnahmen an, um die Chancengleichheit der Kinder in Frankreich zu verbessern. Vor allem in Problemvierteln gebe es zu viele Schul- oder Studienabbrecher. Sie sollen künftig bis zum 25. Lebensjahr die Chance haben, ihren Abschluss nachzuholen. "Sie bekommen eine zweite, oder gar eine dritte Chance."

bkr/vwu/afp



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
schokomuffin 22.01.2015
1. Gute Idee
aber Frankreich ist ja eh viel fortschrittlicher als Deutschland, dort gibt es viel mehr Freiheit als hier!
Rinax 22.01.2015
2.
Meine Oma sagt oft, wenn sie so was der so ähnliches sieht, dass es den meisten zu gut geht und die alle mal einen Krieg oder eine echte Naturkatastrophe brauchen um aus ihrer Kuschelwelt mit roter Kuschelpädagogik aufzuwachen. Ich würde den Kids das ungekürzte Video zeigen als der Polizist erschossen wurde und dann jedes Detail mit gezielter Empathie in Verbindung bringen.
pm22 22.01.2015
3.
Sollte in Deutschland auch eingeführt werden. Ein Unterrichtsfach, Gesellschaftskunde, 1x die Woche. Was ist eine Gesellschaft, wie verhalte ich mich in einer Gesellschaft, nutzen einer gewaltfreien Gesellschaft, Konsequenzen für Fehlverhalten usw. Gewalt gehört verpönt und an den Pranger. Leider wird an einigen Schulen eine gewaltbereite Machokultur mehr oder weniger hingenommen.
ImperatorAugustus 22.01.2015
4. Strenges Vorgehen bei nicht genehmer Meinung??
Zitat: Hollande forderte zudem ein strenges Vorgehen gegen Schüler, die im Unterricht die Werte der Republik in Frage stellen. Künftig werde "kein Zwischenfall" dieser Art ohne Folgen bleiben. "Es hat Zwischenfälle gegeben, wir sollten sie aber weder überbewerten noch unterschätzen", sagte Hollande. So klingt das nach keiner guten Idee - wo bleibt die Meinungsfreiheit? Wo bleibt die Debattenkultur? Ergebnis wird doch nur sein, dass die entsprechenden Schüler einfach die Klappe halten in der Schule, so dass es dort zu keiner Auseinandersetzung kommen kann. Damit fällt die Schule als Dialogpartner flach.
tinosaurus 22.01.2015
5. richtig
Eine gute Idee, die wir auch in deutschen Schulen umsetzen sollten.
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