Frankreich Tausende Lehrer klagen über Gewalt an Schulen

Unter dem Hashtag #pasdevague erzählen Frankreichs Lehrer, welche Gewalt sie an ihrer Schule aushalten müssen. Ihre Wut richtet sich auch gegen die Regierung, die zu wenig gegen aggressive Schüler unternimmt.

Gymnasium in Créteil
AFP

Gymnasium in Créteil

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Créteil ist ein schmuckloser Vorort von Paris. Hier reihen sich Hochhaussiedlungen aneinander, es gibt einen großen Park, ein großes Einkaufszentrum, die Universität Paris XII und einen Anschluss an das Metrosystem der Hauptstadt.

Créteil gehört zu den ärmeren Vororten, auch Banlieues genannt, in denen Schulen häufig mit Gewalt und die Schüler mit Perspektivlosigkeit zu kämpfen haben.

Vor einigen Tagen kam Créteil in die Schlagzeilen, weil ein 16 Jahre alter
Schüler des Gymnasiums Edouard Branly seiner Lehrerin für Biotechnologie eine Waffenattrappe an den Kopf gehalten hatte. Sie sollte ins Klassenbuch schreiben, dass der Schüler am Unterricht teilnehme. Die Lehrerin, die erst im Nachhinein erfuhr, dass es sich um eine Attrappe gehandelt hatte und in der Situation ruhig geblieben war, hat inzwischen Anzeige gegen den Schüler erstattet.

Auf Twitter berichten nun Frankreichs Lehrer über ihre Erfahrungen mit Gewalt in Klassenzimmern. Unter dem ironischen Hashtag #pasdevague (keine Welle), frei übersetzt mit "kein großes Aufheben machen" äußern Tausende von ihnen ihren Unmut über die Gewalt, der sie an ihren Schulen ausgesetzt sind und kritisieren, dass sie sich nicht genug von der Regierung unterstützt fühlen.

Eine Lehrerin twittert etwa, dass ein Schüler sie als "dreckige Hure" beschimpft hatte. Die Direktorin habe ihr daraufhin gesagt, sie hätte sich vielleicht verhört. "Zum Glück habe ich ein Dutzend Sechstklässler als Zeugen", schreibt die Lehrerin.

Eine andere Lehrerin: "Ich wäre gern mehr unterstützt worden, als mich ein Schüler vor ein paar Jahren auf dem Flur meiner Schule geschlagen hat. Aber von oben hieß es nur, ich solle mir das nicht so zu Herzen nehmen."

Eine Lateinlehrerin twittert: "Ich wurde angespuckt und mir wurde gedroht, mich zu verprügeln. Strafe: keine."

Eine andere Lehrerin schreibt: "Ich muss an einen Kollegen denken, der von einer siebten Klasse Morddrohungen erhalten hat. Unterstützung erhielt er nicht."

Viele Lehrer verstehen nicht, warum die Schulleitungen nicht härter durchgreifen. Es gebe im nationalen Bildungswesen eine Art Schweigegelübde wie bei der Mafia, heißt es in der Zeitung "Les Echos".

Frédérique Rolet, Generalsekretär der Lehrergewerkschaft SNES-FSU, sagte, die Tweets seien Zeugnisse des Leids. "Die Institutionen schützen ihre Lehrer nicht gut genug. Sie argumentieren, die Probleme seien persönliche, aber es sind strukturelle."

Die Abgeordnete der liberalen politischen Partei La République en Marche (LREM), Aurore Bergé, erklärte: "Wenn es nötig ist, Wellen zu schlagen, müssen wir Wellen schlagen, um die Lehrer zu unterstützen." Annie Genevard, Generalsekretärin der Republikaner twitterte: "Die Situation ist nicht hinnehmbar, wir erwarten harte Maßnahmen."

Rodrigo Arenas, Präsident der Föderation der Elternräte (CIPF) von Seine-Saint-Denis im Norden von Paris, kritisierte, dass Lehrer häufig in Situationen, die sie überfordern, alleingelassen werden. "Wenn sie es melden, ist es wie ein Eingeständnis des Scheiterns." Schuld an der Misere sei das Einsparen von Personal. So würde es an den Schulen immer weniger Aufsichtspersonen, Psychologen und Schulärzte geben, schreibt "Le Monde".

Regierungssprecher Benjamin Griveaux versuchte indes, die Gemüter zu beruhigen. Es sei wichtig, dass die Lehrer aussprechen, was sie bewegt. Auch die Ressortchefs für Erziehung und Inneres, Jean-Michel Blanquer und Christophe Castaner, hatten zuvor einen Aktionsplan angekündigt, um Vorfälle wie diesen zu unterbinden. Auch Frankreichs Präsident, Emmanuel Macron, meldete sich zu Wort. "Es ist nicht hinnehmbar, einen Lehrer zu bedrohen", schrieb er auf Twitter.

Auch in Deutschland wird seit Ende vergangenen Jahres wieder vermehrt in den Medien und in Talkshows über Gewalt an Schulen diskutiert. Lehrer der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken klagten im Dezember über ein Klima der Angst, Aggressivität und Respektlosigkeit. An einer Grundschule in Sachsen-Anhalt berichteten Lehrer im Februar in einem Brief über "extreme körperliche Gewalt". Und aus einer Schule in Oberbayern hieß es im März, die Lehrer hätten die Kontrolle über den Unterricht verloren.

So forderte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Helmut Holter, unlängst Lehrer dazu auf, die Täter anzuzeigen. "Wir müssen uns mit solchen Gewalttaten auseinandersetzen" - verbale wie tätliche. "Alle Fälle, die im Bereich des Straftatbestandes liegen, sollten zur Anzeige gebracht werden - auch wenn Kinder nicht strafmündig sind." Schüler müssten die Konsequenzen ihres Handelns spüren, empfahl der Linken-Politiker. Durch eine Strafanzeige würden sich Eltern und Schüler mit den Taten auseinandersetzen.

Gewalt an Schulen
  • Getty Images / Johner RF
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