Bildung Frankreich führt Schulpflicht für Dreijährige ein

Um volle drei Jahre verlängert Frankreichs Präsident Macron die Schulpflicht in seinem Land. Er hat in der Vorschule einen strategischen Vorteil seiner Nation erkannt.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron besucht eine Vorschule in Paris
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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron besucht eine Vorschule in Paris

Von , Paris


An einer Vorschule im 19. Pariser Bezirk verkündete Präsident Emmanuel Macron den kleinen Franzosen Historisches: Um drei Jahre soll die Schulpflicht ab September dieses Jahres verlängert werden. Die Vorschuljahre werden damit für die Allerkleinsten verpflichtend.

Ab dem Alter von drei Jahren ist jedes französische Kind dann schulpflichtig - und nicht mehr ab sechs Jahren, wie es bisher nicht nur in Frankreich, sondern auch in ganz Deutschland per Ländergesetz vorgeschrieben ist.

Noch nie wurde die Schulpflicht so stark verlängert

Wie selten ein solcher Eingriff ist, zeigt die französische Geschichte. Nach Einführung der Schulpflicht im Jahr 1882 wagten nur zwei französische Regierungen, das Schulpflichtalter zu ändern. Die durch Utopien geleitete linke Volksfront entschied 1936, dass jeder Franzose statt bis zum 13. bis zum 14. Lebensjahr schulpflichtig sein sollte. Und der nie um historische Entscheide verlegene Präsident Charles de Gaulle hob das Schulpflichtalter im Jahr 1959 noch mal bis zum 16. Lebensjahr an. Erst jetzt wagt Macron wieder eine Verlängerung der Schulpflicht. Plus drei Jahre sind zudem mehr, als jede französische Regierung vor ihm hinzufügte.

"Das Schicksal Frankreichs war schon immer in sein Erziehungssystem gemeißelt. Der bisher am wenigsten verstandene Teil des Systems aber ist die Vorschule", begründete Macron in einer Rede vor 400 Vorschullehrern in Paris am selben Tag seine Entscheidung. Man durfte aufhorchen! Denn eigentlich beneidet die halbe Welt die Franzosen um ihr flächendeckendes dreijähriges Vorschulsystem, das von weit denkenden Politikern des französischen Widerstands gegen die Nazis schon am Ende des Zweiten Weltkriegs eingeführt wurde. Besonders vorbildlich erschien das System immer aus deutscher Sicht. Mit der neudeutschen Diskussion der Merkel-Ära um den gesetzlichen Anspruch auf Kitaplätze durften sich Franzosen bisher in die Nachkriegsjahre zurückversetzt fühlen.

Und doch gibt es offenbar auch in Frankreich einen Nachholbedarf. Denn der Perfektionist Macron ist mit der französischen Vorschule unzufrieden. In seiner Rede kritisierte er die eigentlich schon astronomisch hohe Zahl von 97 Prozent der Kinder eines Jahrgangs, die heute bereits die Vorschule besuchen. Denn das seien drei Prozent zu wenig, die der Gesellschaft später jede Menge Probleme machten. Auch traute Macron den eigenen staatlichen Angaben nicht: Hinter der 97-Prozent-Zahl von Vorschulgängern versteckten sich viele arme Familien, die ihre Kinder nur vormittags zur Schule schickten, um die Kosten für die Kantine zu sparen. Unter der zukünftigen Schulpflicht, kündigte Macron an, bekämen sie das Kantinengeld vom Staat bezahlt.

Durch Neurowissenschaften gestütztes Lernen

Doch es ging dem Präsidenten nicht nur darum, den Armen zu helfen. "Mit Macron halten die Neurowissenschaften in der Vorschule Einzug", sagte die 52-jährige Vorschulpädagogin Sylvie Cuculou. Im Alltag arbeitet Cuculou als Vorschulinspektorin des Erziehungsministeriums. Täglich besucht sie Vorschulen in den Pyrenäen. Deren spiel- und musikbetontes Lernen werde heute durch die Neurowissenschaften gestützt, sagte Cuculou, denn es fördere die emotionale Sicherheit des Vorschulkindes, ohne die alles Lernen vergeblich sei.

Vor Macron sprach an diesem Tag der Pariser Neuropsychologe Boris Cyrulnik vom "dritten Weg der französischen Vorschule". Diese lehne den "unmenschlichen Weg" der asiatischen Vorschulen ab, wo die Kinder von morgens bis abends lernen müssen, und könne auch den vorbildlichen Weg Skandinaviens nicht gehen. "Haben Sie in Norwegen je einen Lehrer oder Schüler schreien hören? Hier in Frankreich wird an der Schule ständig geschrien", bemerkte Cyrulnik am Rande der Veranstaltung gegenüber SPIEGEL ONLINE. Also bedürfe es eines dritten Weges. "Lernerfolg allein wie in Asien führt zur Neurose. Wir müssen in der Vorschule dagegen den Schulwettlauf verlangsamen, damit die Schüler ihr im ganzen Leben benötigtes Selbstvertrauen gewinnen", so Cyrulnik.

Das gefällt wohl auch Macron, dem langjährigen Freund des Neurowissenschaftlers. "Selbstvertrauen ist Pflicht" könnte sein Motto für die Vorschule lauten. Der Präsident hat in seiner elfmonatigen Amtszeit schon viele Schulreformen angestoßen - in der Grundschule, beim Abitur, beim Universitätszugang. Die Vorschule dagegen erklärt er zur Pflicht und versucht, ihr neue wissenschaftliche Methoden einzuimpfen.



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