Streit zwischen Schülern, Eltern, Lehrern Handys an Schulen - verbieten oder nutzen?

Handys lenken ab, Handys vermasseln die Noten, Handys nerven - und Frankreich hat sie deshalb nun aus allen Schulen verbannt. Ist das sinnvoll oder kurzsichtig?

Gelangweilte Schülerinnen mit Smartphone
Getty Images/Westend61

Gelangweilte Schülerinnen mit Smartphone

Ein Pro und Kontra von Simone Fleischmann und


Das französische Parlament hat ein absolutes Handyverbot an Schulen beschlossen - und auch in Deutschland streiten sich Lehrer, Schüler und Eltern immer wieder leidenschaftlich über dieses Thema.

Wer darf wann wo sein Handy benutzen und für was? Mit dieser Frage gehen deutsche Schulen ganz unterschiedlich um. Bayern ist bisher das einzige Bundesland, das per Schulgesetz Smartphones, Laptops und auch Kameras in Schulen verbietet - sofern sie nicht für den Unterricht gebraucht werden.

Doch ist das sinnvoll? Der Lehrer und Autor Arne Ulbricht sagt Ja: "Langfristig wird ein Handyverbot an Schulen eine Art Suchtprävention werden." Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, widerspricht: Smartphones gehörten zu unserer Gesellschaft dazu - und Schulen müssten den verantwortungsvollen Umgang mit ihnen lehren.

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Kontra

Simone Fleischmann

imago/APress

"Handys gehören einfach dazu!"

"Ein Handyverbot an Schulen ist der falsche Weg. Für Lehrer mag es zwar erstmal weniger Stress bedeuten - aber indem man Handys verbannt, sind sie doch aus den Köpfen nicht weg. Die Aufgabe von uns Lehrern ist es, Kinder auf die Gesellschaft von morgen vorzubereiten. Und die Gesellschaft von morgen wird digital sein, daran lässt sich nichts ändern.

Natürlich können wir Schulen zum Schutzraum erklären, wie das gerade in Frankreich gemacht wird. Aber die Kinder, die aus diesem Schutzraum kommen, werden später im internationalen Vergleich abgehängt sein. Wenn sie nicht in der Schule lernen, wie man mit den Herausforderungen der digitalen Zeit umgeht - wo dann?

Nach demselben Prinzip könnte man auch sagen: Inklusion ist prima, aber in der Schule wollen wir uns damit nicht beschäftigen. Wie eine inklusive Gesellschaft gelingen kann, sollen die Schüler dann als Erwachsene nach der Schule herausfinden. Das kann doch nicht funktionieren.

In der Schule wurden schon immer mit jungen Menschen Regeln ausgehandelt. Wenn einer am Boden liegt, tritt man nicht noch mal hinterher zum Beispiel. Oder: Ein Schulbuch ist zum Lesen da und nicht dazu, es jemand anderem auf den Kopf zu hauen. Genau solche Regeln brauchen wir nun für den Umgang mit dem Handy.

Medienerziehung muss groß gedacht werden - eigentlich müsste der Staat sogar jedem Schüler ein eigenes Smartphone für den Unterricht bereitstellen. Denn genau wie Whiteboards, Beamer und Bücher gehören sie heutzutage einfach zur Gesellschaft dazu. Und viele Lehrer nutzen sie auch schon ganz selbstverständlich im Unterricht. Sie helfen damit den Schülern, einen sicheren und kritischen Umgang mit den neuen Medien zu lernen: Was ist vernünftig, was nicht? Wo gibt es Grenzen? Was ist erlaubt, was nicht?

Lehrkräfte, die im Unterricht die Gefahren des Cybermobbings thematisieren, Fallbeispiele analysieren und offen mit den Schülern darüber reden, leisten einen wichtigen Beitrag im Sinne der Prävention - und wie sich zeigt: Sie sind erfolgreich damit.

Ein von oben verordnetes Handyverbot dagegen kann nicht zum Erfolg führen. Dann wird eben schnell heimlich auf der Toilette eine Nachricht via WhatsApp geschrieben oder der Facebook-Stream gecheckt. Viel besser ist es doch, wenn jede Schule zusammen mit den Schülern ein eigenes Medienkonzept entwickelt. Auf diese Weise 'ausgehandelte' Regeln werden nicht als Verbote wahrgenommen - und bereiten die Schüler auf ein Leben in der digitalen Gesellschaft von morgen vor."

Simone Fleischmann, Jahrgang 1970, ist Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). Die ehemalige Schulleiterin, Schulpsychologin und Leiterin der Abteilung Berufswissenschaften leitete unter anderem zehn Jahre lang eine Grund- und Mittelschule in Poing bei München.

Pro

Arne Ulbricht

Daniel Schmitt

"Ein Handyverbot ist ein absoluter Segen!"

"Die französische Nationalversammlung steht im Jahr 2018 wieder für etwas Revolutionäres! Denn in einer Zeit, in der der Handykonsum immer hysterischer wird und Menschen bedauert werden, die nicht über WhatsApp kommunizieren, ist ein solches Verbot nichts anderes als eine Bildungsrevolution - und ein absoluter Segen.

Denn leider geht es nicht ohne ein einheitliches Verbot. Das beweist das Chaos an deutschen Schulen, wo jede ein anderes Konzept hat. Und da Eltern, die beim Kinderwagenschieben Facebook checken oder Pokémon Go spielen, längst als Vorbilder ausfallen, muss die Politik ran.

Ein solches grundsätzliches Verbot hat nur Vorteile, und wenn es wirklich alle Schulen betrifft, dann wird es wie das Rauchverbot auch leicht umsetzbar sein. Dann wird es zur Normalität werden, dass zumindest Bildungsanstalten ein Ort werden, an dem sich Hannes und Alexei nicht auf dem Pausenhof heimlich Pornos oder Hinrichtungen anschauen. Ein Ort, an dem Paul, Samuel und Beyla wieder direkt ins Gespräch kommen und so lernen, dass dieser ganze virtuelle Mist, der neben den vernünftigen Dingen im Netz verbreitet wird, nicht so ernst zu nehmen ist.

Ein Ort, an dem Peer und Bülent nicht mehr durchgehend angreifbar sind, weil sie eben nicht durchgehend online sind. Ein Ort, an dem es nicht darum geht, wer das tollste Apple- oder Samsung- oder Wasauchimmergerät hat. Und - ganz wichtig - ein Ort, an dem sich Moritz, der den Faden in Mathe verloren hat, im Unterricht besser konzentrieren wird, weil er merkt, dass niemand seiner Kumpels mehr heimlich whatsappt, weshalb auch das eigene Bedürfnis nachlässt.

Und natürlich werden Celine und Eric, wenn sie nicht mehr schnell das Handy zücken können, begreifen, dass Wissen nur etwas nützt, wenn es auf der eigenen Festplatte gespeichert ist - dem Gehirn! Ein solches Verbot wird sich konkret auf das Lernverhalten auswirken. Und zwar positiv.

Langfristig wird dieses Gesetz eine Art Suchtprävention werden, und es bleibt zu hoffen, dass Lehrer und Eltern mitziehen und Smartphones irgendwann als Gebrauchsgegenstände betrachten, die man nicht alle fünf Minuten braucht, um irgendeinen Käse zu posten oder um auf eine Unsinnsnachricht zu reagieren.

Als ich von der französischen Bildungsrevolution erfahren habe, wären mir fast die Tränen gekommen - ich bin mir bewusst, dass ich allein dafür viel Spott ernten werde. Aber ich finde diesen Schritt derart richtig, dass ich meine Begeisterung kaum in Worte fassen kann. Ich habe zwei Schuljahre in Frankreich unterrichtet, und in einem solchen Moment bringt es noch mehr Spaß, Frankreich zu lieben.

Und wer weiß, vielleicht werde ich in ein paar Jahren, wenn die deutsche Bildungspolitik weiterhin auf Extrem-Digitalisierung setzt, in Frankreich um Bildungsasyl bitten, um dort an einer handyfreien Schulen zu unterrichten."

Arne Ulbricht, 46, unterrichtet Französisch und Geschichte in Teilzeit. Er besitzt kein Smartphone, dafür aber eine eigene Website.

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insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
Gallandor 31.07.2018
1. Gibt nur eine Antwort: Ja zum Verbot.
Dinge die Dopamin ausschütten und damit süchtig machen: Alkohol, Zigaretten, Glückspiel, Social Media Dinge die eine Altersbeschränkung haben: Alkohol, Zigaretten, Glückspiel .. Was fehlt? Richtig, Social Media! Kids und Teens müssen zu erst lernen miteinander umzugehen. Menschliche Beziehungen werden nicht über Social Media/Messenger/e-Mail aufgebaut. Wer einen Blick in die Zukunft erhaschen will, werfe einen Blick nach Japan.
Crom 31.07.2018
2.
Es reicht aus, dass Smartphones und andere Geräte während des Unterrichts auf stumm geschalten in der Tasche verbleiben. Warum man den Schülern die Nutzung während der Pause versagen möchte, konnte mir bisher niemand beantworten. Die einen toben in der Pause, andere gucken halt aufs Smartphone, na und? Vielleicht korrigiert der eine oder andere noch schnell seine Hausaufgaben, das ist ja auch nicht verkehrt. Während meiner Schulzeit habe ich Freistunden jedenfalls intensiv für Hausaufgaben genutzt. So etwas wie Wikipedia wäre damals sehr hilfreich gewesen.
noalk 31.07.2018
3. Warum dann Rauchverbot?
".. eigentlich müsste der Staat sogar jedem Schüler ein eigenes Smartphone für den Unterricht bereitstellen. ..." - - - Und gleich ein Auto dazu? Was noch alles? Haschisch und Koks zum Selbsttest? Wischmobs sind zum philosophischen Thema geworden. In der Philosophie gibt es ja bekanntlich zu jeder Meinung eine konträre.Wäre ich Lehrer, würde ich mir den Gebrauch von Wischmobs während des Unterrichtes verbitten,schon wegen der DSGVO.
mborevi 31.07.2018
4. Ein Verbrechen an ...
... den Kindern sind Handys an den Schulen. Keine Aufmerksamkeit, kein Lernen, keine Ruhe und Konzentration. Ergebnis: Nervenbündel die nichts leisten und unglücklich sind.
willibrand 31.07.2018
5. aber
die Eltern wollen, dass sie ihre Kinder auch in der schule erreichen können, zB die Mutti muß ihre Tochter 1 stunde eher abholen und auch den Kevin , der will nicht also muß mutti den Vati mobilisieren der dann dem Kevin sagt wann er kommt. Und wie soll das ohne Handy gehen ? und dann könnte ja noch die Oma via facebook mitteilen was die Kinder zum Mittagessen wünschen. Soll die Rauchzeicheninfo eingeführt werden ? Fazit gebt den Kids ihr Handy und haltet sie schön dumm.
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