Französisch-Zwang Baden-Württembergs Kultusminister lenkt ein

Die Pflicht zum Französischlernen in Baden-Württemberg ist passé. Nach einer peinlichen Schlappe vor Gericht muss Kultusminister Helmut Rau seine Pläne aufgeben - Fünftklässler an Gymnasien können fortan auch andere Fremdsprachen lernen.


Er werde nicht versuchen, Französisch per Gesetz als erste Fremdsprache einzuführen, kündigte der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU) an. "Ich glaube, dass wir die Akzeptanz nicht über die Gesetzgebung erlangen können."

Kultusminister Rau: Muss seinen Kurs korrigieren
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Damit reagierte Rau auf eine heute gefällte Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs in Mannheim - per einstweiliger Anordnung wurde eine Rechtsverordnung des Stuttgarter Kultusministeriums bis zur Hauptverhandlung ausgesetzt. Auch im Hauptsacheverfahren werde die Verordnung "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" aus formellen Gründen keinen Bestand haben, hatte ein Gerichtssprecher gesagt.

Denn das Ministerium habe vorrangig aus politischen und nicht aus pädagogischen Gründen Französisch als erste Fremdsprache einführen wollen. Dafür sei jedoch ein förmliches Gesetz nötig, das der Landtag beschließen müsse. Eine Rechtsverordnung reiche nicht aus, wenn eine Regelung so stark in die Grundrechte von Schülern und Eltern eingreife. Innerhalb eines Bundeslandes müsse eine Schulausbildung ohne Brüche und Benachteiligungen gewährleistet sein (Aktenzeichen 9 S 1298/07).

Lieber Englisch und Latein

Die Verordnung des Ministeriums sollte am 1. August in Kraft treten und zum Beginn des neuen Schuljahres am 10. September greifen. Alle Fünftklässler an Gymnasien in dem rund 30 Kilometer breiten und 180 Kilometer langen Korridor an der Grenze zu Frankreich sollten fortan Französisch lernen - während in allen übrigen Landesteilen in der Regel Englisch als erste Fremdsprache auf dem Stundenplan steht.

Betroffen waren rund 60 Gymnasien. Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) hatte argumentiert, das Französischlernen erleichtere Kindern den Weg in die Mehrsprachigkeit und bringe auf dem Arbeitsmarkt Vorteile.

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Das sahen viele Eltern ganz anders. Mehr als 3000 allein in Freiburg sprachen sich gegen Französisch als erste Pflichtfremdsprache an badischen Gymnasien ausgesprochen. Das sind fast 90 Prozent der dortigen Grundschuleltern. Ein Schüler aus Karlsruhe und dessen Mutter beschlossen zu klagen Der Schüler sah sich in seinem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit verletzt, seine Mutter forderte, dass ihr Sohn in der fünften Klasse seine Wunschkombination Englisch und Latein wählen darf. Die beiden stellten einen Eilantrag.

Sie können sich freuen: Durch die einstweilige Anordnung des Gerichts sind die Schulen in Grenznähe dazu verpflichtet, wieder Englisch als erste Fremdsprache anzubieten. Zudem, so die Richter, könnte das Pflichtfranzösisch zu Benachteiligungen führen, wenn Schüler in verschiedenen Landesteilen unterschiedliche versetzungsrelevante Fremdsprachen lernen und dann innerhalb des Landes umziehen müssten.

Minister unter heftiger Kritik

Paul Droll, Vorsitzender der Direktorenvereinigung der Gymnasien in Südbaden, sagte: "Das Urteil bringt Entspannung in den Streit, weil es dem Elternwillen dient und der Profilierung der einzelnen Schulen." Der Philologenverband Baden-Württemberg forderte die "völlige Widerherstellung der bisherigen Sprachen-Wahlfreiheit".

Auch Elternverbände, Wirtschaftsvertreter, SPD, Grüne und FDP im Landtag begrüßten die Entscheidung. Zugleich übten sie Kritik an Rau. Wegen der "Sturheit" des Kultusministers müssten Kinder, Eltern und Lehrer nun "in den Ferien völlig neu über die Sprachenwahl entscheiden", sagte die Bildungsgewerkschaft GEW. Das Urteil einen Tag vor Ferienbeginn werde für Chaos sorgen.

Die Anordnung sei eine "Ohrfeige" für Rau, erklärte SPD-Fraktionschef Ute Vogt. SPD-Generalsekretär Jörg Tauss bezeichnete es als "Armutszeugnis", dass Gerichte dem Elternwillen zum Durchbruch verhelfen müssten: "Die Kinder dieses Landes sind nicht die Versuchskaninchen von Rau."

FDP-Fraktionschef Urlich Noll sprach von einer "peinlichen Niederlage" für den Minister. Der CDU-Fraktionschef Mappus hielt dagegen: Die FDP-Kritik sei "absurd, stillos und für einen Koalitionspartner schlicht und ergreifend "nicht akzeptabel".

Renate Rastätter, schulpolitische Sprecherin der Grünen, freute sich, dass mit dem Beschluss die "gravierenden Nachteile" für die Schüler an Gymnasien entlang des Rheins beseitigt seien.

kat/dpa/ddp/AP/AFP

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