Französische Schüler in Angst Einwandererkindern droht Abschiebung

Frankreich verschärft seinen Kurs gegen "sans-papiers", illegale Einwanderer, und will über die Sommerferien zahllose ausländische Schüler abschieben. Jetzt sammeln die Bürger Geld und Unterschriften, manche verstecken sogar Einwandererkinder - obwohl dafür Knast droht.


Nanshi kann sich diesmal nicht auf die Sommerferien freuen. Während Frankreichs Schulkinder den Sommermonaten Juli und August entgegenfiebern, fürchtet die elfjährige Tochter chinesischer Einwanderer, am Ende des Schuljahres alles zu verlieren: ihr Zuhause, ihre Freunde, ihre Schule. Nanshis Familie droht die Abschiebung, da sie "sans-papiers", Illegale, sind. Ein Aufschub des Innenministeriums für Schulkinder aus Familien illegaler Einwanderer läuft am 30. Juni ab.

Proteste vor einer Moschee in Paris (am 3. Juni): Die "sans-papiers" wehren sich
AFP

Proteste vor einer Moschee in Paris (am 3. Juni): Die "sans-papiers" wehren sich

Viele Nachbarn, Kollegen und Lehrer kämpfen inzwischen für ein Bleiberecht der Kinder. Angesichts des wachsenden Widerstands ließ Innenminister Nicolas Sarkozy am Dienstag für einen kleinen Teil der Betroffenen Ausnahmen ankündigen.

Wie vielen Schulkindern im Sommer die Abschiebung droht, weiß niemand genau. Während das Innenministerium einschließlich Erwachsenen die Gesamtzahl der Illegalen auf bis zu 400.000 schätzt, geht das Hilfswerk RESF (Réseau Education sans Frontières) von einer Million Menschen aus. "Je näher der Sommer rückt, desto mehr Menschen kommen in Panik zu uns", sagt die Pariser Lehrerin Marie-Cécile Plà, die Familien ohne Papiere berät. "Heute gehe ich davon aus, dass es mindestens 100.000 solcher Familien mit mehreren Kindern gibt."

Die Kinder illegaler Einwanderer werden ab sechs Jahren in Frankreichs Schulen aufgenommen, ohne dass Papiere vorgelegt werden müssen. Und so entdecken Schüler, Eltern und Lehrer oft erst nach Jahren, dass in Frankreich geborene Schulkameraden aus Familien ohne Aufenthaltserlaubnis stammen.

Doch angesichts des verschärften Kurses von Innenminister Sarkozy in der Ausländerpolitik steigt im direkten Umfeld der Betroffenen die Entrüstung. Mehr als 40.000 Unterschriften hat RESF gesammelt, in der die Unterzeichner zusichern, bedrohte Familien zu schützen oder unterzubringen - auch wenn dafür theoretisch fünf Jahre Gefängnis oder 30.000 Euro Bußgeld drohen.

Eltern besetzten Kindergarten

Dem steht die Forderung Sarkozys an seine Präfekten entgegen. Sie sollen die Zahl der Abschiebungen erhöhen: 25.000 werden in diesem Jahr angestrebt, im Vergleich zu 20.000 im Jahr 2005 und 15.000 im Jahr 2004. Sarkozy, Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur der konservativen UMP, will so das rechte Wählerspektrum bedienen. Schließlich erklärt sich eine Mehrheit der Franzosen mit einer restriktiven Einwanderungspolitik einverstanden. Dennoch ist die Mobilisierung für Schulkameraden und Nachbarn groß - oft unabhängig von der politischen Orientierung. "Wer solche Ausländer als die Freunde seiner Kinder kennt, hat plötzlich eine andere Haltung", erläutert Plà.

In Angers besetzten Eltern einen Kindergarten, um ein kleines Mädchen aus Kirgisien zu schützen, in Lyon wurde eine Armenierin versteckt, in Paris kümmern sich "Paten" um die Familie Chen und um eine Familie aus Ägypten. Rund ein Dutzend Fälle gibt es laut Presseberichten, in denen die Justiz Abschiebungserlasse zurücknahm - angesichts "der großen Erregung, die die Entscheidungen bei der Bevölkerung ausgelöst hatte".

Dem will Sarkozy entgegenwirken. Es soll keine Abschiebung für Kinder geben, die in Frankreich geboren wurden, ihre ganze Schulzeit dort verbracht haben und die Sprache des Heimatlandes ihrer Eltern nicht sprechen, wie das Innenministerium nun mitteilte. Das gelte für etwa 800 Familien, schrieb die Zeitung "Le Figaro": Sarkozy wolle mit der "Geste" Wählerstimmen im linken Lager fischen.

"Ein Tropfen im Meer", kritisiert Aktivistin Plà, die sich vor allem über das "Verbot der Zweisprachigkeit" entrüstet. "Das ist doch wieder Assimilierung statt Integration, das heißt doch wieder: Scham empfinden, für das, was man ist." Laut dem Netzwerk RESF würde Sarkozys Erlass gerade mal ein oder zwei Prozent der betroffenen Kinder die Abschiebung ersparen.

Von Kim Rahir, AFP

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