"Freaking"-Tanz US-Sittenwächter stoppen Porno-Polonaisen an Schulen

Ein Schmuddel-Schülertanz erregt Amerika: Minderjährige tanzen auf Partys, als hätten sie "Sex in Kleidern". Das Phänomen "Freaking" ist für Sittenwächter einfach Pornografie. Erste Schulen sagen deshalb jetzt ganze Partys ab.

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Die 15- und 16-jährigen Schüler drängeln sich im blau-roten Partylicht der Aula der Aliso Niguel Highschool in Kalifornien. HipHop-Beats wummern, Jungen und Mädchen bewegen sich mit den Hüften aufeinander zu. Sie pressen ihre Hintern in die Leistengegend der Tanzpartner. Zu zweit - zu dritt - in Gruppen. Mädchen stützen die Hände auf ihre Knie, strecken den Po weit hoch, lassen ihn im Rhythmus kreisen. Dann eine Polonaise: Mehrere Dutzend Schüler reiben die Becken aneinander. Das alles wurde auf Video gebannt - einem wahrlich grellen, reißerischen Video, schreibt die "Los Angeles Times" über das Phänomen, das zurzeit die Lehrer, Schüler und Eltern in den USA erregt wie wenig sonst.

Die Schüler nennen ihren Tanz "Freaking", er ist auf Schulpartys im ganzen Land verbreitet. Auch in Lateinamerika wird das heiße Gebalze auf der Tanzfläche zelebriert - der Tanz heißt wegen der mahlenden Bewegungen der Unterkörper auch "Grinding" ("Abschleifen"), ganz schlicht "der Anstößige" oder in Puerto Rico "Perreo" (das Slangwort für "Hund").

Die Freaks bewegen sich nur noch auf derlei provozierende Art zur Musik. "Sex in Kleidern" nennen es Fans wie Gegner. Die Beschreibung kommt dem Geschehen ziemlich nahe - entsprechend entsetzt sind viele Erwachsene. Als sexistisch und schmutzig empfinden sie den Tanz. Dass Teenager auf Schulpartys Geschlechtsverkehr simulieren, verstoße gegen Sitte und Anstand: "Das ist Pornografie", beklagt sich eine angewiderte Schulleiterin von vielen.

An der Aliso Niguel Highschool in Kalifornien ist der Kampf um das Freaking inzwischen so eskaliert, dass die Schule jetzt vorläufig alle Partys verboten hat - bis die Schüler die Anzüglichkeiten auf der Tanzfläche verlässlich stoppen. Der Auslöser war nicht zuletzt das Video. Die "Los Angeles Times" berichtet, Schüler hätten sich auf einer "Dschungel"-Mottoparty so anstößig bewegt, dass Rektor Charles Salter keine Alternative mehr sah.

"Das 'Tanzen' unserer jungen Leute von heute ist nur einen Schritt weit entfernt von dem, was eigentlich in der Hochzeitsnacht passieren sollte", sagte Salter. Er habe Hunderten Eltern zur Abschreckung Freaking-Videos gezeigt.

Außerdem warnte Salter alle Eltern per E-Mail. "Ich habe selbst Kinder", so zitiert der Online-Dienst "Orange County Register" den Rektor. "Ich würde weder jemandem erlauben, mit meiner Tochter auf diese Weise zu tanzen, noch dürfte mein Sohn die Tochter von jemand anderem so behandeln. Und ich betreue alle Schüler an meiner Schule wie meine eigenen Kinder."

"Manchmal geht es einfach zu weit"

Auch in der Windsor Highschool in der Nähe von Santa Rosa strich in diesem Jahr die Schulleiterin alle Tanzveranstaltungen: Drei Viertel der Schüler hätten sich auf einer Party zu Schuljahresbeginn unzweifelhaft anzüglich bewegt, sagte Patricia Law. "Es war höchste Zeit für eine Warnung." Die Schüler könnten ihre Partys zurückhaben, wenn sie sicherstellen, dass nur noch keusch getanzt wird.

Dem Nationalen Rektorenverband zufolge stehen Law und Salter mit ihren Sorgen keineswegs allein: In letzter Zeit hätten sich die Anfragen gehäuft, wie am besten mit dem ungehemmten Tanzstil umzugehen sei, sagte Sprecherin Shana Kemp der "Los Angeles Times". Jede Generation mache "Dinge, die von den Erwachsenen als unanständig angesehen werden. Manchmal geht es aber einfach zu weit".

Der Verband will neue Richtlinien für Tanzpartys aufstellen. So soll weniger HipHop gespielt werden. Schüler, deren Bewegungen zu anzüglich erscheinen, sollen von Partys ausgeschlossen werden. An einigen Schulen wurden schon Kampagnen wie "Freeze the Freak" gestartet ("Lass den Freak gefrieren"). An anderen tragen Aufsichtspersonen T-Shirts mit der ultimativen Aufforderung: "No Freaking".

"Sex, Drugs and Violence"

Dabei kommt der Protest ein paar Jahre zu spät - Freaking ist keineswegs ein neuer Trend. Der Tanz kam schon vor einem Jahrzehnt in Musikvideos auf und ist heute eng mit der Musikrichtung Reggaeton verknüpft, die besonders in Lateinamerika populär ist. Das simulierte Aneinanderreiben von Geschlechtsteilen in der Löffelchenstellung, der Kern des Tanzes, passt zum Grundprinzip des Reggaeton: "SDV" - "Sex, Drugs and Violence". Der Machismo ist in dieser Musik allgegenwärtig, entsprechend direkt sind die Bewegungen.

Auch die Gesellschaft in Puerto Rico reagierte zunächst empört. Zeitweise wurde der Tanz dort verboten. Doch mittlerweile scheint man sich mit dem "Perreo" arrangiert zu haben - weil Reggaeton kommerziell sehr erfolgreich ist.

Ganz anders in den USA. Dort gab es schon öfter Versuche, den verruchten Schmuddel-Schülertanz zu bändigen. Richter Pachal English in Atlanta, Georgia ließ zum Beispiel im Jahr 2000 einen Jugendclub schließen und verurteilte die Betreiber zu Haftstrafen. Bei den Tanzveranstaltungen des Clubs hatten Minderjährige im Freaking-Stil getanzt.

"Meine Mitschüler lagen praktisch aufeinander"

Freaking ist nicht der erste Tanz, der Sittenwächter in den USA empört: Mal hatten sie Angst vor Elvis Presley, mal sahen sie im Tango eine Gefahr. Als in den neunziger Jahren in Los Angeles der "Cripwalk" aufkam, witterten einige Schulleiter ebenfalls Gefahr. Schließlich war der Tanz ursprünglich ein Erkennungszeichen der "Crips", einer Straßengang, deren Mitglieder mit Fußbewegungen Wörter auf den Boden schrieben. Aus Videos von HipHop-Stars wurden derlei Bewegungen gestrichen. Als dann Jugendliche sie auf dem Pausenhof ausprobierten, wurde eingegriffen.

Und was denken jetzt die Schüler über die neue Sittenstrenge gegen den Schmuddeltanz? Ali Walker, 17, aus Laguna Beach ist dafür. Denn sie war bei ihrem ersten Highschool-Ball entsetzt: "Ich kam auf die Party, ging auf die Tanzfläche und verließ den Raum sofort wieder. Meine Mitschüler lagen praktisch aufeinander. Es war mir sehr unangenehm."

Andere Schüler sind weniger begeistert von der harten Linie. An der Aliso Niguel Highschool sagen jetzt viele, dass ein endgültiges Freaking-Verbot an der Schule ihnen nicht die Lust auf den Tanz nehmen würde. Sie würden einfach keine Schulpartys mehr besuchen.

"Ich würde einfach nicht mehr hingehen. Es wäre zu langweilig", sagte Chelsea Walsh, 15. "Wie sollen wir sonst tanzen?"



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