Freiwilligendienst in Caracas Als Kindergärtner in der Mördergrube

Sie helfen Kindern in einer der gefährlichsten Städte der Welt, in ihrem Zimmer hängt eine Karte mit den No-Go-Areas von Caracas: Die Abiturienten Kristina und Moritz sind dort im Einsatz, wo offizielle Freiwilligenprogramme keine Schulabgänger hinschicken, weil Schießereien und Mord zum Alltag gehören.

Sebastian Erb

Aus Caracas berichtet Sebastian Erb


Moritz ist in den Bus gestiegen, der ihn von der U-Bahn-Haltestelle hochfährt in sein derzeitiges Zuhause. Als Ausländer fällt er kaum noch auf: Sein T-Shirt ist rot, sein Blick gleichgültig genug, und wenn er auf Spanisch loslegt, passt auch der Slang.

Er zeigt aus dem Fenster: "Hier haben sie Morocho erschossen", sagt er. "20 Kugeln ins Gesicht." Moritz kannte ihn, waren sie doch Nachbarn in Cotiza, Caracas, Venezuela.

Mit ihrem Freund Moritz ist Kristina einmal mit der Seilbahn gefahren, die vom Parque Central aus über das Armenviertel San Augustín führt. In der selben Gondel saß ein junger Mann, er schaute nach unten, stand plötzlich auf, fuchtelte mit den Händen und sagte in sein Handy: Knall ihn ab, die Polizei kommt gleich. An der nächsten Station seien sie lieber schnell ausgestiegen, erzählt Kristina.

Für staatlich finanzierte Freiwilligendienste ist Venezuela tabu

Caracas ist eine hektische Millionenstadt, der es in dem Tal, in dem sie liegt, eng geworden ist. Die Hügel hoch drängeln sich die kleinen Häuser der dichtbesiedelten Armenvierteln, Barrios genannt. In einem der Viertel leben für ein Jahr Kristina Mauer, 21, aus Bremen und Moritz Hillebrecht, 20, aus Göttingen.

Sie helfen Kindern bei den Hausaufgaben und basteln mit ihnen. Sie machen das, was Tausende junge Deutsche nach der Schule machen. Aber ihr Freiwilligendienst ist anders, weil die Bedingungen hier anders sind. Caracas ist eine der gewalttätigsten Städte der Welt und die meisten Probleme gibt es in den Barrios.

Die staatlich finanzierten Freiwilligendienste "weltwärts" und "kulturweit" sind in Südamerika reichlich vertreten, aber ganz Venezuela ist für sie tabu. Zu gefährlich, sagt das Auswärtige Amt. Der "Freundeskreis Las Torres e.V." aus Mülheim an der Ruhr schickt trotzdem junge Erwachsene in die Hauptstadt. Unverantwortlich findet das Vereinsvorsitzende Christel Schuck nicht. Sie achteten auf eine besonders gute Vorbereitung und Betreuung, sagt sie. "In den zehn Jahren, die wir das machen, ist auch nichts Ernsthaftes passiert."

Die Freiwilligen müssen die Sicherheitsregeln einhalten, sagt Gisela Garcés, ihre Chefin. Die erste Regel lautet: Passt auf, wo ihr hingeht. Im Wohnzimmer der Abiturienten hängt an der Wand ein Stadtplan, die Namen der meisten Stadtteile sind mit gelbem Textmarker gekennzeichnet. Das heißt: No-Go-Area. Und die zweite Regel: Geht abends nach 21.30 Uhr nicht mehr vor die Tür und übernachtet im Zweifel lieber auswärts.

Am Freitagnachmittag nach Feierabend im Kinder- und Jugendzentrum laufen Kristina und Moritz durch die Gassen bergab, die so eng und verwinkelt sind, dass man den Himmel kaum sieht. Lautsprecherboxen stehen bereit für die Straßenpartys. Sie passieren graue Hochhäuser, an deren vergitterten Fenstern Wäsche hängt und einen Stand mit bunten Donuts.

Ene unsichtbare Linie teilt Caracas in Ost und West. Sie trennt Arm und Reich, Regierungsanhänger und Opposition. Bei Moritz merkt man, dass er einer ist, der im Barrio wohnt. "He, Alemán", ruft ihm einer zu. Die Leute hier kennen die Deutschen, das macht ihre Leben sicherer, sind sie überzeugt. Mehrfach schon wurden sie gewarnt, dass sie zu einer bestimmten Uhrzeit besser zu Hause bleiben sollen.

Zwischen Freitagabend und Sonntagmorgen: 29 Morde

Am Montagmittag plaudern Kristina und Moritz beim Mittagessen mit Kolleginnen über des Wochenende. Im Barrio hat ein junger Mann seinen Onkel erstochen und wurde am Sonntag festgenommen. Jetzt soll ein Killer bezahlt worden sein, um den Neffen zu töten.

In die Zeitungen schafft es die Geschichte nicht. Am Wochenende starben in Caracas 29 Menschen einen gewaltsamen Tod, und für die Medien war der Fall des jungen Taxifahrers spannender, der wegen seines Blackberrys ermordet wurde. Nach offiziellen Angaben wurden im Jahr 2010 in Venezuela rund 14.000 Menschen bei Gewaltdelikten getötet. Bei der Anzahl der Morde ist Caracas seit Jahren unter allen Städten weltweit auf den vordersten Plätzen. Meist sind es Raubmorde, oder die Opfer sterben wegen Kämpfen im Drogengeschäft.

Telefonieren sie mit Deutschland, sprechen Kristina und Moritz wenig über die Gewalt. Sie wollen nicht, dass sich Freunde und Verwandte Sorgen machen. Irgendwann sei es für sie normal geworden, Waffen zu sehen oder zu hören, dass wieder jemand erschossen wurde. "Man stumpft schon ab", sagt Moritz. "Man darf nicht zu viel an sich heranlassen, sonst kann man gleich gehen", sagt Kristina.

Wenn es einen trifft, den sie kannten, dann sind immer die gleichen Gefühle da: Trauer, Unverständnis, Wut. Es geht ihnen nahe, wenn die Oma eines Jungen ihnen sagt: Passt auf ihn auf, er ist der einzige, der mir geblieben ist. Fast alle Familien im Barrio haben Opfer zu beklagen. Wenn die Kinder im Jugendzentrum aufgefordert werden, zu malen was sie wollen, malen manche Pistolen und Leichen.

Die beiden jungen Deutschen sind keine Draufgänger, sie sind eher ruhig und nachdenklich. Warum, in aller Welt, bleiben sie in Caracas? Warum gefällt ihnen das Leben hier sogar, wie sie versichern? Die Menschen seien so herzlich hier, sagt Kristina dann. Sie würden richtig in die Familien integriert, sagt Moritz. Die Menschen seien voller Lebensfreude, trotz aller Gewalt - oder gerade deswegen.

Moritz schreibt SMS und bekommt danach Morddrohungen

Und Ihnen persönlich sei ja auch im Grunde nichts passiert, mal wurde das Handy geklaut, Moritz wurde einmal überfallen, aber alles ist glimpflich verlaufen. Sie leben gerne in einer Stadt, in der deutsche Freiwillige und Touristen die Ausnahme sind. Es schwingt wohl die Lust mit, etwas zu erleben, was nicht jeder erlebt, und daran zu wachsen. Das ging schon ihren Vorgängern so, keiner ist bislang vorzeitig nach Deutschland zurückgekehrt.

Natürlich wissen sie um das Risiko. Sie könnten durch Zufall in eine Schießerei geraten oder es könnte eine dumme Geschichte schlecht ausgehen. Eine Geschichte, wie sie Moritz erlebt hat. Ein Mädchen gab ihm auf einer Party ihre Handynummer, SMS gingen hin- und her, dann rief ihr Ehemann an und schäumte: Ich bring' dich um! Aber daran denken Kristina und Moritz lieber nicht zurück.

Viel mehr beschäftigt die beiden, dass ihre Dienstzeit bald vorbei sein soll. Wieder in Deutschland zu leben, das können sich die beiden gerade nicht so recht vorstellen - auch wenn sie manche Alltagsprobleme in Caracas nerven. Vor einiger Zeit etwa ist das Internet zu Hause für ein paar Tage ausgefallen.

Als der Techniker endlich zur Reparatur vorbeikam, erklärte er ihnen beiläufig die Ursache der Störung: Das Telefonkabel war durch eine Pistolenkugel durchtrennt worden.

insgesamt 4 Beiträge
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Tastenhengst, 28.07.2011
1. Dann kann ja alles nur toll werden!
Wilhelm Reich nannte eine ähnliche Situation in der frühen Sowjetunion die "Geburtswehen einer besseren Ordnung". Damals wurden nämlich Enteignungen durchgeführt, die TscheKa im Bekämpfen auffälliger Elemente praktisch geschult, Homosexualität und Abtreibung legalisiert und viele andere fortschrittliche Maßnahmen durchgesetzt.
Außengeländer 29.07.2011
2. Latinas
Was mir sehr leid tut für den armen Moritz ist, dass er da mit seiner Freundin hin musste. Ein Jahr und keine Latina, ist so wie nie dort gewesen. Und dann lässt er sich beim SMS tippeln auch noch vom Ehemann erwischen. Das ist keine Spaß für den!
katjaelena 29.07.2011
3. Als Kindergärtner in der Mördergruppe.
Ich bin in Caracas geboren und in Venezuela aufgewachsen. 43 Jahre habe ich da gelebt. Es ist meine Heimat. Und noch nie war es so schlimm wie heut zutage. Man kann gar nicht beschreiben, wie diese Killer kaltblütig die Leute einfach erschiessen! Es ist denen vollkommen egal, ob es Jugendliche sind, die dort arbeiten, ob sie aus Deutschland kommen, oder sonst woher. Caracas, Valencia, Maracaibo...egal wo man wohnt, wenn man in eine Schiesserei zufällig reinkommt, kann man nur noch beten. Ich habe 3 Jahre in Caracas im Hospital Universitario gearbeitet und es ist wahnsinnig, was dort an Verletzten ( Tote gelten nicht mehr) täglich eingeliefert wird. In meiner Meinung sind die Jugendlichen und die Leute die diese Kinder dort hinschicken Grössenwahnsinnig und selber Schuld, wenn sie ermordet werden. Seit 6 Jahren bin ich aus diesem Komunnistischem Land weg und wohne zufrieden mit meiner Tochter in Spanien. Habe auch nicht die Absicht dort wieder hin zu reisen!
Lucybell78, 02.08.2011
4. .
Zitat von katjaelenaIch bin in Caracas geboren und in Venezuela aufgewachsen. 43 Jahre habe ich da gelebt. Es ist meine Heimat. Und noch nie war es so schlimm wie heut zutage. Man kann gar nicht beschreiben, wie diese Killer kaltblütig die Leute einfach erschiessen! Es ist denen vollkommen egal, ob es Jugendliche sind, die dort arbeiten, ob sie aus Deutschland kommen, oder sonst woher. Caracas, Valencia, Maracaibo...egal wo man wohnt, wenn man in eine Schiesserei zufällig reinkommt, kann man nur noch beten. Ich habe 3 Jahre in Caracas im Hospital Universitario gearbeitet und es ist wahnsinnig, was dort an Verletzten ( Tote gelten nicht mehr) täglich eingeliefert wird. In meiner Meinung sind die Jugendlichen und die Leute die diese Kinder dort hinschicken Grössenwahnsinnig und selber Schuld, wenn sie ermordet werden. Seit 6 Jahren bin ich aus diesem Komunnistischem Land weg und wohne zufrieden mit meiner Tochter in Spanien. Habe auch nicht die Absicht dort wieder hin zu reisen!
Bitte erzähen Sie dies in Deutschland den Chavezfans, die gemütlich und SICHER aus ihren Uni-WGs posten, was für ein toller Held Chavez doch ist. Komisch, daß die sich in diesem Forum noch gar nicht zu Wort gemeldet haben, um ihre chavezolution zu verteidigen.
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